0
Verborgen: Bei der Verhandlung gegen den wegen Missbrauchs angeklagten 
Bad Oeynhausener Physiotherapeuten schützen beide Angeklagten ihr 
Gesicht vor den Fotografen. - © Andreas Zobe
Verborgen: Bei der Verhandlung gegen den wegen Missbrauchs angeklagten
Bad Oeynhausener Physiotherapeuten schützen beide Angeklagten ihr
Gesicht vor den Fotografen. | © Andreas Zobe

Bad Oeynhausen Prozessauftakt im Missbrauchsfall: Therapeut erklärte den Mädchen, Berührungen gehörten dazu

Die Polizei hatte zahlreiche Bilder von Mädchen bei ihm sichergestellt.

Nicole Sielermann
13.09.2019 | Stand 13.09.2019, 15:05 Uhr

Bad Oeynhausen/Bielefeld. Von Reue oder gar einem Geständnis scheint der Angeklagte Rainer M.-B. an diesem ersten Prozesstag weit entfernt. Als die Staatsanwältin die mehrere Seiten umfassende und nahezu 20 Minuten dauernde Anklageschrift verliest, flüstert der 61-Jährige unbefangen mit seiner Anwältin und lächelt. Dabei sind die Vorwürfe alles andere als unterhaltend. 40 Mal sexueller Missbrauch von Kindern, davon 23 Mal schwerer sexueller Missbrauch, Körperverletzung sowie der Besitz und die Erstellung von Kinderpornografie – hier ist die Rede von mehr als 10.000 Fotos – legt die Staatsanwaltschaft dem Physiotherapeuten zur Last. Seine ein Jahr ältere Ehefrau steht wegen Beihilfe ebenfalls vor Gericht. Die gelernte Kinderkrankenschwester arbeitete als 450-Euro-Kraft an der Rezeption der Praxis und ist offenbar, so hieß es vor Gericht, gesundheitlich belastet. Mit Verspätung beginnt an diesem Donnerstag die Verhandlung vor der Dritten Strafkammer des Landgerichts Bielefeld. Während Reinhild M.-B. (62) pünktlich in Begleitung ihrer Tochter im Gerichtssaal auftaucht, wird der Angeklagte von Justizbeamten in den Gerichtssaal geleitet. Er sitzt seit Ende März in der JVA Brackwede in Untersuchungshaft und schützt sich an diesem ersten Verhandlungstag vor den Fotografen mit einem Aktenordner vor dem Gesicht. Die Stimmung auf der Anklagebank scheint ungetrübt. Die Ehepartner winken sich zu, lächeln sich an und reichen sich über Verteidiger Detlef Ströcker aus Münster, hinweg, die Hände. Derweil versucht die Tochter der Angeklagten in den Zuschauerreihen mit Tränen in den Augen die Fassung zu wahren. Die Tochter werde, so kündigt die Anwältin von Rainer M.-B., Iris Grohmann (Münster), bereits zu Beginn des Prozesses an, im Falle einer Befragung von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Auch die beiden Angeklagten schweigen. Lediglich zu seiner „speziellen manuellen Therapie", die außer ihm niemand beherrsche und die er erfunden habe, macht Rainer M.-B. eine kurze Aussage. Die Verteidigung kündigt für den übernächsten Prozesstag eine schriftliche Erklärung – kein Geständnis – an. Der Vertreter der Nebenklage, Baris Devletli, zeigt sich überrascht vom Vorgehen. Er habe gehofft, seiner zwölfjährigen Mandantin einen Auftritt vor Gericht und eine Aussage ersparen zu können. 23 Mal schwerer sexueller Missbrauch Bei 40 Gelegenheiten, so Staatsanwältin Berger, habe der Angeklagte Mädchen zwischen sechs und zwölf Jahren sexuell missbraucht. „Davon 23 Mal beischlafähnlich mit Eindringen in den Körper", erklärte sie. Auch solle er die Mädchen dazu gebracht haben, sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen. Außerdem habe er die Mädchen auf seiner Behandlungsliege unbekleidet und mit gespreizten Beinen für Fotos posieren lassen, so Berger. Auf den Fotos werde deutlich, dass er dabei den Genitalbereich fokussiert und angefasst habe. Die Staatsanwaltschaft wird dem Angeklagten vor, seine Tätigkeit als Physiotherapeut ausgenutzt zu haben, um seine sexuellen Interessen ausleben zu können. Die sexuellen Handlungen habe er unter den Deckmantel einer therapeutischen Behandlung gepackt. „Seiner Ehefrau war seine sexuelle Neigung bekannt und sie hat ihn darin unterstützt, in dem sie dafür sorgte, dass er mit den Mädchen allein sein konnte", führte Berger weiter aus. Acht Opfer des Therapeuten habe die Staatsanwaltschaft ausfindig gemacht, sie alle sollen zum Tatzeitpunkt zwischen sechs und zwölf Jahre alt gewesen sein. Ein Mädchen, das laut Staatsanwältin wohl 2013 fotografiert wurde und damals fünf bis sechs Jahre alt gewesen sein muss, haben die Behörden nicht ausfindig machen können. Allerdings gebe es auch von ihr Fotos aus den Praxisräumen von Rainer M.-B.. Für einige Fotos fragte der 61-Jährige offenbar gezielt um Erlaubnis, wie Berger vortrug: So durfte er 2013 mit Erlaubnis des Vaters von einer damals Achtjährigen Fotos für seinen Praxis-Flyer machen. „Bei dieser Gelegenheit hat er zudem Nacktfotos von dem Mädchen erstellt", so die Staatsanwaltschaft. Nahezu bei jedem Vorwurf führt die Staatsanwältin aus, dass M.-B. die Situation als Therapeut ausnutzte, die Mädchen berührte, an intimen Stellen „kitzelte" und ihnen immer wieder unter die Unterwäsche fasste oder sogar die Unterhose herunterzog. „Die Kinder haben es geschehen lassen, weil ihnen von den Angeklagten erklärt wurde, dass dies so sein müsse und zur Behandlung dazu gehöre." Als eine damals Siebenjährige nach einer Hüft-OP insgesamt 39 Mal in der Praxis in Behandlung war, soll es, so die Staatsanwaltschaft, mindestens bei jedem zweiten Besuch zu Vorfällen gekommen sein. So habe der Angeklagte unter anderem mit dem Finger an der Scheide des Mädchen gerieben und sei dabei immer weiter mit dem Finger in sie eingedrungen, wie Berger erläutert. Bei dieser Behandlung sei auch die Ehefrau des Angeklagten anwesend gewesen. „Als das Mädchen fragte, ob das denn wohl zur Behandlung dazu gehöre, haben beide Angeklagte ihr erklärt, das müsse so ein", führt die Staatsanwältin weiter aus. Auch soll Rainer M.-B. 2017 nicht auf das „Nein" einer damals 14-Jährigen reagiert haben, mit dem das junge Mädchen ihm deutlich machen wollte, dass es nicht an der Brust angefasst werden wolle: „Zweimal ist das Mädchen bei den nächsten Behandlungen von der Liege gesprungen, beim dritten Mal hat der Angeklagte es gepackt und mit seinem Gewicht auf die Liege gedrückt." Wenn ich nicht will, dass du hier rausgehst, dann gehst du auch nicht, soll er, so die Staatsanwältin, zu ihr gesagt haben. Die 14-Jährige erlitt laut Anklage Hämatome an den Armen. Mehr als 10.000 Fotos sichergestellt Lang ist auch die Liste der bei Rainer M.-B. sichergestellten Datenträger. Notebooks, mehrere Handys, externe Festplatten, USB-Sticks, Speicherkarten – sie alle enthielten, so Berger, mehr als 10.000 Fotos von kleinen Mädchen. Die meisten davon offenbar selbst her- und teilweise sogar zu Fotoalben zusammengestellt. Nackte Babys, unbekleidete Mädchen, kleine Mädchen in Reizwäsche und stark geschminkt, kinderpornografische Manga-Comis, Jugendpornos und Filme, auf denen zu sehen ist, wie Kinder vergewaltigt werden, zählt die Staatsanwältin im Schnelldurchlauf auf, seien gefunden worden. Einige Bilddateien waren den Ermittlern bereits aus anderen Fällen bekannt, die meisten allerdings unbekannt, großteils, so die Anklage, sogar vom Beschuldigten selbst angefertigt. „Sie haben sich als ungeeignet für die Ausübung ihres Berufes erwiesen, weil Sie das Behandlungsverhältnis ausgenutzt haben", attestiert die Staatsanwältin dem 61-Jährigen. Ein Geständnis der beiden Angeklagten gibt es am ersten Prozesstag nicht. Stattdessen erklärt die Anwältin des 61-Jährigen, dass ihr Mandant eine spezielle manuelle Therapie ausübe, für die es einen Experten brauche, sie zu beurteilen. „Es gibt kaum Therapeuten, die diese Therapieform anbieten", erklärt sie. Der Vorsitzende Richter Nabel fragt nach. Es sei eine Mischung aus vielen Sachen bekommt er zu hören. Manuelle Therapie, Osteopathie und Chiropraktik. „Wir haben das in unserer Praxis als spezielle manuelle Therapie bezeichnet", erklärt Rainer M.-B. dem Richter. „Das haben nur wir so angeboten, nur wir so genannt." Dafür habe er auch ein technisches Hilfsmittel genutzt. Ein Arthrostim-Gerät. Das hat M.-B. dabei und gibt es nur sehr ungern in die Obhut des Richters. „Es ist teuer, nicht dass das Landgericht das verklüngelt", erklärt Anwältin Grohmann. Das Gerät, mit dem einzelne Wirbel mittels Stromstoß stimuliert werden können, kommt zu den Beweismitteln, damit ein Sachverständiger es begutachten kann. "Geständnis wirkt sich positiv aus" Am Ende gibt der Richter der Anklagebank noch einen Hinweis mit auf den Weg. Verfahren, in denen es um Kindesmissbrauch und Kinderpornografie gehe, seien immer etwas kniffelig. „Für den Fall, dass an den Vorwürfen etwas dran ist, empfehle ich immer eine geständige Einlassung. Das wirkt sich strafmildernd aus und vor allem vermeidet es die Belastung der Opfer", erklärt Richter Nabel. Noch stehe der Prozess ganz am Beginn, aber sollte es, so Nabel, auf eine Freiheitsstrafe hinauslaufen, sei ein Geständnis von großem Vorteil. „Und zwar für alle Beteiligten." Auf ein Geständnis hofft auch Rechtsanwalt Baris Devletli aus Bad Oeynhausen. Er vertritt ein zwölfjähriges Mädchen."Es ist ein toughes Mädchen", sagt er. „Aber trotzdem belastet sie das Geschehen. Die Situation ist nicht einfach. Es wäre schön, wenn sie nicht vor Gericht aussagen müsste." Devletli ist überrascht über das Vorgehen der Verteidigung. „Vielleicht wollen sie auf eine Bewährungsstrafe hinaus", mutmaßt der Anwalt, der der Nebenklägerin vom Weißen Ring empfohlen wurde: „Es ist wichtig, dass Opfer als Nebenkläger auftreten", erklärt Devletli. In seinen Augen müssten sich auch die restlichen Opfer der Klage anschließen. In dem Verfahren sind bislang 14 weitere Termine vorgesehen, mit einem Urteil ist Anfang Dezember zu rechnen.

realisiert durch evolver group