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BAD OEYNHAUSEN/MÜNCHEN Der jüngste Hüttjer

Warum ein Münchner die Weserhütte in sein Testament aufgenommen hat

VON ULF HANKE
30.12.2010 | Stand 29.12.2010, 20:52 Uhr
Der Münchner Frank Pfeiffer (43) sammelt alles zum Thema Eisenwerk Weserhütte. Im Vordergrund: Seilbagger - © FOTOS: ULF HANKE
Der Münchner Frank Pfeiffer (43) sammelt alles zum Thema Eisenwerk Weserhütte. Im Vordergrund: Seilbagger | © FOTOS: ULF HANKE

Bad Oeynhausen/München. Die Baggertür klemmt. 30 Kilogramm Stahl scheuern auf Beton. Frank Pfeiffer zieht die Tür aus einer Nische zwischen Kellerwand und Regal. Eine Baufirma aus Gilching bei München wollte ihren alten Bagger verschrotten und Pfeiffer durfte sich was aussuchen. Eigentlich hatte er es nur auf das Firmenlogo der Weserhütte abgesehen. Das große W ließ sich aber nicht lösen. Da hat er die ganze Tür genommen und in seinem Wohnzimmer wieder aufgehängt - bis eine handgroße Spinne herauskrabbelte.

Der 43-jährige Münchner hat ein Schwäche für Seilbagger und das untergegangene Eisenwerk Weserhütte, aber nicht für achtbeinige Lebewesen. Seit dem Vorfall mit der Spinne steht die Tür des Raupenseilbaggers W 12 im Keller. Oben in seiner Münchner Wohnung stapeln sich Bedienungsanleitungen und Konstruktionszeichnungen, in Regalen stehen sämtliche Bücher und Broschüren zum alten Eisenwerk und auf einem Sims über der Wohnzimmertür thront ein Seilbagger in Miniatur. Pfeiffers Herz schlägt für die Weserhütte.

Dabei hat er nie in dem Bad Oeynhausener Eisenwerk gearbeitet. Auf Hüttjertreffen wäre er wohl der einzige Teilnehmer ohne graue Haare. Theoretisch hätte der 43-Jährige als einer der letzten Auszubildenden auf der Hütte arbeiten können. Doch Pfeiffer ist weder Arbeiter, noch Ingenieur. Er ist in Kassel aufgewachsen, hat Sozialwissenschaften in Göttingen studiert und abgeschlossen.

Information
www.die-weserhuette.de

Bis vor kurzem hat er für den Baukonzern Hochtief das Computer-Netzwerk koordiniert. Die Mitarbeiterzeitschrift des Konzerns beschrieb sein Hobby als "tonnenschwere Leidenschaft". Inzwischen arbeitet Pfeiffer für die Arbeiterwohlfahrt in München.

Kaum zu glauben, dass so einer im Führerhaus eines 180-Tonnen-Baggers sitzt und Kies schaufelt. Aber genau das hat Pfeiffer schon getan, im SW 530, einem von zwei Exemplaren des Weserhüttebaggers, die in Bayern noch im Einsatz sind. Ein bis zwei Kubikmeter Kies hat er auf die Schaufel genommen und nichts verschüttet. "Der Unternehmer stand hinter mir", sagt Pfeiffer und lacht.

So etwas vergisst man nicht. Seine Leidenschaft für das alte Eisenwerk hat er aber schon 2001 beim Bau der Münchner U-Bahn entdeckt. Gar nicht weit von seiner Wohnung in München-Moosach entfernt, schaufelte vor neun Jahren ein Bagger ein Loch für den Öffentlichen Nahverkehr. Hinten auf der riesigen Maschine stand ein Wort, dass Pfeiffer nicht kannte: Weserhütte und nicht Liebherr, Menck oder Caterpillar.

"Da ging’s los", erinnert sich Pfeiffer. Es war der Anfang einer langen Suche. Seitdem hat er nicht nur gesammelt, sondern auch veröffentlicht. Er betreibt die Internetseite zur Weserhütte, bekommt Anfragen aus der ganzen Welt. "Letzte Woche erst aus Taiwan", erzählt er. Jemand fragte nach Konstruktionszeichnungen für ein Ersatzteil. Pfeiffer konnte helfen: "Ich bin der, den alle fragen."

Zigmal hat er schon vor echten alten Bagger-Methusalems aus Bad Oeynhausen gestanden. Unternehmer machten ihm Kaufangebote "für einen Appel und ein Ei". Doch Pfeiffer schüttelte jedes Mal den Kopf. "Ich habe eine Nacht drüber geschlafen", erzählt er. "Und dann abgesagt." Denn: Wohin sollte er den Bagger stellen? Pfeiffer hat sich entschieden und sagt mit einem Augenzwinkern: "Ich sammle Altpapier."

Die meisten Originale hat er in Auktionshäusern ersteigert. Rund 5.000 Euro hat er dafür ausgegeben. "Hobby kostet Geld", sagt Pfeiffer und zuckt mit den Schultern. Ihm gehören Werkfotos, Blaupausen, Typenschilder, Betriebsbücher, Plakate, ein ewiger Kalender und der alte Türgriff zum Verwaltungsbau. Dieser Schatz liegt in München. Noch.

Der 43-Jährige hat sein Erbe geordnet. "Ich habe mein Testament gemacht", sagt Frank Pfeiffer und macht einen Moment Pause. "Ich habe keine Kinder", sagt er. Seine Sammlung zur Weserhütte soll aber nicht verschwinden. Wenn er stirbt, geht sie ans Stadtarchiv Bad Oeynhausen.

Gesucht: Ein Platz für Seilbagger

Der Münchner Frank Pfeiffer liest Bad Oeynhausen die Leviten. Bei einem Besuch in der Stadt hat er außerhalb des Stadtarchivs kaum Spuren des Eisenwerks Weserhütte gefunden. "Ich finde es beschämend, dass die Stadt es nicht fertig gebracht hat, einen Bagger zu erhalten", sagt Pfeiffer und macht einen Vorschlag.
Auf dem Gelände des Eisenwerks steht heute das Einkaufszentrum "Werre-Park". Pfeiffer: "Da wäre doch bestimmt Platz für einen Bagger." Das sieht Center-Managerin Jana Jaeschke anders. "Im Moment sehe ich dafür keine Möglichkeit", sagt sie. Das Andenken an die Weserhütte will die Center-Managerin allerdings aufrechthalten. "Wir wollen mit dem Heimatverein eine Gedenktafel errichten." Die Planungen dazu hätten sich allerdings verzögert, eigentlich sollten sie bereits nach den Sommerferien abgeschlossen sein. (ulf)

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