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Bei der Lübbecker-Land-Tafel werden in Espelkamp Lebensmittel sortiert. - © Tyler Larkin
Bei der Lübbecker-Land-Tafel werden in Espelkamp Lebensmittel sortiert. | © Tyler Larkin

Lübbecke Lübbecker-Land-Tafel: 1.200 Menschen werden mit Lebensmitteln versorgt

Ausgabestellen im Lübbecker Land ziehen Bilanz. Veränderungen im Umgang mit Lebensmittelresten sind spürbar. Bei den Kunden gibt es einige interessante Entwicklungen. Ein Problem bleibt.

Karsten Schulz
11.09.2019 | Stand 11.09.2019, 16:58 Uhr

Lübbecker Land. In Deutschland werden täglich etliche Tonnen Lebensmittel vernichtet, obwohl sie noch verzehrfähig sind. Inzwischen führt diese Thematik zu einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion. "Umso empörender ist es, dass gleichzeitig bei vielen Menschen Mangel herrscht", kritisiert der Dachverband der Tafeln in Deutschland die soziale Schieflage in Deutschland. Die gemeinnützigen Tafeln, wie auch die Lübbecker Land Tafel, schaffen einen Ausgleich: Sie sammeln überschüssige, qualitativ einwandfreie Lebensmittel und verteilen diese an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte. Mit ihrer schnellen und unbürokratischen Hilfe lindern die Tafeln die Folgen von Armut in einer reichen Gesellschaft - und stehen für Solidarität und Mitmenschlichkeit. Zahl der Nutzer geht seit 2016 zurück "Das ist und bleibt auch so, obwohl sich inzwischen auch einiges verändert", sagt der Vorsitzende des Fördervereins, Jürgen Obernolte, im Gespräch mit der NW. Er hat sich gemeinsam mit seinem Vorstand die Mühe gemacht, die vergangenen drei Jahre in einer Statistik gegenüberzustellen. Dabei wird deutlich, dass die Zahl der Tafelnutzer von 2016 bis heute zurückgegangen ist. "Wir stabilisieren uns auf etwa 1.200 Menschen, die unsere Angebote in den Ausgabestellen in Espelkamp, Lübbecke, Pr. Oldendorf, Rahden, Schnathorst und Wehdem nutzen", sagt Obernolte. Im Mai 2019 knapp 1.200 Kunden bei der Tafel Im Mai 2016 waren es noch knapp 1.700 Menschen,die sich Lebensmittel von der Tafel holten. Die Hälfe davon waren mit 828 Menschen die gerade neu nach Deutschland gekommenen Asylbewerber. Im gleichen Monat 2018 wurden nur noch 1.232 Nutzer registriert, darunter nur noch 467 Asylbewerbe, aber 765 Menschen, die ALG II oder eine sehr geringe Rente beziehen. Und schließlich waren es bisher im Mai 2019 knapp 1.200 Männer, Frauen und Kinder, darunter 518 Asylbewerber und 676 ALG II-Bezieher und Rentner. Am stärksten in Anspruch genommen wird die Ausgabestelle Espelkamp, gefolgt von Lübbecke, Rahden, Wehdem, Schnathorst und Pr. Oldendorf. Zahl der Rentner wird weiter steigen, so die Prognose Das Vorstandsteam der Tafel, das jetzt am Sitz der Tafel in Espelkamp Bilanz zog, geht davon aus, dass die Zahl der Rentner weiter steigen wird. Vor allem diejenigen, die die geringe Witwenrente vom Lebenspartner beziehen, fallen häufig unter den Sozialhilfesatz. Auch Alleinerziehende mit Kindern sind immer wieder und lange Kunden der Tafel. Es werde immer schwieriger, den Kreislauf der Hartz IV-Empfänger zu durchbrechen, so die Beobachtung des Tafel-Vorstandes. Sie wünschen sich eine Ganztagsschule, so dass beispielsweise auch die Kinder immer ausreichend zu essen bekämen. "Anfangen müssten wir allerdings bereits in den Kindergärten", so Magdalena König. Discounter nehmen Lebensmittel zurück in ein zentrales Lager Natürlich gibt es auch einige kritische Punkte, auf die das Tafel-Team blicken muss. So werde beispielsweise bei den Discountern überlegt, die zu viel hergestellten Lebensmittel zentral zurückzunehmen und sie über zentrale Lager zu verteilen . "Wie kommen wir dann an unsere Lebensmittel heran?", fragt sich Jürgen Obernolte. Diese Lager sind oftmals mehrere hundert Kilometer weit entfernt. Aktuell sind drei Fahrzeuge der Tafel mit ehrenamtlichen Fahrern im Einsatz, die täglich 40 Geschäfte und auch Bäckereien anfahren,um dort überschüssige Ware abzuholen. Inzwischen gehöre auch die Gärtnerei des Schlosses Haldem zu den Lieferanten. "An einem Tag wurden schon einmal 20 Kisten mit Salaten abgeholt", erinnert sich Obernolte. "Es wird nichts vernichtet" Nach wie vor bekomme man "reichlich Lebensmittel". Hin und wieder stoße man"sogar an die eigenen Grenzen." Es gebe jedoch drei bis vier Landwirte aus der Region, die Reste von Tafel-Lebensmitteln wieder abnehmen würden. Obernolte: "Bei uns wird nach wie vor alles verwertet, es wird nichts vernichtet." Ein besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang der Firma Prima Food in Espelkamp. "Wenn wir einmal etwas zwischenlagern, kühlen oder einfreren müssen, brauchen wir hier nur anzurufen und man stellt uns Lagerkapazität zur Verfügung. Das ist ganz super", freut sich der Vorsitzende. Verschiedene Angebote der Tafel werden gut angenommen Gut laufe auch die vom Amt pro Arbeit geförderte Maßnahme in der Ausgabestelle der Tafel in Espelkamp. 20 Menschen würden hier arbeiten, manchmal seien jedoch nur zwölf bis 13 Kräfte vor Ort. "Wir würden massive Schwierigkeiten bekommen, wenn diese öffentliche Arbeit nicht mehr gefördert würde. Darüber hängt immer ein Damoklesschwert", so Obernolte. Gut liefen die zusätzlichen Angebote der Tafel, wie die morgendlichen Cafés an den Ausgabeorten ab 7.30 Uhr. Das entwickele sich immer stärker zu einem Ort der Kommunikation und werde sehr gut angenommen, zusätzlich gebe es am Dienstag in Lübbecke ein Café von 10 bis 12 Uhr. Problem: Weiterhin werden ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht Ebenso gut laufe die Weihnachtskisten-Aktion, jetzt bald wieder die Schulranzen-Aktion mit Erstausstattung für die i-Männchen. Im vergangenen Jahr wurden 46 Ranzen gesponsert, in diesem Jahr sind es wieder 74. Auch die Aktion "Kinder auf Reisen" laufe sehr gut. Weiterhin würden ehrenamtliche Mitarbeiter benötigt. Ehrenamtliche Fahrer habe man einige neue hinzugewinnen können, insbesondere durch eine Aktion in Rahden, freute sich Obernolte. Dennoch benötige der Förderverein weitere Mitglieder, auch über weitere Spenden sei er sehr dankbar.

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