Smartphones als Problem: Statt miteinander zu reden, läuft die Kommunikation von Jugendlichen in erster Linie übers Handy. Damit sind Cybermobbing Tor und Tür geöffnet. Foto: DPA - © Verwendung weltweit
Smartphones als Problem: Statt miteinander zu reden, läuft die Kommunikation von Jugendlichen in erster Linie übers Handy. Damit sind Cybermobbing Tor und Tür geöffnet. Foto: DPA | © Verwendung weltweit

Bad Oeynhausen Neue Schulsozialarbeiter für Gesamtschule

Ratssitzung: Die Gesamtschule bekommt für das Projekt „Auszeit“ drei neue Schulsozialarbeiter, die die Einzelfallbetreuung übernehmen sollen. CDU stimmt im Rat gegen die Pläne der Verwaltung

Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Hier eine WhatsApp-Gruppe, in der ein Schüler Stress hat, dort Pöbeleien auf dem Schulhof oder eine schlechte Note, für die es Zuhause Ärger gibt. Immer weniger Kinder finden offenbar ein Elternhaus vor, in dem Zeit für Gespräche vorhanden ist. Stattdessen bringen sie die Probleme mit in die Schule. Und das wiederum bringt die Schule in Not. „Für diese Beratung und Betreuung sind Lehrer bei aller Bereitschaft einfach nicht ausgebildet", sagt Dirk Rahlmeyer, Schulleiter der Gesamtschule. „Wir sind die Mittelstandsschule und haben Schüler mit alltäglichen Problemen – nur das die früher in den Familien aufgefangen wurden", bilanziert er. Als Unterstützung soll die Gesamtschule deshalb nach den Sommerferien drei zusätzliche Schulsozialarbeiter bekommen. Projekt „Auszeit" mit Schule und Träger entwickelt Das Projekt „Auszeit" ist auf zwei Jahre angelegt und die beiden zusätzlichen Stellen (verteilt auf drei Mitarbeiter) wurden am Mittwochabend gegen die Stimmen der CDU vom Rat verabschiedet. Kurt Nagel (CDU) bemängelte in erster Linie die Finanzierung des Projektes: „Warum soll die Stadt die Kosten von 268.000 Euro tragen, wenn wir Landesmittel abrufen könnten?", fragte er die Verwaltungsspitze. Weil die, so der der Beigeordnete für Bürgerdienste, Stefan Tödtmann, nicht zur Verfügung ständen. Ein Teil der Mittel aus dem Programm „Bildung und Teilhabe" fließe bereits in die Schulsozialarbeiter an den Realschulen und für andere Programme passe die Situation an der Gesamtschule nicht. „Wir werden aber nach den zwei Jahren nochmals Landesmittel prüfen und abrufen", versprach Tödtmann. Das Konzept für die „Auszeit" wurde zusammen mit der Schule entwickelt, ebenso der Träger ausgesucht. „Unser Kooperationspartner ist das Esta-Bildungswerk, das nach den Sommerferien die Einzelfallbetreuung übernehmen soll", sagte Dirk Rahlmeyer. Also all die Aufgaben, die in den psychosozialen Bereich fallen. Sie waren die ersten in Bad Oeynhausen, die eine Schulsozialarbeiterin vorweisen konnten: „Bei der Gründung der Schule vor 20 Jahren hatte die Schul- und Lehrerkonferenz beschlossen, dass wir auf eine Lehrerstelle verzichten und mit dem Geld des Landes einen Schulsozialarbeiter finanzieren", blickt Dirk Rahlmeyer zurück. Ein Modell, das immer noch funktioniert. Aufgrund eines Jobwechsels war die Stelle allerdings ein dreiviertel Jahr vakant. „Wir haben seit Ostern nun Sven Wittwer im Team", berichtet Rahlmeyer. Der sich eigentlich um schulische Belange, wie Kennenlernwochen oder Klassenrat kümmern soll. „Dafür hat er aber gar keine Zeit", erklärt Rahlmeyer. Der deshalb an die Stadt herangetreten ist und um Unterstützung gebeten hat. „Bei uns geht es nicht nur um Migration und Inklusion", sagt Rahlmeyer. Sondern Schule sei mittlerweile bei Themen wie Medien, Streit, Sexualaufklärung oder Rassismus gefordert. „Das alles wird in die Schule reingetragen." Früher hätten Elternhaus, Vereine oder die Kirche das übernommen. „Seitdem aber Kirche und Vereine Mitglieder verlieren, werden diese Themen in die Schulen verlagert." Ein Beispiel ist WhatsApp. Der Nachrichtenaustauschdienst, in dem Nutzer Gruppen bilden können, ist immer wieder Stressfaktor. Die Mediennutzung habe eine Geschwindigkeit aufgenommen, die kaum zu verfolgen sei. „Wenn die Schüler bei WhatsApp Stress in einer Gruppe haben, beschimpft werden, dann gehen sie damit zum Lehrer – nicht zu den Eltern", weiß der Schulleiter. Der ist gefordert. „Wir müssen das Ganze aufklären. Und klären, ob der Schüler eigentlich alt genug für die Nutzung dieses Dienstes ist." Auch wenn das keine Aufgabe der Schule sei: „Sonst würde sich oftmals niemand kümmern", winkt Rahlmeyer ab. „Es gibt in immer mehr Elternhäuser Zeitprobleme." Hinzu komme fehlende Geduld und die fehlende Bereitschaft. „Alle Menschen sind in Hetze – da fällt ein einfaches Gespräch einfach weg." Das offenbart sich den Lehrern vielfach schon bei den Kennenlernfahrten in den unteren Jahrgängen: „Da wird nur per Handy kommuniziert. Das Gespräch zwischen Erwachsenem und Jugendlichem – das kennt in der Form kaum noch jemand." Gefordert sind zum einen das Elternhaus, wo wieder mehr mit den Kindern gesprochen werden muss, zum anderen Vereine und Kirchen, findet Rahlmeyer. „Es gibt bereits eine Zusammenarbeit mit den Jugendzentren, die Projekte anbieten." Vorstellen kann sich der Schulleiter zum Beispiel ein Ferienprojekt für Flüchtlingskinder. „Schule darf nicht alleine gelassen werden. Wir müssen das Angebot wieder breiter aufstellen", fordert Dirk Rahlmeyer. Es brauche multiprofessionelle Teams.

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