Der Musiker: Paul Bolsenbroek spielt jeden Tag Gitarre, weil es ihm Spaß macht und man nie auslerne, wie er sagt. Das Musikhaus Lohmeier ist ein kleines Paradies für alle, die so denken wie er. - © Heike von Schulz
Der Musiker: Paul Bolsenbroek spielt jeden Tag Gitarre, weil es ihm Spaß macht und man nie auslerne, wie er sagt. Das Musikhaus Lohmeier ist ein kleines Paradies für alle, die so denken wie er. | © Heike von Schulz

Espelkamp Musikhaus Lohmeier schließt nach 34 Jahren

Musik als Lebenseinstellung: Paul Bolsenbroek blickt zurück auf die gute alte Zeit

Espelkamp-Gestringen. Die Zeiten ändern sich. Der Onlinehandel im Internet gräbt kleinen Fachgeschäften das Wasser ab. Und am Ende müssen sie aufgeben. So ergeht es Paul und Inge Bolsenbroek mit ihrem Musikhaus Lohmeier in Gestringen. Nach 34 Jahren werden sie nun ihren Laden schließen. „Es lohnt nicht mehr, für einen Kunden am Tag die Tür aufzuhalten“, sagt Paul Bolsenbroek. Der Internethandel sei zu mächtig. „Wir haben keine Chance, mit der Preispolitik mitzuhalten. Von Firmen, die mich mehr als 30 Jahre beliefert haben, bekomme ich keine Neuware mehr. Das ist unvorstellbar“, meint Paul Bolsenbroek enttäuscht und traurig. Er hätte gern noch weitergemacht, auch wenn er schon 68 sei. Die Leute würden bei ihm Instrumente ausprobieren, dann im Internet kaufen und wieder zu ihm zurückkommen, wenn sie Fragen haben. „Mit dieser Einstellung der Leute kommen wir nicht weiter. Das geht doch nicht“, meint der gemütliche Vollblutmusiker aus Amsterdam, der für sein großes Fachwissen über Gitarren, Tasteninstrumente, Flöten, Percussion und alles, was dazugehört, in der Region bekannt und beliebt ist. »Heute kommt Unterhaltungsmusik aus dem Computer« Geschichten aus der guten alten Zeit als Berufsmusiker und aus dem Geschäft kann Paul Bolsenbroek viele erzählen. „Ich könnte ein Buch schreiben“, sagt er. In Amsterdam geboren, kommt er schon als Kind mit Musik in Berührung. Die Mutter spielt Piano, der Vater Gitarre, der Bruder Schlagzeug. „Alle haben Kracht gemacht“, lacht Paul. Er lernt Trommel, Orgel und Gitarre, spielt als Jugendlicher im Spielmannszug und wird später Berufsmusiker. Sechs Abende die Woche ist er mit der Band „Top 4“ aufgetreten und hat Tanzmusik gemacht, er selbst an der Gitarre und den Keyboards, gesungen haben alle vier. „Das war eine gute Zeit. Wir haben die Songs der 60er- und 70er-Jahre gespielt, Beatles, Stones und Bee Gees, die Stimmung war bombig. Damals war man als Musiker anerkannt. Heute kommt die Unterhaltungsmusik aus dem Computer. Handgemachtes geht verloren, daran gehen wir kaputt“, ist seine Meinung. Inge Lohmeier lernt er über einen Musikerkollegen kennen, der mit ihrer Freundin liiert war. 1976 heiratet Paul Bolsenbroek in die Fahrradhandlung Lohmeier in Gestringen ein, repariert mit seinem Schwiegervater Karl Lohmeier Räder, Mopeds, Rasenmäher und bedient die Kundschaft an der Tankstelle. Bald findet er in der Lübbecker „Jazzgroup“ und der Band „Flashback“ ein neues musikalisches Wirkungsfeld in seiner neuer Heimat. „Flashback“ gibt es noch heute. Die Musiker proben einmal die Woche „aus Spaß an der Freude“ in dem großzügig ausgestatteten Übungsraum in dem geräumigen Gebäude von 1936 an der Gestringer Straße, dem Elternhaus seiner Ehefrau Inge. Das Musikhaus Lohmeier sei nach und nach entstanden. 1983 habe er die Musikboutique Jansen aus Lübbecke übernommen. „Der Inhaber war mein Kollege aus Holland und Mann der Freundin meiner Frau, die uns zusammen gebracht hat“, erzählt er. 1984 eröffnen Inge und Paul Bolsenbroek das Musikhaus Lohmeier. Die Fahrradwerkstatt läuft weiter. „Mein Vater ist 98 geworden, mit 95 hat er noch Räder repariert. Wir hatten damals von 6 bis 22 Uhr geöffnet, die Kundschaft hat uns auch nachts zum Tanken rausgeklingelt. Und für fünf Mark gab es eine Autowäsche per Hand“, erinnert sich Inge Bolsenbroek (67). Das Musikhaus Lohmeier floriert. Zu den besten Zeiten braucht Paul Bolsenbroek starke Nerven, wenn mehrere Kunden gleichzeitig Instrumente testen und die Akkorde von Deep Purples „Smoke on the Water“ auf der Gitarre hämmern oder die Noten von Beethovens Klavierstück „Für Elise“ auf dem Keyboard klimpern. „Aber es hat mir Spaß gemacht. Es kamen viele gute Musiker und solche, die meinten, sie wären gut“, sagt Bolsenbroek mit einem Zwinkern. Einmal habe ein ganzer Gospelchor aus den USA bei ihm im Laden gestanden und gesungen oder ein Punk mit einem bunten Irokesen-Haarschnitt. „Opa“ Karl Lohmeier sei schwer beeindruckt gewesen, erinnern sich beide. „Musik kennt keine Hautfarbe, keine Religion. Musik ist die Sprache, die jeder versteht“, so Paul Bolsenbroek. Sein Sohn lernt Schlagzeug, der Enkel Keyboard und singt im Schulchor. Nur Inge Bolsenbroek hört lieber zu, wenn ihr Mann die Songs aus der guten alten Zeit spielt, als dass sie selbst zum Instrument greift. »Ich mache jeden Tag Musik, weil es mir Spaß macht« Von einem Tage auf den anderen werde das Musikhaus nicht zugesperrt. „Wir haben keine Eile“, meint Bolsen-broek. Im Oktober beginne der Räumungsverkauf. Und dann? „Ich spiele jeden Tag Gitarre oder Keyboard, einfach weil es mir Spaß macht“, sagt Bolsenbroek. Außerdem unternehme er gerne Radtouren auf dem E-Bike mit seiner Frau und werde seinem Modelleisenbahn-Hobby mehr Zeit widmen. „Laut“ werde es auch in Zukunft in dem Gebäude mit der alten Tankstelle, denn der Musikunterricht laufe weiter. Paul Bolsenbroek: „Wir suchen übrigens noch einen Gitarrenlehrer.“

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