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Auf dem Werksgelände: Der neue Inhaber Karsten Krüger(l.) mit dem ehemaligen Geschäftsführer Nikolaus Hahne und Jörg Wagner, der Teil der Geschäftsführung ist. - © Dirk Windmöller
Auf dem Werksgelände: Der neue Inhaber Karsten Krüger(l.) mit dem ehemaligen Geschäftsführer Nikolaus Hahne und Jörg Wagner, der Teil der Geschäftsführung ist. | © Dirk Windmöller

Löhne/Bad Oeynhausen Großbäckerei übernimmt die Hahne-Mühlenwerke

Insolvenzverfahren beendet: Familie zieht sich aus dem Unternehmen zurück. Neuer Eigentümer Karsten Krüger will "vom Feld bis zum Laden" alles kontrollieren. Er verspricht Wachstumskurs für die Mühlenwerke

Heidi Froreich
23.11.2017 | Stand 23.11.2017, 13:40 Uhr

Löhne/Bad Oeynhausen. Der 170. Firmengeburtstag im nächsten Jahr kann gefeiert werden: Die Hahne Mühlenwerke sind gerettet. Das Unternehmen, das im Januar letzten Jahres Insolvenzantrag gestellt hatte, wird vom Löhner Unternehmen Karlchens Backstube fortgeführt. Deren Inhaber Karsten Krüger und Simone Böhne haben die Gesellschafteranteile von Axel und Dietrich Hahne übernommen. Die Gläubigerversammlung hat dem Insolvenzplan - auch mit Zustimmung der Brüder Hahne - zugestimmt.

In den letzten drei Jahren war der Umsatz des in sechster Generation geführten Familienunternehmens kontinuierlich von 60 Millionen Euro um 20 Millionen Euro gesunken. Neben dem starken Preiskampf im Lebensmitteleinkauf hatte auch der Wegfall eines Vier-Millionen Euro-Auftrages zur drohenden Zahlungsunfähigkeit geführt. Geschäftsführer Nikolaus Hahne hatte daher Insolvenzantrag gestellt - und dafür eine sogenannte Eigenverwaltung beantragt.

Zahl der Mitarbeiter von 221 auf 135 gesenkt

Damit wird einem drohend zahlungsunfähigen Unternehmen im Insolvenzverfahren die Möglichkeit geboten, sich in eigener Regie zu sanieren. Der Unternehmer kann den Betrieb aufrechterhalten, er behält Verwaltungs- und Vertretungsbefugnis. "Und kann bei der Suche nach einem Sanierungskonzept mitarbeiten", erläutert Insolvenzberater Joachim Walterscheid, der das Unternehmen in diesem Prozess begleitet hat.

Das ist in den letzten Monaten - unter Aufsicht von Sachwalter Hans-Peter Burghardt - geschehen. Die Zahl der Mitarbeiter wurde von 221 auf 135 gesenkt, auch die Führungsebene wurde nicht ausgenommen. Die bestehenden Arbeitsverträge wurden angepasst. Unter anderem gibt es keine bezahlten Pausen mehr, tarifliche Sonderzahlungen wurden gestrichen. Deutlich gesenkt werden konnten auch die Kosten für Strom, Wasser und Gas.

Neue Marke "1848"

Ganz neu positioniert hat sich Hahne jetzt auch im Handel; das Unternehmen hat sich völlig aus dem Discount-Geschäft zurückgezogen, stattdessen mit der neuen Marke "1848" das eigene Profil geschärft. "Auch die Gläubiger leisten einen Beitrag zur Sanierung; sie verzichten auf die völlige Durchsetzung ihrer Forderungen und geben sich mit einer Quote von maximal 15 Prozent zufrieden", ergänzt Walterscheid einen weiteren wichtigen Aspekt des Insolvenzplanes.

Dessen Realisierung - vier Wochen vor der entscheidenden Gäubigerversammlung - plötzlich in großer Gefahr war. Anders als vorgesehen wollte Nikolaus Hahne aus persönlichen Gründen nicht mehr selbst die Gesellschaftsanteile von Vater und Onkel - und damit die alleinige Verantwortung für das Unternehmen - übernehmen.

"Das waren vier harte Wochen"

"Das waren harte vier Wochen", bilanziert Walterscheid. Weil es für ihn und Unternehmensberater Bieberle galt, bis zur entscheidenden Gläubigersitzung eine Alternative zu finden. Walterscheid: "Sonst wären alle Anstrengungen zur Rettung des Unternehmens vergeblich gewesen."

Nicht vergeblich war sein Einsatz für das Sanierungsverfahren der Zimner GmbH & Co KG. Auch der Betreiber von 21-Bäckerjunge-Filialen hatte vor knapp zwei Jahren Insolvenz beantragt und das von Walterscheid begleitete Eigenverwaltungsverfahren im August 2017 zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht. Unter anderem weil Karlchens Backstube 13 Filialen übernommen hatte. "Aus der Zusammenarbeit entstand ein Vertrauensverhältnis", sagt Walterscheid, das ihn ermutigte, nun auch in Sachen Hahne mit Karsten Krüger und Simone Böhne Kontakt aufzunehmen.

 Karlchens verarbeitet bereits Hahne-Haferflocken

"Hahne ist jetzt gut aufgestellt", lobt Karsten Krüger den Insolvenzplan. Mit der Übernahme der Hahne-Mühlenwerke sei es ihm nun möglich ein schon lange angestrebtes Unternehmensziel zu erreichen: "Wir wollen nachhaltige Rohstoffwirtschaft." Auch die Familie Hahne unterstützt den Insolvenzplan und die Fortführung des Unternehmens durch Krüger mit einem langfristigen Mietvertrag ihrer Grundstücke und Gebäude.

Schon seit zehn Jahren bezieht Karlchens Backstube bereits Hahne-Haferflocken. Wenn Krüger nun zusammen mit Verkaufsleiter Jörg Wagner die Geschäftsführung in den Mühlenwerken übernimmt, will er direkt auf die Auswahl und die Verarbeitung der Rohstoffe Einfluss nehmen. Krüger: "Damit gibt es künftig eine geschlossene Kette vom Feld bis in den Laden".

"Überrascht, aber glücklich"

Das wird sich auch im Sortiment niederschlagen: Künftig wird es Hahne-Müsli auch in Karlchens Backstuben geben. Denn, auch daran lässt Krüger keinen Zweifel, der Weg, den Hahne während der Eigenverwaltung eingeschlagen hat, soll fortgeführt werden. Starkes Exportgeschäft, Konzentration im Inland auf die neuen 1848-Qualitätsprodukte. Ein neues Standbein soll hinzukommen: "Wir wollen Spezialprodukte für Bäckereien entwickeln".

Betriebsratsvorsitzender Bernd Niemann kommentiert den Eigentümerwechsel mit den Worten "überrascht, aber glücklich". Die Mitarbeiter haben, so Niermann, in den letzten Monaten viele "schmerzhafte Zugeständnisse gemacht". Dass die nun nicht vergeblich gewesen sind, sei dem "großen Einsatz" von Insolvenzberater Walterscheid zu verdanken, der innerhalb von vier Wochen einen Nachfolger für die Familie Hahne gefunden habe. Niermann: "Unser neuer Chef kommt aus der Region und einer verwandten Branche, das ist eine gute Voraussetzung dafür, dass es sich um ein langfristiges Engagement handelt".

Auch wenn Niemann noch keinen persönlichen Kontakt zu Karsten Krüger hatte - insofern herrscht schon Einigkeit.

Im Gespräch mit der NW verspricht der Unternehmer: "Wir gehen auch mit Hahne auf Wachstumskurs. In zwei bis fünf Jahren haben wir dort mehr Mitarbeiter als heute".

Information
  • Firmensitz von Karlchens Backstube ist an der Oeynhauser Straße in Löhne.
  • Das als Bäckerei Krüger gegründete Unternehmen wird in dritter Generation von Karsten Krüger und seiner Schwester Simone Böhne geführt.
  • Ende 2013 wurde die Bäckerei Dröge mit 24 Filialen im Kreis Lippe übernommen.
  • Seit August 2017 gehören 13 Filialen des Bäckerjungen zum Unternehmen.
  • Derzeit beschäftigt Karlchens Backstube rund 450 Mitarbeiter: unter anderem fünf Bäcker- und Konditormeister, 26 Bäcker und Konditorgesellen, eine Lebensmitteltechnikerin für die Qualitätssicherung und eine Hygiene-Beauftragte.

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