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Das Landgericht Bielefeldmacht dem Heilpraktiker aus Bad Oeynhausen und seiner Frau den Prozess. - © Susanne Barth
Das Landgericht Bielefeldmacht dem Heilpraktiker aus Bad Oeynhausen und seiner Frau den Prozess. | © Susanne Barth

Bad Oeynhausen Missbrauchsfall Bad Oeynhausen: Wie funktioniert eine Nebenklage?

Rechtsanwalt Joachim Schönbeck erklärt zur Fortsetzung des Missbrauchsprozesses, wie Opfer als Nebenkläger auftreten können, welche Rechte sie haben und warum das alles meistens kostenlos ist.

Nicole Sielermann
03.10.2019 | Stand 03.10.2019, 12:42 Uhr

Bad Oeynhausen. Unwissenheit, Scheu vor Kosten oder in diesem Fall vermutlich auch Scham sind oft die Gründe, warum sich Opfer nicht als Nebenkläger einer Anklage der Staatsanwaltschaft anschließen. Wenn am Freitag, 4. Oktober, der Missbrauchsprozess gegen den Bad Oeynhausener Physiotherapeuten vor dem Landgericht Bielefeld in den zweiten Verhandlungstag geht, wird sich nur eines der mindestens acht Opfer anwaltlich vertreten lassen. Zu wenig, wie der Opferanwalt jüngst erklärte. nw.de hat sich deshalb vom Bad Oeynhausener Rechtsanwalt Joachim Schönbeck alles rund ums Thema Nebenklage erklären lassen. Der 59-jährige Strafrechtler stellt aber auch klar: "Einen Verteidiger hätte der Physiotherapeut unter den Bad Oeynhausener Strafrechtlern nicht gefunden." Da sei sich die heimische Anwaltschaft einig. Der Fall habe "ein Geschmäckle". "Deshalb möchte in dieser Stadt niemand seinen Namen als Verteidiger in dessen Verbindung sehen." 40 Mal sexueller Missbrauch von Kindern, davon 23 Mal schwerer sexueller Missbrauch, Körperverletzung sowie den Besitz und die Erstellung von Kinderpornografie – hier ist am ersten Prozesstag die Rede von mehr als 10.000 Fotos – legt die Staatsanwaltschaft dem Bad Oeynhausener Physiotherapeuten zur Last. Seine ein Jahr ältere Ehefrau steht wegen Beihilfe ebenfalls vor Gericht. Wer kann als Nebenkläger auftreten? "Es muss eine persönliche Betroffenheit vorliegen", erklärt Schönbeck. Nur Delikte, die sich gegen die Person des Opfers richten und geeignet sind, diese körperlich oder seelisch schwer zu beeinträchtigen, sind laut Gesetz nebenklagefähig. "Dazu zählen zum Beispiel Körperverletzungen, sexueller Missbrauch aber auch Tötungsdelikte. Bei letzteren können nächste Angehörige als Nebenkläger auftreten." Wer als Nebenkläger auftreten will, muss sich anwaltlich vertreten lassen und dem Gericht seine Absicht mitteilen. "Ein Anschluss an ein Strafverfahren ist als Nebenkläger jederzeit möglich - auch wenn eine Verhandlung bereits begonnen hat", betont Joachim Schönbeck. Welchen Nutzen hat eine Nebenklage? "Ein Nebenklagevertreter hat die gleichen Rechte wie die Staatsanwaltschaft", so der 59-jährige Anwalt. Es dürfen Fragen gestellt, Akteneinsicht genommen, Beweisanträge gestellt oder Zeugen geladen werden. Am Ende des Prozesses können auch sie ein Plädoyer halten. "Durch diese gesetzliche Regelung haben Opfer von Straftaten die Chance, in ihrem Sinne Einfluss auf einen Prozess zu nehmen." Wer in einem Fall als Opfer auf dem Laufenden bleiben, aktiv eingreifen und keine bloße Nebenrolle spielen wolle, der, so Joachim Schönbeck, solle sich einer Klage der Staatsanwaltschaft anschließen. "Ein Nebenkläger kann somit eine gewichtige Rolle einnehmen." Was kostet eine Nebenklage? Bekommt die Anklage, oder ein Teil der Angeklagten, einen Pflichtverteidiger zur Seite gestellt, steht das auch der Opferseite zu. "Somit kann auch der Nebenklagevertreter unter dem Gesichtspunkt Prozesskostenbeihilfe vom Gericht bestellt werden." Wenn der Angeklagte verurteilt wird, muss er zudem auch die Kosten der Nebenklage tragen. Aber auch Opfereinrichtungen, wie der Weiße Ring, stehen Betroffenen finanziell zur Seite, wenn es um eine anwaltliche Erstberatung geht. Schmerzensgeld Wer als Nebenkläger in einer Gerichtsverhandlung auftritt, hat auch die Möglichkeit seine Schmerzensgeldforderung schon im Verfahren geltend zu machen. "Damit wird zusammen mit dem Urteil die Höhe des Schmerzensgeldes festgelegt", weiß Joachim Schönbeck. Problem: "Wer nicht noch einmal gesondert einen Zivilprozess in Sachen Schmerzensgeld anstreben will, kann Pech haben, dass der Strafrichter Pi mal Daumen die Summe festsetzt." Ein Zivilgericht dagegen schaue genauer hin. Seit 1990 hat Joachim Schönbeck zusammen mit Dirk Stapel seine Kanzlei an der Bahnhofstraße. Er kümmert sich in erster Linie um Strafrechtsfälle: "Strafverteidiger haben ungefähr einen Anteil von 40 Prozent an Nebenklagen", sagt Schönbeck. Anders als spezielle Opferanwältinnen, die es zum Beispiel in Herford, Minden oder Bielefeld gebe.

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