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Ein Meilenstein: Der Knoten ist geplatzt, Autist Montgomery und die Tanzlehrerin Quin verbringen eine Nacht gemeinsam. - © Elke Niedringhaus-Haasper
Ein Meilenstein: Der Knoten ist geplatzt, Autist Montgomery und die Tanzlehrerin Quin verbringen eine Nacht gemeinsam. | © Elke Niedringhaus-Haasper

Bad Oeynhausen Die Tanzstunde: Küchentanz statt Cha Cha Cha

Überwältigender Publikumserfolg: Oliver Mommsen und Tanja Wendhorn brillieren im Theater im Park in der Komödie „Die Tanzstunde“ und erzählen vorher im Pressegespräch, wie sie gerne tanzen

Elke Niedringhaus-Haasper
04.03.2019 | Stand 05.03.2019, 11:57 Uhr

Bad Oeynhausen. Mit dem Spaß am Schwofen ist das so eine Sache. Denn angeblich sind Männer überwiegend Tanzmuffel. Bei Oliver Mommsen ist das ganz anders: „Ich tanze saugerne. Am liebsten allerdings mit Kopfhörer durch die Küche“, verrät der Schauspieler vor seinem Auftritt im restlos ausverkauften Theater im Park. Gemeinsam mit seiner Kollegin Tanja Wendhorn eroberte Mommsen dort das Publikum in der romantischen Komödie „Die Tanzstunde“ im Sturm. Es ist eine zauberhaft charmante Geschichte über die Beziehung zwischen einer tief verstörten Tanzlehrerin und einem Autisten, der jeglichen Körperkontakt verabscheut. Eine Inszenierung, die den Geschmack des Publikums auf den Punkt trifft. Und das nicht nur in Bad Oeynhausen. „Die Tournee der Komödie am Kurfürstendamm war schon komplett ausverkauft, bevor wir überhaupt mit den Proben angefangen hatten“, erzählt der aus dem Bremer „Tatort“ bekannte Schauspieler Mommsen – eine von Anfang an erfolgsverwöhnte Produktion, die von Bad Oeynhausen aus gerade zu einer zweiten Tourneereise startet. Umso entspannter sind Tanja Wendhorn und Oliver Mommsen im Gespräch mit der NW. Die kurze hellblaue Sporthose, die die aus Fernsehreihen wie „Praxis mit Meerblick“ bekannte Wendhorn schon kurz vor ihrem Auftritt trägt, gibt den Blick frei auf ein grün und blau verfärbtes Bein, das nach schweren Verletzungen aussieht. „Da hat die Maske schon ganze Arbeit geleistet“, sagt Wendhorn. Und lacht. Denn eine halbe Stunde später muss sie als Tanzlehrerin Senga Quinn, der ein schwerer Unfall das Knie zertrümmert hat, auf die Bühne treten. Was Martin Woelffers Regie zu Mark Saint Germains Theaterstück „Die Tanzstunde“ angeht, sind Wendhorn und Mommsen nach bereits 100 Vorstellungen im vergangenen Jahr ein eingespieltes Team. Umso mehr Zeit bleibt dem Duo, Bad Oeynhausen zu erkunden. „Ich war heute mit dem Fahrrad an Weser und Werre“, erzählt Oliver Mommsen. Tanja Wendhorn verbrachte den Tag in der Bali-Therme und beim Antiquitätenhändler. Am 14. März haben beide noch einmal Gelegenheit, die Kurstadt zu erkunden. Denn dann gastiert das Ensemble wegen der großen Nachfrage ein weiteres Mal mit der „Tanzstunde“ im Theater im Park. Anders als seine Kollegin, die die klassischen Gesellschaftstänze mag, steht Oliver Mommsen nicht auf Foxtrott, Cha Cha Cha und Co. „Das ist nicht meine Welt“, sagt der gebürtige Rheinländer. Dass er die klassischen Schrittfolgen trotzdem beherrscht, beweist der 50-Jährige zwei Stunden später auf der Bühne: Denn nachdem er sich in der Rolle eines am Asperger-Syndrom leidenden Geowissenschaftlers von einer Expertin in die hohe Kunst des Tanzes hat einführen lassen, legen beide eine kesse Sohle aufs Parkett. Wie er sich auf die anspruchsvolle Rolle eines Autisten vorbereitet hat? „Zuerst einmal habe ich Naoki Higashidas Buch „Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann“ gelesen, in dem ein betroffener Junge seine Welt erklärt. Und dann haben wir mit zwei Mitarbeitern aus unserem Team gesprochen, die Erfahrungen mit Autismus haben“, beschreibt Mommsen den Annäherungsprozess. Wie genau sich der Schauspieler in die Rolle des betroffenen Geowissenschaftlers eingearbeitet hat, auch das beeindruckt das Publikum im Theater im Park. Mit einem Handspiegel übt Mommsen als Ever Montgomery auf der Bühne, wie er nichtsprachliche Signale wie Gestik, Mimik und Blickkontakt seines Gegenübers erkennen und auswerten kann. Denn Montgomery muss für eine Preisverleihung tanzen lernen. Und sich dabei langsam in die Gefühlswelt anderer Menschen vorarbeiten. Nach einem komödiantischen Stoff klingt das so gar nicht. Und trotzdem wird im Theater im Park sehr viel gelacht. Denn dieser Spagat der Annäherung von zwei Menschen, die im Umgang mit ihren Gefühlen nicht weiter voneinander entfernt sein könnten, liefert reichlich komödiantischen Zündstoff. Perfekt inszeniert von Martin Woelffer und großartig umgesetzt von Oliver Mommsen und Tanja Wendhorn ist das geschmeidige Unterhaltung auf gutem Niveau, die vom Publikum mit donnerndem Applaus gefeiert wurde.

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