Bedrückend: Sebastian Dietz spricht mit Kindern in einem syrischen Flüchtlingscamp im Norden des Libanon. FotoS: Johanniter Auslandshilfe - © d
Bedrückend: Sebastian Dietz spricht mit Kindern in einem syrischen Flüchtlingscamp im Norden des Libanon. FotoS: Johanniter Auslandshilfe | © d

Bad Oeynhausen Sebastian Dietz hat im Libanon ein Projekt der Johanniter besucht

Paralympics-Sieger will traumatisierten Jugendlichen Mut machen und Hoffnung geben

Nicole Bliesener

Bad Oeynhausen. Paralympics-Sieger Sebastian Dietz ist hart im Nehmen, aber die Erfahrungen, die er jetzt im Libanon gesammelt hat, stellen sein persönliches Schicksal weit in den Schatten. 2004 wurde Dietz bei einem Unfall schwer am vierten Halswirbel verletzt und drohte zu einem Pflegefall zu werden. Durch eisernes Training kämpfte er sich zurück ins Leben. Seine Erfahrungen gibt der Hüllhorster, der für die BSG Bad Oeynhausen startet, nun an andere weiter. Das ist auch der Grund, warum er sich am Libanon-Projekt der Johanniter Unfall-Hilfe beteiligt. Mit einer Johanniter-Delegation ist Dietz in der vergangenen Woche in den Libanon gereist und hat dort palästinensische und syrische Flüchtlingscamps besucht. Die Erlebnisse und Eindrücke haben ihn tief bewegt. „Ich hatte keine Vorstellung über die tatsächliche Situation", sagt Sebastian Dietz im Gespräch mit der NW. „Ich habe mehrmals geweint, das gebe ich offen zu. Es ist unfassbar wie man so leben kann", fügt Dietz hinzu Neben vielen schockierenden Erlebnissen, gab es aber auch immer fröhliche, hoffnungsvolle Situationen. So wie das Fußballspielen mit einer Gruppe syrischer Mädchen in einem Flüchtlingscamp im Norden des Libanons. Für die Mädchen ist es Abwechslung, eine Flucht aus dem sonst so schwierigen Alltag. „In dem syrischen Flüchtlingscamp leben 28.000 Menschen in Zelten", schildert Dietz die Lage. "Es war sehr emotional" „Ich habe krasse Eindrücke erhalten und Sachen erlebt, die ich zuvor noch nicht gesehen habe und die zeigen, wie schlecht es Menschen auf der Welt leider geht. Es war sehr emotional und ich werde eine Weile brauchen, bis ich das verarbeitet habe", berichtet der 32-Jährige. Dietz begleitete Jugendliche mit und ohne Behinderung bei ihrer Ausbildung oder spielte mit ihnen Fußball. „Ich habe viele Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen geführt, wollte etwas Mut und Hoffnung vermitteln und versuchen, ihnen zumindest einen Moment ohne Probleme zu schenken. Gerade den Jugendlichen mit Behinderung habe ich gesagt, dass es keine Strafe ist, sondern dass es sich lohnt zu kämpfen und man nicht aufgeben darf", sagt der Leichtathlet. Doch neben diesen schönen Begegnungen bleiben auch die erschreckenden Bilder haften. Zerstörte Häuser mit unzähligen Einschusslöchern, enge Gassen mit hohen Schuttbergen, viel zu viele Menschen untergebracht in viel zu kleinen Zelten. „Die Verhältnisse dort sind unvorstellbar, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Das wird in meinem Kopf bleiben. Es ist für jeden, der dort leben muss, wahnsinnig schwierig, in jeder Hinsicht. Ich kann es absolut nachvollziehen, dass die Menschen von dort weg wollen", erklärt Dietz. Perspektivlosigkeit entgegenwirken Vor allem das Leid der Kinder und Jugendlichen ist dem 32-Jährigen sehr nah gegangen. „In den Gesichtern spiegelt sich Trauer, Hoffnungslosigkeit und Wut, aber auch Stolz. Sie wollen reden, ihre Geschichten erzählen", erzählt Sebastian Dietz. Der Perspektivlosigkeit der Kinder und Jugendlichen wollen die Johanniter mit ihrem Engagement entgegenwirken. Gemeinsam mit dem lokalen Projektpartner Naba’a ermöglichen sie 120 Jugendlichen mit und ohne Behinderung aus drei palästinensischen Flüchtlingscamps eine Berufsausbildung. In libanesischen Berufsschulen erhalten diese eine Ausbildung zum Friseur, Buchhalter, Koch oder Kellner. „Ich habe auch Versuchskaninchen gespielt und mich von einem jungen Friseur rasieren lassen", erzählt Dietz. In dem Johanniter-Projekt erhalten die Jugendlichen eine Chance, die sie sonst nicht bekommen würden. Für sie sei es eine Perspektive, damit sie nicht auf die schiefe Bahn geraten, so Dietz. Die miserablen Lebensbedingungen seien der Nährboden auf dem radikales Gedankengut gedeiht. „Wir wollen verhindern, dass sich die Jugendlichen aus Frust extremistischen Gruppen anschließen oder in die Kriminalität und den Drogenkonsum abrutschen", erklärt Jens Schwalb, Fachbereichsleiter der Johanniter für den Nahen Osten. Dafür wird sich Sebastian Dietz auch künftig einsetzen. Für ihn steht nach bewegenden und teils sehr bedrückenden Tagen fest: „Ich möchte die Projekte weiter begleiten und auf die Probleme vor Ort aufmerksam machen. Als Sportler finde ich es sehr wichtig, auch solche Erfahrungen zu sammeln und mich zu engagieren."

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