Die Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz. Foto: DPA - © DPA
Die Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz. Foto: DPA | © DPA

Bad Oeynhausen Expertin für Opferschutz: "Missbrauch ist eine absolute Grenzüberschreitung"

Die Landesopferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz weiß, dass betroffene Kinder dringend Hilfe benötigen. Ein Problem ist das auferlegte Schweigegebot

Nicole Sielermann
23.05.2019 | Stand 24.05.2019, 11:30 Uhr

Bad Oeynhausen. Leicht ist der Weg nicht. Kinder und Jugendliche, die sexuell missbraucht wurden, müssen sich oft vielen Befragungen durch Polizei, Jugendamt und Justiz stellen. Müssen das Erlebte noch einmal durchleben. Sich noch einmal "entblößen". Doch Hilfe ist wichtig. Denn sexuelle Gewalt wirkt nach. "Betroffene Kinder brauchen dringend Hilfe", warnt Elisabeth Auchter-Mainz. Denn ein Missbrauch sei eine absolute Grenzüberschreitung, eine Beschädigung. "Sie muss aufgearbeitet werden, damit das Kind lernt, wieder Vertrauen zu Erwachsenen zu fassen", sagt die Landesopferschutzbeauftragte. Auchter-Mainz ist auch im Fall des beschuldigten und in Untersuchungshaft sitzenden Bad Oeynhausener Physiotherapeuten Rainer M. im Gespräch mit dem polizeilichen Opferschutz. Seit Ende 2017 ist die Juristin und ehemalige Kölner Generalstaatsanwältin von der NRW-Landesregierung beauftragt, sich um Opfer von Straftaten zu kümmern. "Ich habe lange Jahre in Missbrauchsfällen ermittelt, Kinder in Gesprächen und vor Gericht erlebt", sagt Auchter-Mainz. Und weiß daher, dass das typische Merkmal betroffener Kinder das Schweigegebot sei. "Du darfst da nicht drüber reden, das ist unser Geheimnis" sei die typische Floskel, die Täter den Kindern eintrichterten. Und das mache die Ermittlungen schwierig. "Die Kinder kommen in einen Zwiespalt, weil sie nun reden sollen", so Auchter-Mainz. Das belaste. "Die Ermittler müssen es schaffen, dieses Gelübde aufzuheben, Vertrauen zu schaffen." Prävention ist ein guter Schutz Können Eltern ihr Kind schützen? "Ja - durch Prävention. Durch kindliche Aufklärung. Dadurch, dass sie es Gefahren hinweisen. Und dadurch, dass Eltern selber sensibilisiert sind. Ihr Kind kennen. Und beobachten. "Wenn sich das Verhalten, die Gestik, die Sprache verändern, sollten Eltern nachhaken", rät Elisabeth Auchter-Mainz. Auch wenn Kinder blockierten, sollten Eltern am Ball bleiben. "Wenn sich die Spiele der Kinder verändern, wenn sie sehr sexualisiert ablaufen, wenn das Kind plötzlich einen Wortschatz hat, den es eigentlichen im jeweiligen Alter nicht haben kann - dann sollten Eltern aufhorchen." Aber auch nicht gleich panisch werden. "Es gibt heute viel mehr Hilfestellung für betroffene Kinder als früher." Die Kinder würden sich öffnen. Dadurch seien Fälle ins Licht gerückt, die sonst im Dunkeln geblieben wären. "Trotzdem ist die Dunkelziffer noch immer hoch - wenn auch nicht mehr so hoch wie früher", so die Landesopferschutzbeauftragte. Auch die Präventionsangebote in Kitas und Schulen seien deutlich besser als früher: "Und das ist gut so. Ich bin ein großer Freund dieser Projekte." Da würde den Kindern kindgerecht klargemacht, dass sie ihr Schweigegebot brechen müssten. Sie lernten Nein zu sagen und würden selbstbewusster. Ist ein Kind trotzdem vom sexuellen Missbrauch betroffen, greift der Opferschutz der Polizei. Wenn es ideal läuft. "Ein neues Angebot seit 2017 ist die psychosoziale Prozessbegleitung, die Opfer ganz formlos beantragen können." Dieses kostenfreie Angebot beinhaltet fachlich ausgebildete Sozialarbeiter, die Kindern, Jugendlichen und vergewaltigten Frauen während der Ermittlungen und des Prozesses zu Seite stehen. "Sie begleiten sie durch das Verfahren, sind da, sitzen bei den Verhandlungen an der Seite der Betroffenen", erklärt Auchter-Mainz. Das sei ein sehr wichtiges Instrument. Ansprechpartner für Opfer aller Art Zusammen mit drei weiteren Mitarbeitern (eine Juristin, eine Sozialarbeiterin, eine Bürokraft) ist Elisabeth Auchter-Mainz in der zentralen Opferschutzstelle des Landes in Köln erreichbar. "Wir sind da für Opfer aller Art", sagt sie. Sie lotsen, vermitteln und helfen. Bei besonders großen Lagen, wie die Amokfahrt von Münster oder der Missbrauchsfall von Lügde, schaltet sich Auchter-Mainz direkt ein. Bei Missbrauchsfällen wie in Bad Oeynhausen wird sie oftmals von der Polizei angesprochen und ins Boot geholt. "Wenn die Ermittlungen im Fall des Physiotherapeuten abgeschlossen sind, könnte es sein, dass wir noch einmal ins Spiel kommen." Die Opferschutzbeauftragte ist erreichbar unter Tel. (0221) 39 90 99 64 oder per E-mail unter poststelle\@opferschutzbeauftragte\.nrw\.de.

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