Abriss: Der Erhalt des Gebäudes habe sich für die Johanniter nicht mehr gelohnt. Deshalb macht der Bagger mit
dem riesigen Greifer das alte Haus platt. Hier soll nun ein Garten entstehen. - © Johannes Wöbkemeier
Abriss: Der Erhalt des Gebäudes habe sich für die Johanniter nicht mehr gelohnt. Deshalb macht der Bagger mit
dem riesigen Greifer das alte Haus platt. Hier soll nun ein Garten entstehen. | © Johannes Wöbkemeier

Bad Oeynhausen „Ghettohaus“: Stadtheimatpfleger besteht auf Gedenkraum

Klaus Peter Schumann bedauert den Abriss des „Haus Bromberg“. Bereits im September 2016 habe er sich mit Bürgermeister und Johannitern darauf geeinigt

Ulf Hanke

Bad Oeynhausen. Eine Gedenktafel im Garten reicht Klaus Peter Schumann nicht. Der Stadtheimatpfleger fordert ein würdiges Gedenken an den Ort, an dem die Stadtverwaltung jüdische Bürger zwangsweise einquartiert hat, bevor sie in Konzentrationslager und damit in den sicheren Tod geschickt wurden. In der Wohnung lebten die Schwestern Julie und Hedwig Bibro. Julie starb am 10. Juli 1942 in dem Haus, zwei Tage nach der Deportation ihrer Schwester. Auf Kompromiss geeinigt Schumann bezieht sich auf ein Treffen an der Weststraße im September 2016 von Bürgermeister Achim Wilmsmeier, Michael Schelp und Frank Bröker von den Johanniter Ordenshäusern und ihm selbst. Dabei habe man sich auf einen Kompromiss geeinigt. Michael Schelp von den Johanniter Ordenshäusern erinnert sich an das Gespräch dagegen ganz anders: „Über einen Gedenkraum haben wir nie gesprochen." Es sei klar gewesen, dass „in absehbarer Zeit" die Weststraße 8a „nicht überbaut" werde. Neubau und Gedenkstätte Schumann schwebte damals wenigstens ein teilweiser Erhalt der Fassade vor. Seiner Erinnerung nach habe man sich aber darauf geeinigt, in einem Neubau eine Gedenkstätte einzurichten. Er habe dazu ein museumspädagogisches Konzept gefordert, um angemessen an den Ort zu erinnern, so Schumann. Die Wohnung im Erdgeschoss des „Haus Bromberg" in der Weststraße 8a, damals Ludendorffstraße 8a, war nach dem „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden" von der Stadtverwaltung als sogenannte „Judenwohnung" ausgewiesen worden. Das geht aus einem Aufsatz des ehemaligen Stadtheimatpflegers Rico Quaschny über das Leben der letzten Bewohner des Hauses hervor. Per Verwaltungserlass Die Verwaltung erfasste den von Juden gemieteten oder vermieteten Wohnraum. „Soweit erforderlich, kann der Juden zur Verfügung zu stellende Raum eingeengt werden", hieß es in dem entsprechenden Erlass zur Durchführung des Gesetzes. Bei den Schwestern Julie und Hedwig Bibro lebten kurzzeitig auch Margarethe und der Volkshochschulgründer Ludwig Back sowie die Hotelbetreiberin Johanne Frank und Tochter Paula Gans. Kommentar Ein Ort der Gewalt Die Stadt Bad Oeynhausen hat ein merkwürdiges Verhältnis zur eigenen Vergangenheit. Da setzt der „Reichsarchitekt der Hitlerjugend" Hanns Dustmann im Jahr 1957 einen halbwegs schmucken Kasten an den Kurpark – und schwups wird das Haus zum jüngsten Denkmal der Stadtgeschichte und Zeichen der Demokratie verklärt. Der Ort dagegen, an dem die Stadtverwaltung durch Zwangsumsiedlungen Gewalt gegen ihre eigenen Bürger ausgeübt hat, wird abgerissen. Ein kleiner Kreis geschichtsbewusster Menschen protestiert, Architekturliebhaber schreiben Leserbriefe. Von der Stadtverwaltung dagegen kommen nur ein paar dürre Zeilen, die auch noch mit einer allgemeinen Erklärung des Baurechts beginnen. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Ganz egal, ob das „Haus Bromberg" architektonisch wertvoll war oder nicht: Es ist Aufgabe der Politik, ein angemessenes Gedenken an das Handeln der Stadtverwaltung in den 1940er Jahren zu ermöglichen. Kontakt zum Autor

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