Versilbert, verziert: Unbekannte haben die Skulptur des Aachener Künstlers Lothar Scheffler in der Luisenstraße vor der Praxis des Orthopäden Frank Eßers mit silberfarbenem Lack besprüht. Vor ein paar Tagen haben Unbekannte der Figur auch noch ein Leibchen angezogen. - © Ulf Hanke
Versilbert, verziert: Unbekannte haben die Skulptur des Aachener Künstlers Lothar Scheffler in der Luisenstraße vor der Praxis des Orthopäden Frank Eßers mit silberfarbenem Lack besprüht. Vor ein paar Tagen haben Unbekannte der Figur auch noch ein Leibchen angezogen. | © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen Kunst-Anschlag auf Anatomie-Skulptur in Bad Oeynhausen

Unbekannte haben die weibliche Figur mit Silberlack besprüht und ihr ein rosa Leibchen angezogen. Der Künstler findet die Aktionen gut, der Eigentümer nicht.

Ulf Hanke
13.06.2019 | Stand 12.06.2019, 15:20 Uhr

Bad Oeynhausen. Wenn Kunst versilbert wird, entstehen normalerweise Gewinne. Im Vorgarten des Orthopäden Frank Eßers verhält sich das jedoch etwas anders. Dort steht eine lebensgroße, weibliche Anatomie-Skulptur und irgendjemand hat die Figur bis auf die Knochen mit Silber besprüht, der Lack rieselte bis auf die Kiesel im Steingarten. Vor ein paar Tagen hängten Unbekannte der splitterfasernackten Dame auch noch ein rosa Leibchen um. Der Arzt ist empört. Frank Eßers spricht von „Vandalismus" im Kurgebiet-West. Kunst im öffentlichen Raum sei „teilweise verhüllt" worden. Eßers: „Es ist unfassbar, dass in unserer geliebten Kurstadt höchstwertigstes Kunstgut mutwillig verunstaltet wird." Der Anschlag mit dem rosa Leibchen geschah am 20. Mai und ist nach Auskunft des Arztes bereits der zweite Fall von Vandalismus in seinem Vorgarten, weshalb sich Eßers nun an die Öffentlichkeit wendet. Die Sprüh-Attacke mit dem Silberlack hat bereits im Mai vergangenen Jahres stattgefunden. Eine Strafanzeige blieb ohne Ergebnis, aber Eßers sieht einen Zusammenhang: Jemand hat es auf die Skulptur abgesehen. Die Knochenfrau ist eine anatomisch genaue Arbeit Das Kunstwerk ist eine Schöpfung des Aachener Bildhauers Lothar Scheffler. Der Kunstvermittler Jürgen Eßers aus Mönchengladbach, der Vater von Frank Eßers, hat Künstler, Kunst und Knochenarzt zueinander gebracht. Eigentlich ist die Skulptur nicht silberfarben, sondern braun-rötlich mit grüner Patina. Das Skelett ist aus Messing, die Muskeln sind aus Kupfer und nur das Gewebe ist aus einer Kupfer-Silber-Mischung. In gereinigtem Zustand müssten rote und gelbe Farbtöne überwiegen. Das rosa Leibchen auf der silbernen Knochen-Frau im Kiesbett an der Luisenstraße leuchtete jedoch ungefähr so schrill wie eine Reklame für den Christopher Street Day inmitten einer katholischen Sonntagsmesse. Eßers hat das Leibchen im Handumdrehen entfernt. Es bedeckte die Dame sowieso nur notdürftig. Untenrum fand der Täter wohl nichts zum Anziehen. Der Silberlack dagegen ist ziemlich hartnäckig. Der Orthopäde scheut bisher davor zurück, die Knochenfrau ins Chemiebad zu stecken. „Eine Reinigung ist womöglich sehr aufwändig", sagt Frank Eßers. Der Künstler zollt der Kunst-Aktion Respekt, weil sie reparabel ist Der Künstler sieht das deutlich entspannter. „Grundsätzlich ist jede Aktion gut, die reparabel ist. Und das ist reparabel", sagt Lothar Scheffler im Gespräch mit der NW. Schließlich habe der Unbekannte seiner Skulptur keinen Arm oder Fuß abgerissen, sondern nur ein Leibchen übergestülpt und Lack gesprüht: „Die Aktion zeigt grundsätzlich Interesse an meiner Kunst." Das finde er gut. Scheffler erinnerte an eine andere Skulptur, die er einst zu Studienzeiten schuf, ein abstraktes, kinetisches Objekt mit dem Titel „Phallus Gong". Kommilitonen kommentierten damals seine Arbeit, indem sie der Skulptur kurzerhand ein Kondom überstülpten. Und auch seine Knochenfrau hat bereits Reaktionen im Publikum hervorgerufen, als sie erstmals auf dem Weltkongress der plastischen Chirurgen in einem Aachener Hotel ausgestellt wurde: „Danach fehlte eine Brille, die ich extra für die Skulptur angefertigt hatte." Namensgeberin der Skulptur ist eine Obstverkäuferin Für die Arbeit an der Knochenfrau hat der inzwischen 58-jährige Scheffler nach eigenen Angaben viele Stunden mit dem Mikrochirurgen Reinhard Achinger verbracht. Die beiden hätten sich damals stets „auf ein lecker Bierchen" in einer Aachener Kneipe getroffen. Der Künstler legte Teile seiner Arbeit („mal einen Fuß, mal eine Hand, was ich so tragen konnte") auf den Tresen und ließ sich vom Chirurgen haarklein erklären, wo die Sehnen anzusetzen sind. Die Skulptur („nicht meine schönste Arbeit") trägt den Namen einer Obstverkäuferin in der Dominikanischen Republik: Emanise. Die Frau stand nicht Modell, sie ist nur Namensgeberin. Für Scheffler repräsentiert sie das Zeitlose, das er auch im immer gleichen Klima der Tropen erkannte: „Da gibt’s keine Jahreszeiten." Der Künstler empfiehlt zur Reinigung: Abflämmen Im Ursprungszustand sei die Skulptur „etwas unauffälliger", erzählt Scheffler. Der Silberlack sei einfach zu entfernen: Mit dem Propangasbrenner, wie ihn Dachdecker benutzen, könne der Lack leicht verbrannt werden. Außerdem gebe es zur Graffiti-Entfernung Fachfirmen, die sicher Rat wüssten. Der Künstler selbst hat sich in seiner Kunst gewandelt. Er ist von Aachen nach Monschau gezogen, hat sein Atelier radikal verändert und malt nur noch.

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