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Bad Oeynhausen Sie befragt "das Volk"

Nicole Sielermann
16.05.2019 | Stand 16.05.2019, 16:49 Uhr

Fragen nach der Ausbildung, nach Jobsituation, Nebenjobs, Überstunden, Kinderbetreuung, Zusatzversicherungen oder Teilzeitwünschen – 183 Fragen auf 64 Seiten umfasst der Fragebogen, den Christine Tellström für den Mikrozensus im Gepäck hat. Seit 20 Jahren ist die Bad Oeynhausenerin im Auftrag des Landesamtes für Statistik unterwegs und befragt pro Woche rund acht bis zwölf Haushalte in der Kurstadt und Umgebung. Der Mikrozensus ist eine bundesweite repräsentative Befragung von Haushalten auf gesetzlicher Grundlage. Haushalte, die auf einer nach einem mathematischen Zufallsverfahren ausgewählten Fläche wohnen, werden innerhalb von fünf aufeinander folgenden Jahren bis zu vier Mal befragt. Wer ausgewählt wird, ist zur Auskunft verpflichtet Wer für den Mikrozensus, der von vielen auch als kleine „Volkszählung" gesehen wird, ausgewählt wird, ist laut Gesetz seit 2016 zur Auskunft verpflichtet. Der Mikrozensus wird seit 1957 jedes Jahr bei einem Prozent aller Haushalte im gesamten Bundesgebiet durchgeführt. In jedem Jahr wird zur Entlastung der Befragten ein Viertel der Haushalte durch andere ersetzt. Durch eine Freundin kam Christine Tellström vor 20 Jahren zum ehrenamtlichen Job als Interviewerin. „Damals habe ich noch in Wolfsburg gelebt", sagt sie. Und damals gab es den Mikrozensus nur in Papierform und nur im Mai. Lediglich ein Mal im Jahr musste sie Haushalte aufsuchen. "Inzwischen wird rund ums Jahr befragt" Dann kam der Laptop – und die zeitliche Aufhebung. „Inzwischen wird rund ums Jahr befragt", sagt Tellström, die den Job vor allem während der Elternzeit schätzen gelernt hat. Seit drei Jahren ist sie nun in NRW unterwegs – und weiterhin in Wolfsburg. „Die wollten mich dort nicht gehen lassen", sagt sie lachend. Und so verbindet sie ihre Befragungen nun mit dem Besuch bei den Eltern. „Meine Kinder freuen sich, dass sie Oma und Opa regelmäßig sehen." 80.000 Haushalte sind es in NRW jedes Jahr, die an der Erhebung teilnehmen. Die Ergebnisse sind Basis für politische und wirtschaftliche Entscheidungen. Aussagen wie: „In NRW gab es 2017 etwa 8,8 Millionen Privathaushalte, in denen 1,8 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern lebten – darunter waren 327.000 Alleinerziehende" seien nur aufgrund der Ergebnisse des Mikrozensus möglich, erklärt Claudia Key aus der Pressestelle des Landesamtes. "Ich besuche rund jede Woche einen anderen Straßenzug" Ausgewählt für die Befragung werden Haushalte, keine Personen. „Im Hochhaus habe ich zum Beispiel die Vorgabe, nur die ungeraden Etagen zu befragen, bei Einfamilienhäusern zum Beispiel nur die Nummer 3a", erklärt Christine Tellström. Wechselt der Mieter oder der Eigentümer, wird der nächste, der dort einzieht, befragt. Rund acht bis zwölf Haushalte umfasst ein Bezirk: „Ich besuche rund jede Woche einen anderen Straßenzug." Damit sie die 360 Haushalte, die in der Kurstadt in diesem Jahr befragt werden, auch schafft. In diesem Jahr stehen vor allem Fragen zum Beruf, zur Ausbildung, zum Arbeitsort und zur Krankenversicherung im Bogen. „2018 ging es dagegen um die Wohnsituation und das Heizen." Vorher um das Thema Gesundheit. Die Reaktionen derer, die Post vom Landesamt und die Besuchsankündigung von Christine Tellström in der Post haben, sind vielfältig. „Manche rufen sofort an und sagen ab." Wieder andere wollten an der Haustür diskutieren. Doch darauf lässt sich die Interviewerin nicht ein. „Ich vermerke das und lasse den Selbstausfüllerbogen da." Die Frage 179 ist die heikelste Die Omi, die Angst hatte, jemand Fremdes in die Wohnung zu lassen, hat sie auch schon im Hausflur interviewt. Dabei ist Christine Tellström angekündigt, mit Ausweis unterwegs und auch bei der Polizei und im Rathaus bekannt. „Mit mir geht’s schneller", wirbt die 42-Jährige für ihren Besuch. „Ohne mich brauchen Sie die doppelte Zeit." Und wer den Selbstausfüllerbogen nicht korrekt ausfüllt oder verspätet abschickt, bekommt Post aus Düsseldorf. Ist sie erstmal drin, geht’s leichter. Bis zu Frage 179. „Das ist die heikelste Frage", weiß Christine Tellström. Denn da geht’s ums Geld. Und zwar um das jeweilige Nettoeinkommen. Dafür sollen sich die Befragten in eine Tabelle einordnen. „Ich bin von berufswegen Personalfachkauffrau, Zahlen sind mein tägliches Geschäft – die ich mir aber nicht merke", winkt sie ab. Dafür befrage sie einfach zu viele Haushalte. Aber in Deutschland werde über Geld nicht gern gesprochen. Eine Antwort braucht sie trotzdem: „Ich sage dann immer, wer nicht antwortet, wird von mir geschätzt." Und damit liegt sie oft richtig. „20 Jahre schulen. Da weiß ich durchaus, was die Berufsgruppen verdienen." Sorgen, dass die Ämter untereinander Daten austauschen, seien unbegründet: „Es gibt ein sogenanntes Rückspielverbot." "Ich bin grunsätzlich neugierig auf meine Mitmenschen" Zumal die Fragen anonymisiert würden. Auch denen, die sie schon mit einem „Dann kann ich Ihnen ja das Blaue vom Himmel erzählen", begrüßen, nimmt sie gleich den Wind aus den Segeln. „Können Sie – müssen Sie sich nur vier Jahre merken" lautet ihre Standardantwort. Christine Tellström hat Spaß an der Sache. „Ich bin neugierig auf meine Mitmenschen", sagt die zweifache Mutter. Ganz unterschiedliche Typen hat sie in den vergangenen 20 Jahren getroffen. „Meistens komme ich gut ins Gespräch, es gibt viele nette Haushalte", bilanziert sie. Oftmals gibt dabei auch Christine Tellström etwas aus ihrem Leben preis. „Das ist nur fair", sagt sie. „Damit die Bad Oeynhausener auch wissen, wen sie vor sich haben."

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