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Im Einsatz: Die Wildkamera dokumentiert die Arbeit des Bibers - und zeigt zugleich ein Jungtier. - © Ralph Schieke
Im Einsatz: Die Wildkamera dokumentiert die Arbeit des Bibers - und zeigt zugleich ein Jungtier. | © Ralph Schieke

Bad Oeynhausen Der Biber vermehrt sich im Mühlenkreis und gründet Familie

Deutschlands größtes Nagetier hat ein Zuhause entlang der Weser gefunden. Mitglieder der AG Natur finden erneut Spuren eines Bibers. Wildkamera der Naturfilmer Svenja und Ralph Schieke dokumentiert gleich zwei Tiere

Nicole Sielermann
09.11.2019 | Stand 08.11.2019, 18:00 Uhr

Bad Oeynhausen. Die Spuren sind eindeutig. Die mit einem Umfang von 2,65 Meter relativ dicke Weide ist im unteren Bereich des Stammes deutlich schmaler geworden. Mit seinen Nagezähnen hat der Biber dem Baum am Dehmer Weserufer den typischen Sanduhren-Look verpasst. 77 Zentimeter misst Landschaftswart Erwin Mattegiet an der dünnsten Stelle. Sieben Zentimeter Umfang hat der Baum damit allein in einer Nacht verloren. Für die Naturschützer Grund zum Jubeln. Zeigt es doch, dass sich der Biber an der Weser häuslich eingerichtet hat und mitnichten, wie 2018 vermutetet, nur auf der Durchreise war. Die neuen Biberspuren sind auch für die Naturfilmer Svenja und Ralph Schieke ein Grund, ihre Kameras in Dehme zu positionieren. Und die zeigen eine weitere Sensation: zwei Tiere. Der Boden rund um die Weide ist mit frischen Spänen übersät. Die liegen Zentimeter dick. Nur wenige Meter daneben ist die sogenannte Biber-Rutsche zu erkennen. Der Weg, den Deutschlands größtes Nagetier nutzt, um aus der und in die Weser zu gelangen. Doch tagsüber sind die Biber nicht zu finden. Und auch die Biberburg haben Mattegiet und die Naturfilmer bisher vergebens gesucht. "Sie gehen auch gerne unter die Buhnenfelder auf der stromabwärts gelegenen Seite", weiß Ralph Schieke. Ansonsten sei ein Bau an den Dehmer Gleithängen eher schwierig. "Hier in Dehme ist das Esszimmer", sagt Eckhard Nolting, Gewässerexperte bei der Stadt Bad Oeynhausen. Er hoff darauf, dass die naturnahe Umgestaltung des Lohbuscher Teiches den Biber begeistert und er seinen Wohnsitz künftig dorthin verlagert. Vor einem Jahr erste Spuren Es ist ein gutes Jahr her, als der Dehmer Heimatpfleger Horst Brönstrup erste Spuren an der Weser entdeckte, die er für Bissspuren eines Bibers hielt. „Ein Biber? Ach Quatsch", hatte Landschaftswart Erwin Mattegiet 2018 zunächst abgewinkt. Bis er selbst die Bissmale sah. Mitte Dezember letzten Jahres waren schließlich auch die letzten Zweifel beseitigt: Der Biber war in eine Fotofalle getappt. Und die haben die Naturfilmer Svenja und Ralph Schieke aus Steinhagen auf Wunsch der AG Natur vor zwei Wochen erneut angebracht. Und siehe da, der Biber tapste am 30. Oktober erneut ins Bild. Zusammen mit einem Jungtier. "Eventuell wohnt hier an der Weser eine ganze Biberfamilie", vermutet Eckhard Nolting. Damit ist klar: Der Biber ist am Weserufer in Dehme heimisch geworden. Das Gebiet entlang des Weserufers ist ideal für den Biber. Weiden und Pappeln säumen den Fluss: "Weichholz ist sein Liebstes", erklärt Svenja Schieke. Ist der Baum dann erst flachgelegt, macht sich das Nagetier über die frischen Knospen der Weide her. Die trägt es auch gerne mal in seine Burg. Als Wintervorrat. "Der Biber ist Vegetarier", so Schieke. Im Sommer fresse er in erster Linie Gräser, Kräuter und Feldfrüchte, zwischen November und Februar würden dann die Bäume (Rinde, Triebe, Knospen, Blätter) verspeist. Trotz der gesunden Nahrung bringt ein Jungtier bereits nach einem halben Jahr sechs bis sieben Kilo auf die Waage. Ein ausgewachsener Biber kann bis zu 30 Kilogramm wiegen und bis zu 1,30 Meter lang werden. Der erste Biber im Kreis Noch im 19. Jahrhundert wurden Biber aufgrund ihres Pelzes gejagt und waren vom Aussterben bedroht. Mittlerweile ist er vor allem durch die Zerstörung seines Lebensraumes sowie durch Verkehrsunfälle gefährdet. In Deutschland steht der Biber daher auf der Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Arten. Umso glücklicher sind die Naturschützer über den ersten Biber im Kreis Minden-Lübbecke. Wolfgang Heper setzt auf die Rücksichtnahme der Menschen: "Die Menschen konsumieren mittlerweile die Natur", kritisiert er. "Es wäre schön, wenn sie Grenzen respektieren und Abstand halten würden." Weshalb die Naturschützer den genauen Standort des Bibers auch geheim halten. "Wir wollen hier keinen Biber-Tourismus", macht Mattegiet deutlich. Der Biber selbst ist für das Weserufer kein Problem. Im Gegenteil. Wie kein anderes Tier gestaltet der Biber die Landschaft nach seinen Ansprüchen: Er fällt Bäume, baut Burgen und Dämme und staut Bäche auf. Dadurch schafft er nicht nur sich, sondern auch vielen Pflanzen und Tieren einen Lebensraum. Dass der Biber an der Weser nicht allein ist, zeigen Aufnahmen des Ehepaares Schieke: "Hasen, Waschbären, Marder und Ratten haben wir auch im Bild", sagt Svenja Schieke schmunzelnd. Der Biber selbst liebt es jenseits des Wassers trocken: "Wind und Regen mag er nicht - da bleibt er in seiner Burg", erklärt Erwin Mattegiet. Und Werner Trettin weiß, dass der Biber blind wie ein Maulwurf ist, dafür aber gut riechen kann. Film Anfang 2021 im WDR Für Svenja und Ralph Schieke hat sich der Einsatz an der Weser schon jetzt gelohnt: "Den ersten Biber im Mühlenkreis zu filmen, ist schon etwas Besonderes", sagt Ralph Schieke. Auch wenn er bisher nur auf den schwarz-weiß Bildern der Wildkamera zu sehen sei. Noch haben die beiden etwas Zeit, sich auf die Lauer zu legen. "Unser Film muss im Herbst 2020 fertig sein." Dafür seien sie gut im Rennen und hätten bereits viel Material aus den Weserauen im Kasten. Ausgestrahlt wird der Film, der bisher den Arbeitstitel "Wildes Mindener Land" trägt, Anfang 2021 im WDR-Fernsehen.

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