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Beschützend hält Anna Marchenko ihren Daniel im Arm. Sie wünscht sich
für ihn nichts mehr als Frieden. - © Mühlenkreiskliniken
Beschützend hält Anna Marchenko ihren Daniel im Arm. Sie wünscht sich
für ihn nichts mehr als Frieden. | © Mühlenkreiskliniken

Bad Oeynhausen Flucht als Hochschwangere: Ukrainerin bekommt Baby in Bad Oeynhausen

Anna Marchenko hat sich und ihren ersten Sohn aus der Ukraine gerettet und bekommt im Krankenhaus der Kurstadt den kleinen "Daniel". Sie berichtet vom Verlassen ihrer Heimat.

09.03.2022 | Stand 09.03.2022, 10:19 Uhr

Bad Oeynhausen. Seine Mutter lässt ihn nicht aus den Augen, ihren Jüngsten, Daniel, nur wenige Stunden alt, knappe drei Kilo schwer und 51 Zentimeter groß. Gesund, warm und sicher liegt er im Bettchen neben ihr im Krankenhaus Bad Oeynhausen. Ihr Blick ist erschöpft, stolz und glücklich – aber da ist auch noch etwas anderes: Sorge und Unruhe. Nicht dieses rundum zufriedene Strahlen, das man normalerweise bei einer jungen Mutter erwarten würde.

Aber was ist schon normal in einer Zeit, in der wieder Krieg ist in Europa. Und Daniel und seine Mutter: Sie sind ein Teil dieses Krieges geworden. Denn Anna Marchenko stammt aus der Ukraine. Am 1. März ist sie zusammen mit ihrem 17-jährigen Sohn Volodimir von dort geflüchtet. Hochschwanger, nur eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin von Daniel.

„Ich habe Glück gehabt. Aber mein Herz ist schwer“

Zwei Tage dauerte die Fahrt. Von Dnipro nach Lwiw, weiter bis zur polnischen Grenze. Dort hat sie, ihr in Bad Oeynhausen lebender Ehemann Denis, mit dem sie seit November verheiratet ist, mit dem Auto abgeholt. Die Fahrt nach Deutschland war schon lange geplant. Nur unter anderen Umständen. Nicht hochschwanger. Und nicht mitten durch ein Land, das Ziel eines russischen Angriffskrieges geworden ist.

Jetzt ist Anna Marchenko mit ihren beiden Söhnen in Sicherheit. In Gedanken aber ist sie immer noch bei ihren Familienmitgliedern in der Ukraine. Mit ihrer Schwester hält sie Kontakt übers Handy; die Bilder, die sie von ihr geschickt bekommt, zeigen Zerstörung und russische Panzer. Die Versorgung mit Essen und Medikamenten sei schlecht, es habe viele Tote gegeben. „Ich habe Glück gehabt. Aber mein Herz ist schwer“, sagt Anna Marchenko.

Die Busfahrt sei schrecklich gewesen, erzählt sie. „Als wir in Schytomyr waren, wurden wir fast von einer Rakete getroffen.“ Nur Frauen und Kinder waren mit ihr im Bus, keine Männer außer den beiden Fahrern. Auch im Gang standen, saßen und lagen die Passagiere: Die Sitzplätze reichten nicht für alle, deshalb wurde immer wieder getauscht. Was, wenn noch während der Fahrt die Wehen einsetzten? Aber alles ging gut: Am Mittwoch, 2. März, kam Anna Marchenko abends in Deutschland an. Am Freitag, 4. März, nachts gegen halb drei, durfte sie ihren Sohn zum ersten Mal in den Armen halten.

"Man lernt den Frieden wieder neu zu schätzen"

Die Geburt im Krankenhaus Bad Oeynhausen selbst war, „wie man es sich wünscht. Alles verlief ganz problemlos“, berichtet Oberarzt Frank Jonas. Trotzdem werde sie immer etwas ganz Besonderes für ihn und das Klinikteam bleiben. „Diese Situation, in der Daniel jetzt geboren wurde, kann man nicht einfach so aus dem Bewusstsein streichen“, betont Dr. Manfred Schmitt, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Krankenhaus Bad Oeynhausen. „Wenn man die Bilder vom Krieg im Fernsehen sieht, ist das eine Sache. Wenn man persönlich damit konfrontiert wird, eine ganz andere. Man lernt, den Frieden, den wir haben und unser Gesundheitssystem wieder neu zu schätzen. Es ist etwas sehr Schönes, dass wir Frau Marchenko hier in unserer Klinik Ruhe, Frieden und eine gute Versorgung bieten können, während in der Ukraine Kinder in kalten U-Bahnschächten und Luftschutzkellern geboren werden müssen. Daniels Geburt, dass es ihm und seiner Familie hier gut geht, ist ein echter Lichtblick.“

„Ich fühle mich wohl, es ist warm, ich habe alles“, bestätigt Anna Marchenko dankbar. Was sie sich für ihren Sohn wünscht? „Glück. Gesundheit. Und keinen Krieg. Für eine Mutter ist Krieg nur schwer zu ertragen. Wir müssen doch zusammenhalten. Ich verstehe nicht, warum es keinen Frieden geben kann.“

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