0
 Jona bei der Reittherapie. - © Nicole Sielermann
 Jona bei der Reittherapie. | © Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen In Bad Oexen gibt es ein familienorientiertes Reha-Angebot

Die Diagnose ist ein "Schlag ins Gesicht". Nach der Krebserkrankung des elfjährigen Sohnes wächst Familie Färber wieder zusammen. Bundesweit gibt es nur vier Angebote dieser Art.

Nicole Sielermann
28.09.2019 | Stand 28.09.2019, 13:23 Uhr

Bad Oeynhausen. Krebs. Wohl kaum eine Diagnose wirft einen Menschen so aus der Bahn. Und wie muss es da erst einem Kind gehen? Und seinen Eltern? Was passiert eigentlich in einer Familie, wenn der elfjährige Sohn die Diagnose Osteosarkom bekommt und Monate seines Lebens in der Klinik verbringen muss? "Das ist eine psychische Ausnahmesituation für die Familie", sagt Dietrich Färber (52) rückblickend. Schon die Diagnose sei ein Schlag ins Gesicht gewesen. Vor gut einem Jahr wurde bei Jona (11) ein Knochentumor unterhalb des Knies diagnostiziert. Es folgten Chemo, OP und wieder Chemo. Insgesamt 18 Einheiten. Monatelang rückte alles andere in den Hintergrund. Familie fand eigentlich nicht mehr statt. Jetzt sind Färbers zur familienorientierten Reha (FOR) in Bad Oexen und haben endlich Zeit füreinander. "Wir sind hier als Familie wieder zusammengewachsen", sagt Ulrike Färber (49). Bad Oexen ist eine von deutschlandweit vier Kliniken, die eine FOR anbieten. Es begann mit Schmerzen im Knie Es war im Sommer 2018, als Jona über starke Schmerzen im Knie klagte. Und seine Eltern genau das vermuteten, was allen Eltern von Kindern dabei als erstes in den Sinn kommt: Wachstumsschmerzen. Denn: Jona hatte in diesem Sommer einen ordentlichen Schuss in die Höhe gemacht. Doch weit gefehlt. Die Schmerzen blieben. "Anfang September 2018 wurde der Tumor im Unterschenkel entdeckt", sagt Dietrich Färber. Das erste Drittel der Chemo folgte im Oktober, die restlichen zwölf Blöcke nach der OP (Jona bekam ein künstliches Kniegelenk) von Januar bis Juni. Alles habe sich um den großen Bruder gedreht Tage, Nächte, Wochen, in denen immer ein Elternteil bei Jona im Krankenhaus war. Der andere kümmerte sich um den zweiten Sohn Jan (9). "Jan war mit der Situation vollkommen überfordert", sagt seine Mutter. Alles habe sich um den großen Bruder gedreht, jeder nur nach ihm gefragt. "Jan wurde zum Schattenkind - der Begriff passt", bilanziert der Vater. Und Jan selbst sah nur, dass Jona "bevorzugt" wurde. Warum, verstand er nicht wirklich. "Wir Eltern haben nur funktioniert", sagen die Färbers. Zeit zum Nachdenken gab es nicht. Zeit, um Kraft zu tanken, um zur Ruhe zu kommen, auch nicht. "Ich habe Nächte durchgeweint", erzählt Ulrike Färber. Nächte, in denen sie um Jona gebangt hat. "Solche Sarkome streuen sehr schnell in die Lunge", weiß sie. Doch Jona hatte Glück. Es war noch früh genug. Straffes Tagesprogramm Seit vier Wochen ist Familie Färber nun gemeinsam zur Reha in Bad Oexen. "Jona ist fit, das Immunsystem stabil, er hat sich schnell erholt", bilanziert seine Mutter. Die Fortschritte, die er in Oexen gemacht habe, seien enorm. "Das, was er hier nach 14 Tagen konnte, war eigentlich das Ziel für die gesamte Reha." Aber Jona hat auch ein straffes Programm. Drei Mal am Tag Physiotherapie - entweder an "Land", zu Wasser oder auf dem Pferderücken - stehen auf dem Plan. Ein Pensum, das im normalen Familienalltag nicht zu schaffen wäre. "Alle bekommen Anwendungen" Hinzu kommt die Therapie für den Rest der Familie. "Alle bekommen Anwendungen", erklärt Michael Grosskurth, Verwaltungsleiter der Klinik Bad Oexen. Entspannung, Sport, Ernährung und für die Kinder Schuleinheiten stehen im Therapieplan der Familie. Färber: "Das ist kein Urlaub, sondern straff durchgetaktet." Trotzdem sind Färbers begeistert. "Super hier", fasst Jona sein Urteil zusammen. "Ich bin sogar schon die Kletterwand hochgeklettert", sagt der Elfjährige stolz. "Die Familie wächst zusammen" Nicht selbstverständlich. Musste er doch mit seinem künstlichen Knie erstmal das Gehen wieder üben. "Am Anfang hat er weinend vor der Kletterwand gestanden", erinnert sich Ulrike Färber. Was soll das, das schaffe ich nicht, habe er gesagt. Und es schließlich doch gepackt. "Das sind einfach tolle Erlebnisse für die Psyche. Das Selbstwertgefühl bei unserem Sohn kommt zurück. Jona erlebt, dass er wieder etwas kann, Einfluss hat", sagt Ulrike Färber. Das Wichtigste aber: "Auch Jan lacht wieder. Die Familie wächst zusammen. Endlich haben wir wieder Zeit füreinander - weil uns alles andere abgenommen wird. Dadurch können wir uns auf das Wesentliche kümmern: um uns", ist sich das Ehepaar Färber einig. Seit drei Jahren gibt es das Angebot Eine Reha für die ganze Familie - bis vor drei Jahren war das für jeden Betroffenen ein harter Kampf. Seit Dezember 2016 aber ist die stationäre Reha für Kinder und Jugendliche eine Pflichtleistung der Deutschen Rentenversicherung geworden und sieht nun offiziell die Mitaufnahme von Familienangehörigen vor. "Dafür haben wir 30 Jahre gekämpft", betont Michael Grosskurth. "Außer uns gibt es noch zwei Kliniken im Schwarzwald und eine auf Sylt, die FOR anbieten." Bad Oexen selbst betreut seit 1985 onkologisch erkrankte Kinder und deren Familien, sowie seit 1994 kardiologisch erkrankte Kinder. "Für die Eltern ist die Erkrankung ihres Kindes eine Ausnahmesituation - und dieser Stressfaktor hat durchaus Auswirkungen auf die Gesundheit", weiß der Verwaltungschef. 300 Familien kommen im Jahr Rund 300 Familien kommen im Jahr zur FOR nach Oexen. Nur wenige von ihnen dürfen die vier Wochen verlängern. Färbers schon. Zumindest Mama und die beiden Söhne bekommen zwei Wochen Verlängerung. "Bei Jona ist eine sehr hohe Motivation zu erkennen, er absolviert ein sehr intensives Programm - da ist noch Potenzial", fasst der leitende Kinderarzt des Kinderhauses, Konstantin Krauth, die Gründe zusammen. Das Ziel: "Längere Strecken mit gutem Gangbild, ohne sich konzentrieren zu müssen, zurückzulegen." Damit Jona mit seinen Kumpels auch beim Gehen quatschen kann. Außerdem muss er noch eine Aufgabe meistern: seine Panikattacken in den Griff bekommen. Die sind der Chemo geschuldet. Und durch eine begleitende Angsttherapie schon deutlich seltener geworden.

realisiert durch evolver group