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Diese junge Frau beteiligte sich zusammen mit der Angeklagten an der Blockade des Castor-Transportes im November 2010 auf den Gleisen in der Nähe von Gorleben. Gestern verfolgte sie die Verhandlung vor dem Amtsgericht als aktive Zuhörerin. - © FOTO: PRIVAT
Diese junge Frau beteiligte sich zusammen mit der Angeklagten an der Blockade des Castor-Transportes im November 2010 auf den Gleisen in der Nähe von Gorleben. Gestern verfolgte sie die Verhandlung vor dem Amtsgericht als aktive Zuhörerin. | © FOTO: PRIVAT

BAD OEYNHAUSEN Anklage gegen Umwelt-Aktivistin

Prozess gegen Anti-Castor-Demonstrantin aus Bad Oeynhausen vertagt / Richter lässt sich nicht provozieren

VON HEIDI FROREICH VON HEIDI FROREICH
19.04.2012 | Stand 18.04.2012, 20:23 Uhr

Bad Oeynhausen. Die Angeklagte braucht Zeit, bis sie auf ihrem Stuhl Platz nimmt. In aller Ruhe holt die 19-Jährige Saft, Eistee und Thermoskanne aus dem Rucksack, stellt es ebenso wie zwei dicke juristische Fachbücher und ein kleines Bild mit einem Sonnenaufgang auf den Tisch: "Ich muss mir eine Atmosphäre schaffen, in der ich mich zu meiner Verteidigung fähig fühle."

Amtsrichter Werner Meyer zeigt sich geduldig, noch hat er die Hoffnung, dass das Verfahren so viele Getränkepausen gar nicht erforderlich macht. Eine knappe Stunde sieht das anders aus. Er unterbricht und vertagt die Verhandlung.

Die Anklageschrift wurde immerhin schon mal verlesen. Sabine R. (Name von der Red. geändert) soll eine Flasche Korn in einem Supermarkt gestohlen haben. Außerdem soll sie bei einer Blockade des Castortransportes ins Wendland mitgewirkt haben. Nötigung und Beihilfe zur Störung öffentlicher Betriebe lautet der juristische Vorwurf.

Den weist sie im Vorfeld des Prozesses in einer Presseerklärung zurück: "In dem Prozess geht es nur darum, eine unliebsame Aktivistin, die auf unkalkulierbare Risiken für das Leben auf der Erde aufmerksam macht, zu bestrafen".

Als Aktivistin erweist sie sich auch vor Gericht. Sie zaubert einen Zylinder hervor. Der soll als "Redehut" dazu dienen, allen im Gericht Anwesenden - allen voran mehr als 30 weiteren aktiven Atomkraftgegnern - die Mitwirkung ermöglichen. Meier nimmt den ungewöhnlichen Auftritt zur Kenntnis, verweist auf die Strafprozessordnung und muss anschließend mehrfach mit dem Sitzungsverweis drohen, weil die Zuhörer seine Bemerkungen immer wieder laut kommentieren.

Für sich selbst verlangt die Angeklagte zusätzliche juristische Unterstützung - durch Peter, Mitaktivist, aber juristischer Laie. Das ist zwar ungewöhnlich, aber wie Richter Meier nach Blick in einschlägige Kommentare feststellt, durchaus zulässig. Ähnliches gilt für den Wunsch der Anklagten, alle Verfahrensprotokolle als kostenlose Kopien zu erhalten.

"Hier darf niemand gezwungen werden, sich zu erheben. Das ist eine Inszenierung staatlicher Macht". Über diesen Antrag entscheidet Richter Meier ganz pragmatisch: "Ein Urteil wird nicht unwirksam, nur weil jemand sitzenbleibt."

Ausprobiert wird das gestern nicht. Sabine R. weiß nach zehnminütiger Verfahrenspause nicht, ob sie auch im Prozess den Flaschendiebstahl gestehen soll und damit für ein schnelles Verfahrensende sorgen will.

Richter Meier will den weiteren Tages-Terminplan einhalten und vertagt den Prozess auf Mittwoch, 24. März, 14 Uhr. Weiterer Verzögerung beugt er vor, sicherheitshalber wird eine Zeugin geladen, die - auch ohne Geständnis - für eine Aufklärung sorgen soll.

Das letzte Wort behalten gestern die Aktivisten. Sie klatschen nach Sitzungsende erst Beifall und rufen dann dem Richter zu: "Danke für die entspannte Atmosphäre." Ob Sabine R. beim nächsten Termin wohl auf Getränke und schöne Bilder verzichten wird?

Nicht den Respekt verlieren

KOMMENTAR VON HEIDI FROREICH

Die Angeklagte und ihre Unterstützer wollen den Rechtsstaat vorführen – und bedienen sich dabei der Mittel, die er ihnen in der Strafprozessordnung zur Verfügung stellt. Das ist legal, könnte aber gefährlich werden. Ihr Einsatz gegen die Atomkraft verdient Respekt. Doch den werden sie verlieren, wenn aus dem Prozess ein Happening wird.

heidi.froreich@ihr-kommentar.de

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