Großartig: Wenn man sich die festlichen dunklen Anzüge der jungen Sänger des Thomanerchores wegdenkt, dann sind sie ganz normale Jungen. Von denen sich einige schon während des Konzertes auf die Übertragung der zweiten Halbzeit des Fußballweltmeisterspiels im Gemeindehaus freuen. Foto: Elke Niedringhaus-Haasper - © Elke Niedringhaus-Haasper
Großartig: Wenn man sich die festlichen dunklen Anzüge der jungen Sänger des Thomanerchores wegdenkt, dann sind sie ganz normale Jungen. Von denen sich einige schon während des Konzertes auf die Übertragung der zweiten Halbzeit des Fußballweltmeisterspiels im Gemeindehaus freuen. Foto: Elke Niedringhaus-Haasper | © Elke Niedringhaus-Haasper

Bad Oeynhausen Thomaner-Chor: Engelsgleiche Chormusik

Minutenlange Jubelstürme: Der weltbekannte Chor entfaltet in der Auferstehungskirche mit geistlichen Musikstücken von Bach bis Brahms eine andächtige Stimmung

Elke Niedringhaus-Haasper

Bad Oeynhausen. Deutschland gegen Schweden? Wenn der Leipziger Thomanerchor auf einer seiner seltenen Inlandstourneen auftritt, dann hat die Fußballweltmeisterschaft keine Chance. Schon als bekannt wurde, dass das weltbekannte Gesangsensemble hier ein Konzert gibt, war die Auferstehungskirche komplett ausverkauft. Wer eine Karte ergattert hatte, kam in den Genuss der exzellenten stimmlichen Qualität und der musikalischen Souveränität des traditionsreichen Knabenchores. Am Ende wurden der Thomanerchor, der Violoncellist und der Organist minutenlang mit stürmischem Applaus gefeiert. Die Fußballfans saßen am Samstagabend anscheinend weniger im Zuschauerraum als auf der Bühne. Und weil Hartmut Birkelbach – im Kirchenkreis Vlotho für die Kunst und Kultur zuständig – das genau wusste, hatte er für die jungen Sänger im Anschluss an das Konzert im Gemeindehaus für die zweite Halbzeit des Spiels eine Übertragung vorbereitet und Pizza bereitgestellt. Denn wenn man über die dunklen Anzüge und weißen Hemden hinwegsieht, dann erkennt man schnell, dass es sich bei den Thomanern um ganz normale Jungs handelt. Und die Jüngeren von ihnen müssen bisweilen gegen Ende des Konzertes auch schon mal ein Gähnen unterdrücken, weil für sie im Alltag längst Schlafenszeit ist. „Hier wird auf jeden Fall meisterlich gesungen. Denn dafür steht diese Spitzenmannschaft“, sagte Hartmut Birkelbach zur Begrüßung und hatte damit nicht zu viel versprochen. Schon mit Frank Martins „Kyrie“ verbreitete der Knabenchor eine sehr feierliche und andächtige Stimmung. Und nicht nur für den Kulturreferenten des Kirchenkreises, der dieses Konzert bereits vor zwei Jahren unter Dach und Fach gebracht hatte, ging damit ein Traum in Erfüllung. Sondern auch für viele der Gäste, denen die Ergriffenheit anzumerken war. Dass der musikalische Schwerpunkt des Gesangsensembles mit einer mehr als 800-jährigen Chortradition in der geistlichen Musik liegt, zeigte das Konzertprogramm mit Werken von Frank Martin, Hans Leo Haßler, Heinrich Schütz, Johannes Brahms und natürlich Johann Sebastian Bach. Thomaskantor Gotthold Schwarz dirigiert den Knabenchor ungemein leidenschaftlich und nahezu ekstatisch mit großen Gesten und bezwingender Mimik. Und seine jungen Sänger hielten den Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Minute. Dasselbe gilt für Thomasorganist Ullrich Böhme, der mit seiner eindrucksvollen Interpretation von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll – einem ausgewiesenen Orgelklassiker – einen absoluten Höhepunkt setzte. Aber auch für den Violoncellisten Hartmut Becker, der immer wieder für Glanzpunkte sorgte. Bachs Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ sollte den Schlussakkord unter das beeindruckende Konzert setzen – aber der minutenlange, tosende Applaus forderte den mit Preisen überhäuften Thomanerchor heraus und provozierte eine Zugabe: Mit Heinrich Schütz Kantate „Also hat Gott die Welt geliebt“ zeigten die Thomaner ein letztes Mal ihr beeindruckendes Können. Und dafür verlässt Gotthold Schwarz die Bühne und überlässt dem jungen Max Gläser, einem der ersten Präfekten, den Dirigentenstab. Unter rauschendem Schlussapplaus verlassen die Thomaner die Auferstehungskirche und ihr tief ergriffenes Publikum.

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