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Bunt und rund: Peter und Maries Rosenzweig vor einigen Jahren vor dem größten transportablen Riesenrad der Welt auf der Kirmes neben dem Fernsehturm in Berlin. - © Johannes Wöpkemeier
Bunt und rund: Peter und Maries Rosenzweig vor einigen Jahren vor dem größten transportablen Riesenrad der Welt auf der Kirmes neben dem Fernsehturm in Berlin. | © Johannes Wöpkemeier

Bad Oeynhausen In Bad Oeynhausen endet eine Riesenrad-Ära

Theo Rosenzweig zieht sich nach dieser Saison aus dem Schaustellergewerbe zurück und verkauft das größte transportable Riesenrad der Welt. Der Name Steiger steht seit Mitte der 40er Jahre für Riesenräder.

Nicole Sielermann
09.08.2019 | Stand 10.08.2019, 22:28 Uhr

Bad Oeynhausen. Leicht fällt ihm der Schritt nicht. Für Theo Rosenzweig dreht sich das Riesenrad am 3. November ein letztes Mal. Dann ist Schluss. Für immer. Der Bad Oeynhausener Schausteller beendet mit dem Verkauf des größten transportablen Riesenrades der Welt eine Ära. Denn bereits Mitte der 40er Jahre baute Rosenzweigs Opa Adolf Steiger sein erstes Riesenrad - und legte den Grundstock für den Schaustellerbetrieb Steiger-Rosenzweig-Meyer. Es sind viele Gründe, die für Theo Rosenzweig den Ausschlag gaben, neue Wege zu gehen. "Ein Fahrgeschäft ist eigentlich ein klassischer Familienbetrieb", erklärt er. Mann, Ehefrau, Kinder - alle seien involviert und packten mit an. Der 49-Jährige dagegen ist ganz allein mit dem Riesenrad unterwegs: "Meine Lebensgefährtin kommt nicht aus dem Schaustellergewerbe und meine zehnjährige Tochter, die in Bad Oeynhausen lebt, hat damit ebenfalls nichts am Hut", sagt Rosenzweig, dessen Heimat seit drei Jahren Hamburg ist. Auch zögen Großgeschäfte größere Investitionen nach sich. "Das Riesenrad wurde 1980 extra für meine Eltern gebaut und seitdem technisch immer wieder überarbeitet." Jährlich ständen somit kleinere Investitionen an, rund alle zehn Jahre größere. Und die wären jetzt wieder fällig. "Wenn ich am Markt bleiben wollte mit dem Rad, müsste ich groß investieren - und die nächsten 20 Jahre, also bis ich 70 bin, gesund bleiben." Theo Rosenzweig winkt ab. "Ich habe keinen Nachfolger. Also ist es jetzt Zeit für Veränderungen." Auch wenn es schwer fällt. "Ich ziehe damit einen Schlussstrich unter eine Familientradition." Doch er habe alles gut überlegt. "Es ist der richtige Weg." Freizeitparks kamen nicht in Frage Erste Anfragen bei Freizeitsparks verliefen im Sande. Nur wenige kämen für ein Rad mit diesen Dimensionen in Frage. "Große Parks aber kaufen sich ein neues, für kleinere Parks ist es zu teuer und zu groß." Da nutzten auch weltweite Anfragen nichts. Trotzdem musste Theo Rosenzweig nicht lange nach Kauf-Interessenten suchen: "Als ich das im Gewerbe erzählt habe, haben sich gleich welche gemeldet", erzählt er. Der Käufer - ebenfalls kein Unbekannter im Schaustellergewerbe - blieb letztendlich übrig. "Das ist somit meine letzte Saison. Meinen Nachfolger habe ich schon dabei und arbeite ihn ein." Denn das größte transportable Riesenrad der Welt ist ein Prototyp und somit in keinem Katalog zu finden. "Der Auf- und Abbau ist nicht unkompliziert", erklärt Rosenzweig."Die Verträge für Veranstaltungen werden ein Jahr im Voraus geschlossen - da ist es wichtig, dass der Neue Präsenz zeigt und sich gegen die Konkurrenz behauptet." Vier Millionen D-Mark kostete das Riesenrad 1980, heute lägen die Preise für ein solches 60 Meter hohes und 450 Tonnen schweres Modell zwischen zehn und zwölf Millionen Euro. "Ein Serienrad mit 54 Metern Höhe liegt bei fünf bis sieben Millionen Euro, ein 70 Meter hohes und 1.200 Tonnen schweres - nicht transportables - bei 18 Millionen Euro", rechnet Theo Rosenzweig vor. Wie viel der Käufer gezahlt, verrät Rosenzweig nicht. "Der Käufer kann ein gutes Gefühl haben", ist er überzeugt. "Es ist zwar gebraucht, aber trotzdem einzigartig und somit nicht zu übertreffen." Vier Veranstaltungen im Jahr Waren Rosenzweigs einst deutschlandweit mit dem Rad unterwegs, besuchte der 49-Jährige zuletzt nur noch vier Veranstaltungen: "Zwei Mal Hamburger Dom, Oldenburg und Bremer Freimarkt." Es gebe, so erklärt er, nur noch wenige Veranstalten, wo sich der Einsatz eines Riesenrades lohne. "Und das müssen die Größten sein." Weil auch die Transport- und Energiekosten nicht unerheblich seien. Seit 2002 lässt Rosenzweig das Rad über die Straße transportieren: "Mit der Bahn war das nicht mehr machbar. Sie konnten uns kein passenden Angebot machen." Deshalb werden nun jedes Mal in der Halle im Industriegebiet Eidinghausen rund 30 Lastwagen mit Containern beladen. 39 Jahre war das Riesenrad deutschlandweit unterwegs, 27 Jahre davon mit Theo Rosenzweig als Chef. Nach dem Tod von Hans Steiger 1991, übernahmen Rosenzweigs das Rad. Für Theos Mutter Marlies selbstverständlich: "Ich bin am Riesenrad geboren", sagt Mutter Marlies augenzwinkernd. Ihr ganzes Leben verbrachte die Tochter von Adolf Steiger auf dem Rummelplatz am Rad. "Da hängt schon mein Herzblut dran", gibt sie zu. Weshalb sie nach dem frühen Tod ihres Brudes nicht lange zögerte und ihren Sohn Theo nach der Übernahme des Riesenrades unterstützte. Aber Marlies Rosenzweig weiß auch, welche Belastung ein solches Geschäft mit sich bringt. "Wir", sagt sie und zeigt auf Ehemann Peter, "sind in Rente. Das ist nun einmal die Entwicklung des Lebens. Damit müssen wir uns abfinden." "Ich muss mich neu finden" Wie sich Theo Rosenzweigs Lebensrad weiterdreht - das wird sich zeigen. Er müsse es herausfinden, sich neu finden. "Auf jeden Fall nichts mehr im Schaustellergewerbe, sondern ganz was anderes", betont der 49-Jährige. Anfang November werde das Kapitel geschlossen. Manchmal fällt der Gedanke daran leicht, manchmal nicht. "Es gibt solche und solche Tage." Schließlich hinge sein ganzes bisheriges Leben damit zusammen und somit auch viele Erinnerungen. "Bei uns drehte sich immer alles ums Riesenrad." Doch nun sei sein Lebensmittelpunkt Hamburg. "Da war ich auch aufgrund des Doms in den vergangenen Jahren eh schon länger als in der Winterpause zuhause in Oeynhausen." Und von dort wird der 49-Jährige 2020 "gucken, wo es hingeht". Ein Schlussstrich als Schausteller bedeutet aber nicht, nie wieder Kirmes: "Da wird es mich weiterhin privat hinziehen", gibt er lächelnd zu.

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