Erfahrene Busnutzerin: Simone Strahl fährt zweimal die Woche nach Kirchlengern, steigt am Busbahnhof Bad Oeynhausen aus, geht zum Bahnhof und nimmt den Zug. - © Ulf Hanke
Erfahrene Busnutzerin: Simone Strahl fährt zweimal die Woche nach Kirchlengern, steigt am Busbahnhof Bad Oeynhausen aus, geht zum Bahnhof und nimmt den Zug. | © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen Blinde hoffen auf Verbesserungen

Verkehr: Bürgermeister und Fünfer-Koalition haben deutlich mehr Geld für den Nahverkehr in Aussicht gestellt. Simone Strahl und Sabine Prange erwarten grundsätzliche Änderungen

Ulf Hanke
11.01.2019 | Stand 10.01.2019, 16:43 Uhr

Bad Oeynhausen. Die wenigen Schritte vom Zentralen Busbahnhof (ZOB) zum Bahnhof sind für Fußgänger ein kleines Abenteuer. Seit Wochen ist die Ampelanlage ausgefallen, erstaunlich, dass bisher offenbar nichts passiert ist, jedenfalls sind keine Unfälle bekannt geworden. Doch wie gehen Menschen, die blind oder sehbehindert sind, mit dem Ampelausfall um? Bisher konnten sie an der Ampel auf einen Summton vertrauen, der Grün signalisierte. Simone Strahl denkt nicht lange darüber nach. Die blinde Bad Oeynhausenerin fährt täglich mit dem Bus. Zweimal in der Woche muss die 48-jährige Therapeutin beruflich nach Kirchlengern, nimmt in Eidinghausen den Bus zum ZOB und steigt dann um in die Bahn nach Kirchlengern. Sie ist ein Nahverkehrsprofi. Die defekte ZOB-Ampel ist noch das kleinste Problem, findet Simone Strahl beim Fototermin und greift beherzt den Arm des Reporters, um sich auf die andere Straßenseite führen zu lassen. Und auf dem Rückweg? „Irgendwer ist immer da", sagt sie. Schon bei der Podiumsdiskussion hatte Simone Strahl ihrem Ärger über den Busverkehr Luft gemacht und gesagt: „Wenn ich könnte, würde ich Auto fahren." Es ist ein Satz, der hängen blieb und den man erst dann so richtig versteht, wenn die 48-Jährige ganz entspannt bei einem Milchkaffee von ihren Erlebnissen beim Busfahren erzählt. Klar gebe es auch immer wieder sehr hilfsbereite Busfahrer, betont Strahl, aber das Personal wechsele häufig und nicht jeder Busfahrer wisse gleich gut darüber Bescheid, welche Bedürfnisse blinde Fahrgäste haben. Strahl: „Bahnfahren ist einfacher." Die Fünfer-Koalition im Rat der Stadt Bad Oeynhausen hat beschlossen, dieses Jahr deutlich mehr Geld für den öffentlichen Nahverkehr auszugeben. Wofür genau, ist noch nicht klar. Die Planer des Minden-Herforder Verkehrsgesellschaft (MHV) sollen zunächst ein Konzept erarbeiten, das den Nahverkehr „nachhaltig verbessert", so hat es Bürgermeister Achim Wilmsmeier (SPD) bei einer Podiumsdiskussion von Linken, Grünen und Verkehrsclub Deutschland in der Druckerei deutlich gemacht. Wilmsmeier zeigte sich dabei auch offen für eine Verlegung des Busbahnhofs an die Kanalstraße. Das Konzept ist noch in der Mache, doch Simone Strahl hätte jetzt schon ein paar Vorschläge. Die Bad Oeynhausenerin hat sich mit ihrer Freundin Sabine Prange im Café Finselbach verabredet, um über den Nahverkehr zu sprechen. Beide Frauen sind von Geburt an blind, aber beide bewegen sich auf höchst unterschiedliche Weise durch die Stadt: Simone Strahl fährt täglich Bus. Sabine Prange aber wird in der Regel von ihren Eltern im Auto gefahren, sie hat in den 1990ern zum letzten Mal den Bus genommen. Mehrfach ist sie versehentlich bis Vlotho gefahren, weil es damals noch keine Haltestellendurchsagen gab und die Busfahrer nicht bescheid sagten. Ähnliches erlebt Simone Strahl auch heute noch, wenn die Technik im Bus versagt oder die Busfahrer sich nicht damit auskennen. Doch sie weiß natürlich längst, wann der Bus in etwa am ZOB sein sollte und spricht den Fahrer an. Am Busbahnhof gibt es inzwischen ein Leitsystem für Sehbehinderte. „Das ist gut gemacht", sagt Simone Strahl. Nur die Haltestellen-Schilder seien für Blinde nicht zu entziffern. Achim Overath von der Minden-Herforder Verkehrsgesellschaft kennt die Problematik und sagt: „Wir haben einen Katalog von Maßnahmen in petto." Für den öffentlichen Nahverkehr wünschen sich beide Frauen Fahrpläne in Blindenschrift oder eine Technik, die Sehbehinderten anzeigt, wo sie sind und wo der nächste Bus abfährt. Davon könnten auch Sehende profitieren. Schließlich kann nicht jeder Fahrgast gleich gut den Fahrplan lesen. Und nicht selten sind diese Aushänge durch Vandalismus zerstört. Was müsste passieren, damit auch Sabine Prange demnächst den Bus nimmt? Die Masseurin überlegt einen Moment. „Ansagen in Bus und Bahn sind schon mal ganz wichtig", sagt sie, „und Informationen über den nächsten Anschluss."

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