0

Bad Oeynhausen Das feine Gespür für Knoten

Prävention: Bettina Schniedermann ist sehbehindert und bietet eine Brustkrebsfrüherkennung mit Fingerspitzengefühl. In Arztpraxen des Gyn-Collegs arbeitet sie als medizinisch-taktile Untersucherin

Nicole Sielermann
26.01.2018 | Stand 26.01.2018, 16:06 Uhr

Bad Oeynhausen. Bettina Schniedermanns Arbeit hat etwas von einem Tanz. Nur dass es ihre Finger sind, die über die nackte Brust der Patientin tanzen. Auf die hat sie kurz zuvor fünf rot-weiße Streifen mit kleinen fühlbaren Pünktchen geklebt. Kein Millimeter Haut, kein Fleckchen darunter bleibt unangetastet. Seit Dezember arbeitet die sehbehinderte 59-Jährige als medizinisch-taktile Untersucherin im Gyn-Colleg Weserland, das gleich vier Anlaufstellen in der Region – unter anderem in Bad Oeynhausen und Minden – bietet. Am Anfang steht das Gespräch. In vertrauensvoller Umgebung fragt Bettina Schniedermann nach familiären Vorbelastungen, Verhütung oder Stillen. Aus den Antworten lassen sich bereits erste Schlüsse auf das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, ziehen. „Frauen, die früh ihre erste Regelblutung hatten, aber spät in die Wechseljahre kommen, haben zum Beispiel ein hohes Risiko", erklärt sie. Weil sie über eine langen Zeitraum Östrogenen ausgesetzt seien. „Ein Karzinom braucht Östrogene als Nahrung." Mit rund 30 Prozent ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen – und zwar in allen Staaten der industrialisierten Welt. Seit den 80er Jahren hat sich die Zahl der Erkrankten verdoppelt: Rund 70.000 Mal im Jahr stellen Ärzte die Diagnose Mammakarzinom bei der Frau, mehr als 17.800 von ihnen sterben jährlich daran. Eine Tastuntersuchung soll die ärztlichen Möglichkeiten der Brustkrebsfrüherkennung ergänzen und den Frauen zusätzliche Sicherheit geben. Millimeter für Millimeter Bettina Schniedermann beginnt mit dem Abtasten von Lymphknoten und Brust. Millimeter für Millimeter tastet sie sich in drei Tiefenschichten zwischen den rot-weißen Längsstreifen vor, strukturiert, fokussiert. Die Fingerspitzen werden zu Augen. Eine Zyste fühle sich für sie ganz anders an als ein Karzinom. Die 59-Jährige spürt, ob die Brust eher knotig oder weich daherkommt. Tastet, ob sich das Gewebe verschieben lässt. Tut es das nicht, sei das ein schlechtes Zeichen. Aber: „80 Prozent der gefundenen Veränderungen sind gutartig", sagt sie. Seien sogenannte Raumforderungen, wie Zysten in den Milchgängen oder Gewebeverhärtungen durch Muskelfasern. „Beim Krebs passiert die Veränderung auf Zellebene und das zeigt sich nicht durch eine Vergrößerung oder augenscheinliche Veränderung." Rund eine Stunde nimmt sich Bettina Schniedermann für die Patientin Zeit. Wie lange genau das Abtasten dauert – das hängt von der Körbchengröße ab. „A geht schneller als DD", sagt sie schmunzelnd. Schniedermann erklärt und zeigt die Besonderheiten der jeweiligen Brust. Zwischendurch lässt die 59-Jährige die Frauen selber ran. Sie sollen spüren, wie sich ihre Brust anfühlt. Damit sie ein Gefühl entwickeln und erkennen, wann sich etwas verändert. „Ich möchte den Frauen die Angst nehmen", sagt die Untersucherin. „Ich kann viele beruhigen. Und etliche sind schlauer, wenn sie nach Hause gehen." So wissen sie zum Beispiel, dass Schmerzen in der Brust meist ein gutes Zeichen sind. „Alles, was weh tut, ist ungefährlich." Trotzdem gibt es bei jeder zehnten Frau Veränderungen im Gewebe. Bettina Schniedermann ist von Geburt an auf einem Auge blind. „Bei mir ist das Sehzentrum auf dem einen Auge von Geburt an nicht angelegt", erzählt die 59-Jährige, die in Schloss Holte wohnt. Schon von klein auf war Schniedermanns Tastsinn besonders ausgeprägt. „Meine Eltern hatten ein Fachgeschäft für Damenoberbekleidung und da habe ich liebend gerne die Stoffe gefühlt", erinnert sie sich. Hinzu kommt durch ihren Beruf der Hotelfachfrau der Umgang mit Menschen. Eine ideale Kombination für ihr neues Aufgabenfeld. „Als ich meine Mutter zum Arzt begleitet habe, ist mir der Flyer über die Ausbildung durch Discovering Hands in die Hände gefallen." Die Vortests hat Schniedermann bestanden, sie brachte Lebenserfahrung und Feingefühl mit. Danach folgten neun Monate Ausbildung und Qualifizierung zur MTU. Tastuntersucherinnen finden mehr Ein Arzt, so sagen Mediziner, habe nicht das Fingerspitzengefühl einer blinden Frau – und im Rahmen der jährlichen Krebsvorsorge nur ein, zwei Minuten Zeit fürs Abtasten der Brust. Studien beweisen, dass Tastuntersucherinnen tatsächlich sehr viel mehr und sehr viel kleinere Tumore finden als Ärzte – bis zu sechs Millimeter kleine. Trotzdem ersetzt die medizinische Tastuntersuchung nicht die bildgebenden Verfahren wie Mammografie oder Ultraschall. „Aber es ist eine wertvolle Ergänzung", sagt Frauenarzt Tim Lüneburg vom Gyn-Colleg Weserland. Es gebe Krebsarten, die seien nicht sicht-, aber tastbar. Auch Patientinnen, die partout keine Mammografie wollten, könnten durch eine Kombination aus Ultraschall und Tastuntersuchung das Risiko eingrenzen. Bereits 13 gesetzliche Krankenkassen – in erster Linie die BKKs – zahlen diese Form der Vorsorge. Die anderen Versicherten müssen 46,50 Euro auf den Tisch legen. Infos zur Ausbildung bekommen Blinde und Sehbehinderte unter www.discovering-hands.de. Auch wer keine Patientin des Gyn-Collegs ist, kann einen Termin bei Bettina Schniedermann machen unter Tel. (05731) 2 03 11.

realisiert durch evolver group