Engagiert: Rosi Gollmann hat auf eine eigene Familie verzichtet, um sich auf notleidende Menschen zu konzentrieren. Seit über 50 Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich und wurde dafür unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem „World Children’s Award" ausgezeichnet. - © Andheri Hilfe e.V
Engagiert: Rosi Gollmann hat auf eine eigene Familie verzichtet, um sich auf notleidende Menschen zu konzentrieren. Seit über 50 Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich und wurde dafür unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem „World Children’s Award" ausgezeichnet. | © Andheri Hilfe e.V

Interview mit Gründerin der Andheri-Hilfe Rosi Gollmann

"Ich bin nicht stolz, nur dankbar"

Heidi Froreich

Frau Gollmann, seit 50 Jahren leisten Sie mit Ihrer Andheri-Hilfe erfolgreiche Entwicklungsarbeit in Indien und Bangladesch. Warum ausgerechnet dort? Rosi Gollmann: Die Medien stellen uns in der Regel das wirtschaftlich boomende Indien vor. Tatsache aber ist: In keinem Land der Erde leben so viele Menschen in extremer Armut wie in Indien. 420 Millionen Inder, das sind 30 Prozent der Bevölkerung, müssen mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Nach UN-Angaben sterben in Indien 2,1 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Hunger und vermeidbaren Krankheiten. Bangladesch wird oft als „Papierkorbfall" bezeichnet, ohne Hoffnung: Zu ihrer Armut kommt die extreme Betroffenheit durch den Klimawandel, weithin von den Menschen in reicheren Staaten verursacht. Ihre ohnedies prekäre Lebensgrundlage bricht weg, wenn die Felder und Brunnen durch Salzwasserfluten nicht mehr nutzbar sind. Hungersnot in Afrika, Krieg in Syrien, Katastrophen auf Hawaii – überall in der Welt brauchen Menschen Hilfe. Wie finden Sie heute Unterstützung für Ihre Andheri-Hilfe? Gollmann: Die große Not an vielen Brennpunkten der Welt darf nicht zum Konkurrenzkampf auf dem Spendenmarkt werden. Es gilt, da anzupacken, wo durch gezielte Hilfe viel erreicht werden kann, vor allem wo nicht für die Betroffenen, sondern mit ihnen extreme Notsituationen verändert werden können. Mit Ihrer Andheri-Hilfe in Bonn haben Sie durch Förderung der Familien 40.000 Sozialwaisen aus Kinderheimen in ihre Familien zurückführen können. In Bangladesch haben Sie rund 1,4 Millionen blinden Menschen durch operativen Eingriff die Sehkraft geschenkt. Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz? Gollmann: Ich bin nicht stolz; ich bin nur dankbar. Und woran sind Sie gescheitert? Gollmann: Scheitern? Das habe ich eigentlich nie erlebt. Wohl weiß ich darum – und das belastet natürlich – dass bei allen wunderbaren Erfolgen man doch nicht die ganze Welt retten kann. Aber der einzelne Mensch zählt, dem man zu einem besseren Leben mit Rechten und Würden verhelfen kann, und das auf eine tragfähige Zukunft hin. Sie haben zunächst ihren Unterrichtsdienst reduziert, sind dann mit 55 Jahren ganz aus dem Schuldienst ausgeschieden, weil die Andheri-Hilfe Ihren ganzen Einsatz brauchte. Worauf haben Sie zugunsten Ihrer ehrenamtlichen Arbeit noch verzichtet? Gollmann: Da war kein Raum für eine eigene Familie, oder für ein Privatleben mit vielen eigenen Wünschen. Aber das hat mich nicht ärmer gemacht. Ich habe erfahren dürfen: Man bekommt immer mehr zurück als man gibt! Sie betonen immer wieder: „Unsere Andheri-Hilfe verteilt keine Almosen". Was machen Sie stattdessen? Gollmann: Ich habe in mehr als 50 Jahren gelernt: Der Mensch kann nicht entwickelt werden; er kann sich nur selbst entwickeln. Deshalb geht es um Entwicklungszusammenarbeit. Unsere Förderung gilt der Motivation zur intensiven Mitarbeit der Armen selbst. Wir stehen auf dem Weg zu einem menschenwürdigen Leben helfend an ihrer Seite. Wie lautet Ihre wichtigste Empfehlung, um die derzeitige Flüchtlingskrise zu bewältigen? Gollmann: Wo immer möglich gilt es, die Fluchtursachen zu beseitigen. Besonders den Klima- und Wirtschaftsflüchtlingen zu Lebens-, Überlebensmöglichkeiten in ihrer eigenen Heimat zu verhelfen. Das hat zum Beispiel unsere Andheri-Hilfe durch einfache, aber funktionierende Berufsausbildung für tausende chancenloser junger Menschen erreicht. Sie sind 90 Jahre alt. Trotzdem werden Sie nach Bad Oeynhausen zur Lesung aus Ihrer Autobiografie „Rosi Gollmann – Einfach Mensch" kommen. Was gibt Ihnen immer noch so viel Kraft zum Einsatz für die gute Sache? Gollmann: Das ist zunächst die Freude: Jeder Mensch, dem man helfen kann, bedeutet ein Glückserlebnis. Dazu kommt mein Vertrauen in eine Kraft von oben, die ich gerade dann immer zu spüren bekomme, wenn kein Weg – Ausweg – zu sehen ist. Arbeiten Sie an einem neuen Projekt? Gollmann: Es gibt ständig neue Herausforderungen, denen man sich stellen muss. Ein Projekt, das mir ganz besonders am Herzen liegt, ist die Mädchentötung in manchen Gebieten Indiens. Was bei der späteren Verheiratung von Mädchen als Mitgift gefordert wird, droht als absoluter Ruin. Da wird die Tötung neugeborener Mädchen als einziger Ausweg gesehen. Unsere Andheri-Hilfe konnte in vielen der betroffenen Dörfern mehr als 12.000 Mädchen das Recht auf Leben erwirken. Sie werden am 28. Februar aus Ihrem Buch „Einfach Mensch. Das Unmögliche wagen für unsere Welt" lesen. Was sollen die Bad Oeynhausener Ihrer Ansicht nach wagen? Gollmann: Einfach mitzumachen. Anzupacken! Nur so wird Unmögliches möglich – durch jeden Einzelnen.

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