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Mindestens 30 auf einer Weide in Werste gelagerte Heuballen wurden im September 2010 ein Raub der Flammen. Gestern wurde Besitzer Andreas Kollmeyer als Zeuge gehört. - © FOTO: STEINERT
Mindestens 30 auf einer Weide in Werste gelagerte Heuballen wurden im September 2010 ein Raub der Flammen. Gestern wurde Besitzer Andreas Kollmeyer als Zeuge gehört. | © FOTO: STEINERT

BIELEFELD/BAD OEYNHAUSEN Wie aus der Existenz Asche werden kann

Mutmaßliche Serientäter hören die Zeugenaussagen zu den Bränden

VON PETER STEINERT
31.01.2012 | Stand 30.01.2012, 19:43 Uhr

Bielefeld/Bad Oeynhausen. 28 Raubüberfälle sind abgearbeitet. Seit gestern werden die Zeugen zu den 44 Brandstiftungen vernommen, für die sich Betty S. und Joel V. seit dem 12. Januar vor dem Landgericht Bielefeld verantworten müssen. Eine der Betroffenen offenbarte an diesem siebten Verhandlungstag, mit welchen Folgen Geschädigte zu kämpfen haben.

Während sich die beiden Bad Oeynhausener Täter zur Plattform am Kaiser-Wilhelm-Denkmal verdrückt hatten und von dort das einsetzende Spektakel mit flackerndem Feuerschein und blitzenden Blaulichtern verfolgten, versuchte unten an der Weser Heike Otte mit ihrer Familie verzweifelt 14 Pferde zu retten. "Am Abend hatten wir uns ausnahmsweise mal ein Glas Sekt gegönnt und auf die gute Ernte angestoßen", schilderte die Portanerin den Abend des 15. Juni 2010, nachdem sie die letzten der 103 Strohballen unter Dach und Fach gebracht hatte.

Dieses für die Pferde der privaten Stallgemeinschaft in Costedt gedachte Futter war das Ziel der beiden Brandstifter. Fast wären die Tiere in den Flammen umgekommen. "Wer so etwas macht, der muss schon sehr abgebrüht sein", sagte die 51-Jährige, der in der Brandnacht etliche Helfer zur Seite standen und die Pferde retteten. Bei den Heuballen gab es indes nichts mehr zu retten. "Wir konnten sehen, wie unsere monatelange Arbeit in Flammen aufging", erklärte die Zeugin, die bis heute mit ihrer Versicherung um Schadenersatz ringt. "Die Versicherung sagt, dass Heuballen und ein Zelt nicht zu versichern sind", sagte Heike Otte, bei der durch den Brand ein Schaden von 24.550 Euro entstanden ist und die zuletzt vor dem Landgericht Bielefeld gestanden hatte und die jetzt die nächste Instanz am Oberlandesgericht Hamm eingeschaltet hat. Otte: "Es geht um unsere Existenz." Wenigstens einen kleinen Teil des durch die Brandstifter angerichteten Schadens erhielt der Werster Andreas Kollmeyer. "Die Versicherung trug den Herstellungswert, aber nicht dem Wiederbeschaffungswert", erklärte der 48-Jährige, auf dessen Areal 50 Silageballen als Futter für Pferde am 13. September 2010 angesteckt worden waren.

Hoffnung auf Entschädigung sollten bei keinem der Betroffenen aufflackern, sofern kein Vollkasko-Schutz abgeschlossen war. Das gilt gleichermaßen für eine Mindenerin, die den Totalverlust ihres 19 Jahre alten und damit nur wenige Euro wertvollen Fahrzeugs zu verkraften hatte. Wie auch für eine Baufirma, deren 121.000 Euro teurer Muldenkipper auf dem Areal der Nordumgehung in Flammen aufgegangen war. Richter Reinhard Kollmeyer zu einem derzeit arbeitslosen Portaner, dessen Seat-Kastenwagen nach einem Brand in der Schrottpresse gelandet war: "Bei uns kriegen sie außer Fahrtkosten, Verdienstausfall und sonstigen Auslagen eh' nichts. Und von den Angeklagten wahrscheinlich auch nicht." Betty S. und Joel V. erwartet am Freitag, 10. Februar, der achte Verhandlungstag am Landgericht.

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