Zufrieden: Die Landtagsabgeordneten Angela Lück und Christian Dahm (r.) sowie SPD-Fraktionschef Olaf Winkelmann. - © Thorsten Gödecker
Zufrieden: Die Landtagsabgeordneten Angela Lück und Christian Dahm (r.) sowie SPD-Fraktionschef Olaf Winkelmann. | © Thorsten Gödecker

Bad Oeynhausen Vielstimmiges Plädoyer für Solidarität

SPD-Bürgerempfang: 170 Gäste hören eine Grundsatzdiskussion über die Aktualität von Werten, die die Gesellschaft zusammen halten. Dabei werden aber auch deutliche Warnungen laut

Bad Oeynhausen. Es sind nur zwei Wörter, aber große Worte: Respekt und Solidarität. Sie haben es in sich, zeigt der Bürgerempfang, zu dem der SPD-Stadtverband in den „Roten Saal" des Johanniter-Mehrgenerationenhauses am Montagabend geladen hat. In einer Zeit, in der Prozentzahlen den Sozialdemokraten eher „weh tun", kann Stadtverbandschef Ralf Jaworek 170 Gäste begrüßen. Mehr hätten der Podiumsdiskussion lauschen wollen, doch der „Rote Saal" erlebt schon so einen ersten Belastungstest. Wenn Gaffer Rettungskräfte behindern und Menschen mit anderem Glauben oder anderer Hautfarbe nicht mehr der Respekt entgegengebracht wird, den Artikel Eins des Grundgesetzes fordert, dann laufe etwas „grundlegend schief" in dieser Gesellschaft, umreißt Bürgermeister Achim Wilmsmeier das Thema. Er erinnert daran, dass die Genossen, die vor 110 Jahren die SPD-Ortsvereine Eidinghausen und Werste gegründet haben, diesen Werten vertraut hätten. Von ihrer Aktualität hätten diese Werte nichts verloren. DIE GEWERKSCHAFTERIN Die DGB-Landesvorsitzende Anja Weber beobachtet, dass sich die Respektlosigkeit aus den sogenannten „sozialen Medien" nun auch in der realen Welt breit mache. Sie hält den Impulsvortrag und findet es „unfassbar", dass sich die „Kollegen in Uniform" zunehmend mit dieser Respektlosigkeit konfrontiert sähen. Die neoliberale Überzeugung, dass wenn jeder an sich selbst denke, an alle gedacht sei, führe in die Irre. Die großen Herausforderungen von Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel seien nur gemeinsam, solidarisch, zu schultern, sagt Weber und erklärt, dass es die Gleichzeitigkeit der Herausforderungen sei, die die Menschen zunehmend verunsichere. „Es gibt Kräfte", mahnt sie, „denen kommen Wut und Unsicherheit gerade Recht". Am Beispiel der Gewerkschaften führt sie aus, was Solidarität erreichen könne. Sie nennt die jüngsten Tarifabschlüsse und insbesondere die flexiblen Regelungen zur Arbeitszeit, die man erstritten und verhandelt habe. „Wir sind nicht ausgeliefert, wir können gestalten", sagt sie und lobt die von Arbeitsminister Hubertus Heil vorgelegte „Respekt-Rente". Die Wähler nähmen das wahr. Die SPD sei in den Umfragen von 17 auf 19 Prozent gestiegen, sagt Weber. Sie warnt vor jenen, die vorgeben, den „Volkswillen" zu repräsentieren, denn das Geschäft der Demokratie sei die Vielfältigkeit. Die bedeute nicht, Recht zu haben, sondern fähig zum Kompromiss zu sein. Dann wird sie konkret: „Der AfD dürfen wir für ihr Tun keine Plattform bieten." Sie wirbt für Europa, das Engagement des Einzelnen in der Politik und der Gewerkschaft und diagnostiziert eine das Individuum überfordernde Gesellschaft, die entschleunigt werden müsse. Gemeinsam könne man das schaffen, so Weber. Nach dem Intermezzo des Gitarrenensembles der Städtischen Musikschule, beleuchten auf dem Podium der zweifache Paralympics-Sieger Sebastian Dietz, der Leiter der Bad Oeynhausener Feuerwehr Stefan Meier, der Leiter der Europaschule Dirk Rahlmeyer und Gewerkschafterin Anja Weber die Begriffe „Solidarität" und „Respekt" aus ihrer jeweiligen Perspektive. NW-Redakteur Dirk Windmöller moderiert das Gespräch. DER FEUERWEHRCHEF Stefan Meier stellt grundlegende Veränderungen fest. Die Menschen seien aggressiver und egoistischer geworden. Er berichtet von Einsätzen, bei denen es den Rettern nahezu unmöglich gemacht werde, ihren Einsatzort zu erreichen. Für ihren Einsatz am Nächsten müssten sie sich beschimpfen lassen. „Hätten wir nicht eine funktionierende Kameradschaft und ein dickes Fell, dann wäre das nur schwer zu ertragen", sagt der Feuerwehrchef. Meier wirbt für das Engagement in der Feuerwehr, die auch für Kinder und Jugendliche einiges biete. „Die SPD auch", ruft SPD-Fraktionschef Olaf Winkelmann dazwischen. DER SCHULLEITER Für mehr Zivilcourage tritt Dirk Rahlmeyer ein: „Es darf nicht sein, dass der, der die Ordnung achtet, mehr Ärger hat als der, der sie bricht." Europaschule sei mehr als ein gefälliger Name: „Wenn wir unsere Werte verteidigen wollen, dann gelingt das nur in Europa". Rahlmeyer begreift die Digitalisierung als Chance und plädiert für einen vernünftigen und erlernten Umgang mit dem Smartphone. Nüchterner ist seine Sicht auf die „sozialen Medien": „Mobbing hat es in der Schule immer gegeben. Nun ist es aber wesentlich leichter geworden, den Schwachsinn im Schutz der Anonymität zu verbreiten." Der Schulleiter plädiert für eine Kultur, die Fehler wieder zulässt und den Mut auch der Scheiternden respektiert. DER PARALYMPICSSIEGER Sehr engagiert wirbt Sebastian Dietz für den Sport. „Beim Sport lernen Kinder, respektvoll miteinander umzugehen, sich selbst zu respektieren, zu siegen und zu verlieren." Mehr brauche es nicht. Die Worthülsen Inklusion und Integration könne er nicht mehr hören. Die Goldmedaille, die er 2016 in Rio de Janeiro gewonnen habe, habe geraschelt, wenn man sie geschüttelt habe. An dem Geräusch hätten Sehbehinderte erkennen können, welche Medaille sie in Händen hielten. „Teilhabe kann so einfach sein", sagt Dietz. Er relativiert die Bedeutung des Begriffs „Behinderung" und verweist auf die Brillenträger im Saal, die noch vor Jahrzehnten für ihren Sehfehler als Brillenschlangen gehänselt worden seien. „Heute ist die Brille ein modisches Accessoire." Weil alle Diskutanten die von Respekt geprägte Solidarität zum Inbegriff eines gelungenen Miteinaderns erklären, will Moderator Dirk Windmöller wissen, warum der Organisationsgrad von Parteien, Vereinen und Verbänden dennoch kontinuierlich schrumpfe. Mehr als den Verweis auf die „Explosion der Möglichkeiten" erhält er nicht als Antwort.

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