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Erinnerungen: Die Diskothek Rodeo im Oktober 1974. - © NW-Archiv
Erinnerungen: Die Diskothek Rodeo im Oktober 1974. | © NW-Archiv

Bad Oeynhausen Die Mindener: Als die Straße noch die Partyzone war

Die Mindener Straße im Wandel: Früher tanzte halb Bad Oeynhausen im Bermuda-Dreieck von Mindener Straße und Eidinghausener Straße. Inzwischen aber ist das Viertel von Vergnügen weit entfernt

Nicole Sielermann
14.08.2019 | Stand 14.08.2019, 16:54 Uhr |

Bad Oeynhausen. Einst gab es das goldene Dreieck: Belle Epoque, Rodeo und Project zogen am Wochenende die Diskogänger an die Mindener Straße. In den 70er und 80er Jahren war Bad Oeynhausen das Disko-Mekka. Und die Mindener Straße erlebte ihre glanzvollsten Zeiten. Vor allem sonntags reisten die Gäste aus dem gesamten Norden Deutschlands an, um im Rodeo zu DJ Joes Musik zu tanzen. Das heiße Nachtleben lockte sogar Stars wie Jürgen Drews, Bernd Clüver oder Jon Kincade in die eher kleine Kurstadt. Entlang der Mindener Straße und ihrer Seitenstraßen druffelten sich Diskos, Kneipen und Restaurants. Eine besser als die andere. Und auch das Kino-Center "Die Leiter" lag damals mitten im Vergnügungsviertel. Doch seit Ende der 90er Jahre ist davon nichts mehr übrig. Das einstige Bermuda-Dreieck ist von Vergnügen weit entfernt. Gute Kumpels, gelangweilte Mädchen und günstiges Bier - ziemlich genau 25 Jahre ist es her, dass in der über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Diskothek "Rodeo" das letzte Kaltgetränk über den Tresen gereicht wurde. Warum gerade die Mindener Straße die Diskogänger lockte - so richtig weiß das niemand. Denn nicht nur in Bad Oeynhausen, sondern in der gesamten Umgebung gab es eine Disko neben der anderen. Mehr als heute. Die eigentlichen Disko-Anfänge Bad Oeynhausens sind am heutigen Busbahnhof zu finden. Der Wirt einer einfachen Kneipe legte Platten auf und brachte ein paar Lichter an. Die erste größere Disko war dann der Crazy Horse Saloon an der Königstraße (heute Weinkontor). Und weil Holz und Western damals "in" waren, eröffnete Horst-Dieter Wehking 1972 das Rodeo an der Heinrichstraße, nahe der Mindener Straße. Es war wie ein Saloon in Dodge City eingerichtet, hatte Pendeltüren und einen Planwagen als Theke. Über viele Jahre war es der Treffpunkt für die Freunde von Funk & Soul-Musik. DJ Joe machte den Sonntag zum Knallertag Einer, der 15 Jahre lang dafür sorgte, dass der Sonntag zum Haupttag im Rodeo wurde, war DJ Joe. John-Frank Joseph, wie er im wahren Leben heißt, geht inzwischen auf die 60 zu und erinnerte sich schon vor einigen Jahren im NW-Gespräch an einen "sensationellen Sonntag, einen Knallertag". Aus Bremen, Soest oder Paderborn seien die Leute nach Bad Oeynhausen an die Mindener Straße gereist. "Friseusenball", so verriet der Geschäftsführer des benachbarten Clubs "Project", Michael Schulte, einst der NW, "haben wir den Sonntag genannt". 1982 sprangen Uwe Streich und Rainer Knauth auf den Zug auf und ergänzten die Vergnügungsmeile um das "Project". Im Hannoveraner Casablanca hatten sie sich den Stil abgeschaut und ließen den ersten Club der Region mit Marmor und Spiegeln glänzen. "Boden und Theken waren mit weißem Marmor belegt, es gab große Spiegelflächen, schwarze Teppiche", erinnert sich Schulte. Auch die Gäste brezelten sich für den Besuch mehr auf als für die anderen Läden. Diese sogenannte "New Romantic"-Scheine spiegelte sich auch in der Musik wieder - die 80er waren da. Und mit ihnen auch die ersten Mottopartys. Insider sagen, es war ein Club, der wie kaum ein anderer szenebildend und stilprägend war. Zutritt hatte nur, wer Fernando genehm war. Der stand im dunkelblauen Samtanzug an der Tür und prüfte durch eine Luke, ob der Gast würdig genug fürs Project war. Das Project eröffnete dort, wo früher der Friseur Hermes seine Räume hatte: an der Mindener Straße 21. Unten im Erdgeschoss entstand das Café mit großen Schaufenstern direkt auf Straßenhöhe, oben im ersten Stock lud „Project Disco Club", kurz "Project" zum Tanzen ein. Die Gäste pendelten zwischen den Lokalitäten Der Club an der Mindener Straße war umrahmt von zahlreichen anderen Betrieben: "Niemand blieb nur in einem Laden, alle wanderten hin und her", erinnert sich Wolfgang Beek an die Zeiten. "Viele zogen zum benachbarten Rodeo, ins Piano, ins Belle Epoque, zwischendurch um Mitternacht auf eine Wurst zu Stahls oder morgens um 4.30 Uhr auch gerne mal zum Essen bei Alfred Wiese im Balkan-Grill an der Mindener Straße." Das Essen dort sei klasse gewesen und Wolfgang Beek jeden Sonntag Stammgast. Wie viele andere auch. "Stahls, das war damals Kurt Blume mit Familie. Die durften nur Bratwurst mit Brot verkaufen. Keine Pommes, keine Getränke." Gäste, die ihre Getränke aus dem Rodeo mitbrachten, versetzten Frau Blume jedes Mal in helle Aufregung. 1989 kam der Einbruch. Die Groß-Diskotheken kamen auf und sorgten für den Tod der kleinen Läden. In den 90ern wurde schließlich das Gebäude abgerissen, ein Neubau entstand. Auch das Rodeo schloss 1994 - der Pachtvertrag lief aus und mit den Großen konnte und wollte niemand mehr mithalten. "Wir sind damals bis nach Amsterdam gefahren, um Newcomer in den Plattenläden zu finden. Aktuelles gab es oft nur bei uns", erinnerte sich DJ Joe vor vier Jahren. Heute müsse die Jugend lediglich ins Internet gehen. "Damals machten die DJs die Hits, gaben vor, was geil ist - heute geben die Gäste die Musik vor." Belle Epoque ist heute Ärztehaus Länger durchgehalten hat das Belle Epoque an der Eidinghausener Straße: Von 1984 bis zum Jahr 2000 führte Hans Brockmeier die Geschicke der Diskothek, die inzwischen zu einem Ärztehaus geworden ist. Er hatte zusammen mit Hans-Joachim Kuhlmeyer 1983 das ehemalige Bowling-Center umgebaut. DJ Mario kümmerte sich um den tanzbaren Sound und begrüßte bekannte Gäste, wie Gloria Gaynor, Roy Black, Peter Kent oder die Gombay Dance Band. Aber auch DJ "Don Rolando" sorgte bis 1987 für Stimmung. Die 80er Jahre waren es auch, die dem Kino an der Ecke Eidinghausener Straße/Mindener Straße den ersten Einbruch bescherten. Wenige Jahre nach Kriegsende, am 13. Dezember 1948, eröffnete Anneliese Schmidt die Pforten des Lichtspielhauses "Die Leiter" an der Eidinghausener Straße. Schauspielerin Grete Weiser stand am Eingang und begrüßte die zahlreichen Gäste persönlich. Und die Stars brachten Glanz und Gloria in die Stadt. Dem Beispiel von Grete Weiser folgten zahlreiche ihrer Kolleginnen und Kollegen. Es kamen Heinz Rühmann, Romy Schneider, Curd Jürgens, Heinz Erhard, Marika Röck und viele andere Berühmtheiten. Sie alle stellten in der Leiter persönlich ihre neuen Filme vor. Das Filmtheater „Die Leiter" wurde in den 50er und 60er Jahren zum gesellschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt der Stadt Bad Oeynhausen. Die 700 Plätze des Saals waren bei Preisen von 1,30 Mark bis 2,50 Mark meist ausverkauft, die Darbietungen gehörten zum Stadtgespräch. 1979 übernahm Jürgen Wefelmeier von seiner Tante Anneliese Schmidt das Kino und führte es mit Ehefrau Christa. Nach den Diskos kapitulierte das Kino Der Erfolg des Filmtheaters hielt aber nicht ewig an. Mit der Verbreitung der Fernsehgeräte und Videorecorder erlebte das Kino eine große Flaute. Die Besucherzahlen gingen drastisch zurück. Notgedrungen wurde die Leiter 1984 zu einem Kinocenter mit drei kleineren Vorführräumen umgebaut, was die Ableger „Linse" und Lux" zur Folge hatte. Am 28. Februar 2001 schloss „Die Leiter". Zum Abschied liefen „Hannibal" mit Antony Hopkins" und „Was Frauen wollen" sowie für die Jugendlichen „Emil und die Detektive" sowie „102 Dalmatiner" über die Leinwände. Die Konkurrenz durch das 1999 eröffnete „Kinopolis" im Entertainment-Center am Werre-Park war zu groß, die Besucherzahlen sanken damals ständig. Heute beherbergt das ehemalige Kino das Gesundheitszentrum an der Leiter.

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