Patient: Simon Kretschmar wurden im August Herz und Lunge transplantiert. Jetzt strahlt er mit Ehefrau Anita. Foto: Nicole Sielermann - © Nicole Sielermann
Patient: Simon Kretschmar wurden im August Herz und Lunge transplantiert. Jetzt strahlt er mit Ehefrau Anita. Foto: Nicole Sielermann | © Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen Das erste Mal ein gesundes Herz

Tag der Organspende am 2. Juni: Drei Tage vor seinem 35. Geburtstag wurden Simon Kretschmar am Herz- und Diabeteszentrum Herz und Lunge transplantiert. Lange Wartelisten für Patienten, die auf Spenderorgane warten

Nicole Sielermann
18.05.2018 | Stand 18.05.2018, 10:58 Uhr

Bad Oeynhausen. Zwei bis drei Schritte, dann war Schluss. Nicht einmal mehr bis zur Toilette schaffte es Simon Kretschmar alleine. Dann machte seine Lunge schlapp. Alles eine Folge seiner verschiedenen angeborenen Herzfehler. 15 Wochen lag der 35-Jährige im vergangenen Jahr auf der Intensivstation des Herz- und Diabeteszentrums Bad Oeynhausen. Sein Leben hing an Maschinen. „Wir hatten alle Therapien ausgeschöpft“, sagt Oberarzt André Renner. Dann kam die erlösende Nachricht, dass es Spenderorgane für eine Herz-Lungen-Transplantation gibt. Ein Glücksfall. Und für Simon Kretschmar die Chance auf ein völlig neues, ein herzgesundes Leben, wie er sagt. Schon als wenige Wochen alter Säugling wurde Simon Kretschmar das erste Mal operiert. Danach folgten im Kindes- und Erwachsenenalter Klappe Nummer zwei und drei. „Eigentlich sollte ich mit der letzten alt werden“, sagt der 35-Jährige. Doch die gab den Geist auf. Und sorgte für einen hohen Widerstand und Druck in der Lunge. „Trotz Medikamenten hätte das rechte Herz versagt“, erklärt Renner. Ein Röntgenbild aus der Zeit vor der OP zeigt, dass das Herz doppelt so groß war, wie normal. Eine andere Chance als durch eine Transplantation Simon Kretschmars Leben zu retten, gab es nicht. „Als ich meinen Mann hierher gebracht habe, hat ein Arzt zu mir gesagt, zwei Wochen später und ihr Mann wäre tot“, erinnert sich Anita Kretschmar an den Moment im HDZ. Der sogenannte Shone-Komplex, eine seltene Kombination aus verschiedenen Herzfehlern, sei, so André Renner, irgendwann austherapiert. „Dann endet ein Leben oder halt nicht“, sagt der Oberarzt der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie. Simon Kretschmars Leben begann. Drei Tage vor seinem 35. Geburtstag wurde er am 15. August in den OP geschoben. Nur fünf Mal wurden im vergangenen Jahr in Deutschland Herz und Lunge zusammen transplantiert. „Es ist aufwendig“, sagt Renner. Auch weil durch die sechs vorangegangenen Herz-OPs bei Kretschmar Verwachsungen zu lösen waren, bevor die Organe entnommen werden konnten. „Es geht darum, die Nerven und Gefäße zu erhalten, die wichtig für die Atmung sind“, erklärt der Facharzt. Im Block wurden danach die neuen Organe eingesetzt. Die Chancen für Patienten auf eine Herz-Lungen-Transplantation stehen schlecht. „Die Wartezeit liegt bei Jahren“, winkt der Oberarzt ab. Es brauche erst eine massive Verschlechterung des Patienten, um überhaupt eine Chance zu haben. „Man muss fast tot sein.“ Der Grund: die sinkende Zahl der Organspender. „Die ist derzeit erschreckend gering. Das macht mir Sorge.“ Es gebe momentan so wenig Spender wie noch nie. „Dabei ist eine Transplantation eine segensreiche Behandlungsform“, ist der Herzchirurg überzeugt. „Wir haben mit Herrn Kretschmar ein gutes Beispiel vor Augen, was ein Organspenderausweis bewirken kann.“ Doch viele Menschen wollten sich Zeit ihres Lebens nicht mit dem Tod auseinandersetzen. Oftmals komme das Nachdenken über Organspende erst dann, wenn nähere Angehörige betroffen seien. „Wir müssen zeigen, dass wir Menschen wie dich und mich retten können“, nennt Renner ein Beispiel, um das negative Bild der Organspende zu kompensieren. „Es gibt keine Alternative für diese neue Lebensqualität, die Herr Kretschmar hat. Das schafft auch kein Kunstherz. Nichts.“ Noch wenige Wochen, dann hat Simon Kretschmar das erste kritische Jahr überstanden. Schon der Moment nach der OP sei unvorstellbar gewesen. „So viel Luft“, sagt er lachend. „Viel mehr als ich brauche.“ Spiele und Raufereien mit dem sechsjährigen Sohn Tim, Treppensteigen ohne Pause und kurze Spaziergänge – all das ist für den 35-Jährigen, der bis Oktober stationär behandelt wurde, erstmals möglich. „Ich führe ein herzgesundes Leben – das kenne ich gar nicht“, sagt er. Er sei gesünder als jemals in seinem Leben. „Da muss ich mich vom Kopf her erst dran gewöhnen.“ Ebenso wie an die Tatsache eines Spenderorgans: „Es ist makaber, das ich lebe, weil ein anderer sterben musste“, sagt er nachdenklich. „Aber sonst würde auch ich nicht mehr leben – und deshalb bin ich Gott für diese zweite Chance dankbar.“ Wenn alles gut läuft, kann Simon Kretschmar mit seinen neuen Organen alt werden. Er muss nur einige Ernährungs- und Hygienegewohnheiten einhalten. Für Oberarzt Renner ist eine solche Transplantation Handwerk: „ Es ist nicht entscheidend, was der Chirurg transplantiert – nur braucht er Erfahrung dafür.“ Die eigentliche Herausforderung käme erst nach der Transplantation. Die Immunbehandlung – um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden.

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