Konzentriert: Für jeden Zuhörer, der ein Buch kaufte und es vom Meister signieren lassen wollte, hatte der Autor ein paar persönliche Zeilen übrig, die er fein säuberlich aufschrieb. - © Karsten Schulz
Konzentriert: Für jeden Zuhörer, der ein Buch kaufte und es vom Meister signieren lassen wollte, hatte der Autor ein paar persönliche Zeilen übrig, die er fein säuberlich aufschrieb. | © Karsten Schulz

Espelkamp Stammesführer der Tuwa-Mongolen liest und diskutiert im Espelkamper Teppichhaus Tönsmann

Musikalische Lesung: Schamane und Buchautor Galsan Tschinag diskutiert im Teppichhaus Tönsmann mit mehr als 250 Besuchern. Kehlkopf-Gesänge faszinieren

Espelkamp. Im Teppichhaus Tönsmann gab's am Donnerstagabend nur fröhliche Gesichter. Einmal bei allen Mitgliedern des Familienunternehmens, die sich über das große Interesse freuten, denn mehr als 250 Zuhörer fanden den Weg zum Literatur- und Gesprächsabend mit Galsang Tschinag. Fröhlich, fast liebevoll und warmherzig präsentierte sich der Autor, Stammesführer und Schamane selbst, was wiederum auf?s Publikum übersprang, das zunächst aufgrund des grauen Regenwetters etwas griesgrämig daherkam. Wer genauer in das Gesicht des Germanistik-Professors aus Leipzig blickte, dem wurde gleich warm ums Herz. "Dankeschön - meine lieben Kinder", sagte er gleich zu Beginn und blickte sich fröhlich lächelnd um. Um ihn herum hatte sich eine große Menschenmenge niedergelassen, die geradezu an seinen Lippen hing. Darunter auch einige Fans der mongolischen Kultur und Anhänger der New Age-Bewegung, die zum Teil in folkloristischer Tracht erschienen. "Es geht mir prächtig. Mir fehlt nichts. Ich habe alles um mich herum", äußerte sich Tschinag zu seiner eigenen Gefühls-und Seelenlage. Damit gemeint war wohl auch die Flasche mit rot funkelndem marokkanischen Rotwein neben ihm . "Ich trinke nur mit meinen besten Freunden. Damit bekenne ich mich zu Euch", sagte er offenherzig. Überhaupt liebt Galsan Tschinag die Nähe. Er nimmt die Menschen gerne in den Arm, nimmt ihnen ihre Ängste. Er liest einige Passagen aus seinem Buch "Mein Altai" vor und gibt den drei Musikern von "Transmongolia" einen kurzen Hinweis: "Wenn ich nicht mehr reden kann, können die Musiker mich retten." Mystisch klingende Kehlkopfgesänge, begleitet von Akkorden auf der Pferdekopfgeige, die einem Cello sehr ähnlich klingt, faszinierten. So ist die Musik doch nicht so fremd, wie man es zunächst vermutet hatte. Er lebe in drei Welten. Einmal in der hochzivilisierten mitteleuropäischen Welt in Deutschland, wo alles seine Ordnung habe, dann reise er 1.500 Jahre zurück, wenn er in seiner Jurte im West-Altai mit seinen Stammesbrüdern und Schwestern lebe und schließlich in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator: "Das ist reinster Manchester-Kapitalismus hier". Mit ein wenig Trauer in der Stimme muss er in diesem Zusammenhang feststellen, dass sich fast 40 Prozent seines Landes inzwischen fest in der Hand von großen Konzernen - vor allem Energieriesen - befinden. Sie beuteten die Mongolei, die nach dem Kongo die reichsten Vorkommen an Uran, Gold, Silber und seltenen Erden, aufweise, aus. "Wir Mongolen haben nichts davon, nur stinkende Abraumhalden und Müllkippen. Doch es formiert sich eine Gegenbewegung", sagt Galsan Tschinag in Espelkamp. Natürlich ist er einer der Führer. Inzwischen hat er - vor allem rund um Ulan Bator - mehr als 550.000 Bäume pflanzen lassen, die vor allem aus seinen Stiftungen und aus dem Verkauf der zahlreichen Bücher finanziert werden. "Ich beneide die Deutschen um ihr gemäßigtes, sanftes Klima und die schwarzen Böden und den vielen Regen, den ich gerne mit den Bodenschätzen in meinem Lande eintauschen würde." Nur wenig erzählte er vom Schamanismus. "Es sei ein "Spiel mit dem Feuer, man könne sich schnell selbst verbrennen". In jedem Menschen stecke etwas von dieser Kraft, so Tschinag, bei einigen mehr, bei anderen weniger. Das sei wie bei Künstlern und Musikern. Wahrscheinlich wird Familie Tönsmann im kommenden Jahr zu einer weiteren Begegnung mit dem Weltbürger Galsan Tschinag einladen. "Wir haben jetzt schon mehr als 30 Anmeldungen für ein weiteres Schamanismus-Seminar", sagt Rita Obermeier, bei Tönsmann für Öffentlichkeitsarbeit und Event-Marketing zuständig.

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