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Händler kein Sammler: Matthias Held kennt sich aus, doch selber sammelt er nicht. Dann wäre ich wie ein durstiger Wirt, sagt der Gohfelder. - © Thorsten Gödecker
Händler kein Sammler: Matthias Held kennt sich aus, doch selber sammelt er nicht. Dann wäre ich wie ein durstiger Wirt, sagt der Gohfelder. | © Thorsten Gödecker

Bad Oeynhausen Dieser Mann aus Gohfeld ist der Marken-Millionär

Matthias Held aus Löhne handelt im ganz großen Stil mit Postwertzeichen. Der Markt für die Marken kennt keine Grenzen.

Thorsten Gödecker
12.07.2019 | Stand 11.07.2019, 17:42 Uhr

Löhne/Bad Oeynhausen. Die Welt mit der Pinzette zu ordnen, scheint eine Aufgabe zu sein, vor der selbst Sisyphos kapituliert hätte. Dennoch hat Matthias Held genau darin seine Bestimmung gefunden. Der Gohfelder handelt mit Briefmarken – im ganz großen Stil. Dabei besteht die Kunst darin, das Chaos der Vielfalt so zu sortieren, dass die Sammler finden, was sie begehren. Denn was gesammelt wird, entscheiden die Kunden. Und die fokussieren ihre Leidenschaften nicht nur auf Länder oder Sachgebiete, sondern bilden sehr individuelle Leidenschaften aus. "Nehmen wir die Mykologie in der Philatelie", sagt Held und erklärt, dass Menschen, die diesem Sammelgebiet huldigen, nicht nur Briefmarken sammeln, die Pilze zeigen, sondern auch alle, die etwas mit Brauen und Backen zu tun haben. "Wegen der Hefe", fügt er an. Doch damit nicht genug: "Auch das Konterfei Alexander Flemings passt in eine solche Sammlung, denn Penicillin wird aus Pilzen gewonnen. Und natürlich die Beatles - Pilzköpfe eben." "Briefmarken bilden", ist sich Held sicher. Sie seien Miniaturzitate des Wissens der Welt und wer sich auf ihre gestochenen Ansichten einlasse, gewinne tiefe Einsichten. Zum Beispiel in das Wesen der Ökonomie, verrät der gelernte Bankkaufmann. "Eine Briefmarke ist ein kleiner Schuldschein über eine noch nicht erbrachteDienstleistung." Die Deutsche Post habe diese Schuldscheine lustig auch an Sammler verkauft und sie dann davon in Kenntnis gesetzt, dass die D-Mark-Varianten im Juli 2002 ihre Gültigkeit verlören. Man dürfe sie aber in einer Zentralstelle einige Monate lang gegen Euro-Briefmarken umtauschen. Viele Sammler lehnten dankend ab und verzichteten so auf den Gegenwert ihrer Marken. "Da sind Milliarden entwertet worden", sagt Held und zeigt auf einige Alben, die vor 2002 bis zu 50.000 Mark wert waren und nun für 400 Euro über den Tresen gehen. Seine Ware kauft er tonnenweise Solche Sammlungen kauft Matthias Held tonnenweise auf. Nicht selten bringt ihm ein 40-Tonner die Ware. "Mein Geschäft besteht darin, Sammlungen zu sichten und zu teilen." Was er anbietet, kann in seinem Geschäft in der Bad Oeynhausener Wandelhalle erworben werden. Doch sein Markt ist die ganze Welt, die er via "eBay" erreicht. Dort offeriert er derzeit 142.000 Produkte - Briefmarken und Ansichtskarten. "Wir liefern in alle Kontinente, außer in die Antarktis." Als er eine Warensendung an einen Kunden in Saint-Pierre et Miquelon adressierte, musste selbst die Post passen. Es handelt sich um ein französischesÜberseedepartement, das 25 Kilometer östlich vor Kanada liegt – Held weiß das. Seine Kunden sind zu 99 Prozent ältere Männer und deren Leidenschaft wird wohl auf dem Altar des Zeitgeistes geopfert werden. "Es gibt kaum Nachwuchs" sagt Held, der 2004 im Alter von 27 Jahren seinen sicheren Job als Sparkassen-Filialleitersausen lässt, um sich ganz auf seinen Briefmarken-Handel zu konzentrieren. "Mein damaliger Chef hat mich angeschaut, als ob ich nicht alle Latten am Zaun hätte, als ich ihn über meinen Plan informiert habe." Doch Held ist eine Größe in der schrumpfenden Szene und es gibt Hoffnung: "Die Schwellenländer boomen. Immer mehr Menschen in Brasilien, Indien und China entdecken die Briefmarke als Sammelobjekt." In Deutschland beziffert Held die Philatelisten-Gemeinde auf rund drei Millionen Mitglieder, in Vereinen frönen aber nur noch rund 60.000 ihrem Hobby. In den Fokus der Philatelisten rückt die Postgeschichte Und noch etwas ändert sich. In den Fokus der Philatelisten rückt mehr und mehr die Postgeschichte. Es gehe nicht nur um Marken und Stempel, sondern um die Geschichte, die Marke und Sendung erzählten, sagt Held. Als ein deutscher Diplomat 1901 in Peking einen Brief an seinen Freund aufgab, der auf einem deutschen Kriegsschiff, das in Tsingtau im Hafen lag, Dienst tat, verhinderte der sogenannte Boxeraufstand die Zustellung. Das Schiff hatte bereits abgelegt. Auch in Hongkong erreichte der Bote den Adressanten nicht mehr. Erst in Singapur erreichte die Sendung den Matrosen. Selten und beliebt sind auch Briefe aus dem Postkrieg zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Die Marke "20 Jahre Vertreibung" der Bundespost wurde in den Ostblockländern als „revanchistisch" abgelehnt und, wenn auf Sendungen angetroffen, „behandelt". Die DDR nutzte dabei verschiedenste farbliche Übermalungen. Held hält zahlreiche Beispiele dafür für die Sammler bereit. Ebenso wie die erste Briefmarke der Welt - die "One Penny Black", die anno 1840 im Vereinigen Königreich gedruckt wurde. Vorsichtig zieht er das Schätzchen aus dem Album - mit der Pinzette natürlich.

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