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Bad Oeynhausen Vom Gotteshaus direkt ins Amtsgericht

Bad Oeynhausener kehren Kirche vermehrt den Rücken / Superintendent Andreas Hunke kritisiert mangelhafte Differenzierung

VON PETER STEINERT
01.11.2013 | Stand 31.10.2013, 19:28 Uhr
Der Rückzug macht sich auch in der Kirche Peter und Paul (Bild) bemerkbar. - © FOTO: PETER STEINERT
Der Rückzug macht sich auch in der Kirche Peter und Paul (Bild) bemerkbar. | © FOTO: PETER STEINERT

Bad Oeynhausen. Volker Krecht ist ausgelastet. Es dauert eine Weile, bis Richterin An-drea Schumann als Sprecherin vom Amtsgericht Bad Oeynhausen ihren Kollegen erreicht. Der Sachbearbeiter für Kirchenaustritte sitzt im Zimmer 52 und hat alle Hände voll zu tun. "Als wenn ein ganzer Bus vorgefahren wäre", lässt er Schumann an diesem Donnerstag wissen.

Erst später kommt er dazu, die Kirchenaustritte des Jahres 2012 mit den aktuellen Zahlen zu vergleichen. Die Tendenz ist klar: Die Katholiken kehren ihrer Kirche verstärkt den Rücken. Aber auch die evangelischen Christen nehmen zunehmend Abstand.

Der Skandal um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst ist längst über die hessische Landesgrenze geschwappt und hat eine Welle von Kirchenaustritten ausgelöst. Besonders deutlich ist der Anstieg etwa in Bielefeld zu spüren, wo sich die Zahl im Oktober verglichen mit dem Vormonat verdoppelt hat. In Paderborn verdreifachte sich die Zahl der Kirchenaustritte sogar. Reagiert haben aber auch heimische Gläubige, die ihren Abschied von der Kirche im Zimmer 52 des Amtsgerichts Bad Oeynhausen dokumentieren ließen.

Vor allem in den vergangenen zwei Monaten sei, so Andrea Schumann, die Austritts-Zahl noch oben geschnellt. "Im vergangenen Jahr haben zum Stichtag 31. Oktober 214 Menschen die Kirche verlassen. In diesem Jahr sind es schon 322 Bürger gewesen", sagt die Richterin. Oliver Kleimeier, Geschäftsführer am Bad Oeynhausener Amtsgericht, konkretisiert: "Im September 2013 hatten wir 18 Kirchenaustritte, im Oktober 2013 waren es 44. Das ist eine deutliche Steigerung."

Mit der Zahl der Austritte nimmt in gleichem Maß der Unmut bei Superintent Andreas Huneke zu. Der evangelische Geistliche vom Kirchenkreis Vlotho kritisiert die mangelhafte Differenzierung in der Berichterstattung. "Viele Menschen nehmen den Unterschied zwischen katholischer und evangelischer Kirche nicht wahr", sagt Huneke, der schon bei den Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen eine ähnliche Verunsicherung unter seinen Glaubensbrüdern und -schwestern ausmachte.

Nun also Limburg mit Tebartz-van Elst. Einem Bischof. Wie es auch der Bad Oeynhausener Andreas Huneke sein könnte. Wäre er denn katholisch. "Ich bin für die Ordination verantwortlich, was in etwa der katholischen Priesterweihe entspricht. Zudem habe ich die Leitung des Kirchenkreises und die Aufsicht über die Arbeit der Kirchen", sagt Huneke und nennt damit wesentliche Eckpunkte seines Amtes, die sich mit den Aufgaben eines katholischen Bischofs überschneiden.

Von Glanz und Gloria auf der einen und von gelebter Bescheidenheit auf der anderen Seite mag der Chef von 45 Pfarrer nicht sprechen. Dennoch macht er bei den Finanzen gravierende Unterschiede aus. Was laut Hunke nicht nur daran liege, "dass wir ein transparenteres Finanzsystem haben".

So waren im vergangenen Juni die ansonsten unter Verschluss gehaltenen Kosten für den Bischofssitz in Limburg bekannt geworden. Demnach wurden allein für die Arbeiten am historischen Bestand wie etwa der Stadtmauer 9,85 Millionen Euro berechnet. Ursprünglich waren für das Gesamtprojekt 5,5 Millionen Euro eingeplant. Davon sollten 2,5 Millionen Euro aus einer Rücklage des Bistumshaushalts aus dem Jahr 2004 stammen. Die übrigen Kosten sollte der Bischöfliche Stuhl, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, tragen.

Und auch in diesem Punkt sieht der Bad Oeynhausener Geistliche erhebliche Differenzen. "Der Limburger Bischof kann über die Finanzen des Bischöflichen Stuhls verfügen. Wir haben auch einen solchen Posten. Finanziert werden beispielsweise Geschenke zur Amtseinführung von Priestern. Mitunter lade ich meine Pfarrer ein. Das Geld ist aber auch für besondere Notfälle."

Ohne zu zögern verrät Andreas Hunke die Summe, auf die er ohne weitere Absprache Zugriff hat: "Es sind 3.000 Euro im Jahr."

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