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Warten auf die Ehrenamtler: Stehen die Feuerwehrmänner demnächst wartend vor der brennenden Haustür, bis Verstärkung da ist? Oder gibt es auf der Hauptwache eine schnelle Lösung? Fotos: Thorsten Gödecker - © Thorsten Gödecker
Warten auf die Ehrenamtler: Stehen die Feuerwehrmänner demnächst wartend vor der brennenden Haustür, bis Verstärkung da ist? Oder gibt es auf der Hauptwache eine schnelle Lösung? Fotos: Thorsten Gödecker | © Thorsten Gödecker

Bad Oeynhausen Der Feuerwehr geht die Luft aus

Personalnot: In den vergangenen Jahren verzeichnete die Hauptwache eine hohe Fluktuation. Interner Beförderungsstopp sorgt für unbesetzte Stellen. CDU fordert Aufklärung

Nicole Sielermann
16.10.2017 | Stand 16.10.2017, 11:17 Uhr

Bad Oeynhausen. Das Problem ist offenbar lange bekannt. „Aber das Ausmaß war mir neu", sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende Kurt Nagel. Wie die NW exklusiv berichtete, sind auf der Hauptwache derzeit neun Planstellen unbesetzt, weil der Arbeitgeber nicht attraktiv genug ist. Deshalb sammeln die verbliebenen Feuerwehrmänner Überstunden, machen eine 72- statt einer 48-Stunden-Woche und rutschen immer tiefer in die Überlastung und den Krankenstand. „Dass wir in der Feuerwehr und auch beim Rettungsdienst eine hohe Fluktuationsrate hatten – das war der Politik bekannt", sagt Kurt Nagel. Aber die Dimensionen nicht. „Da scheinen ja ganze Züge zu wechseln." Die Ursache sind offenbar fehlende Aufstiegschancen und damit schlechtere Bezüge. Mehr als zehn Mitarbeiter haben in den vergangenen anderthalb Jahren die Hauptwache verlassen, im Gegenzug sind zwei neue gekommen. „Warum gibt es einen internen Beförderungsstopp, wenn wir im Haushalt einen Überschuss von zwei Millionen Euro haben", fragt der CDU-Politiker Nagel. „Das passt doch nicht zusammen." Da würden für viel Geld neue rote Autos gekauft und „es ist niemand mehr da, der sie fahren kann". Stadt bezahlt zu schlecht Nagel bemängelt vor allem, dass die Politik nicht informiert werde. „Ich formuliere gerade eine Anfrage an den Bürgermeister, um über den Sachstand und die Antwort auf die Frage, wie er das Problem angehen will, informiert zu werden", erklärte Nagel im Gespräch mit der NW. Wenn es nur darum gehe, Gehälter anzupassen und Geld freizugeben, werde der Rat dem sicherlich schnell zustimmen. Offenbar ist Bad Oeynhausen schon allein deshalb für Feuerwehrleute uninteressant, weil die Stadt schlechter bezahlt als Nachbarkommunen, Leitstellen oder Berufsfeuerwehren. Mit einem Einstiegsgehalt nach A7 (Monatsbrutto für junge Kollegen rund 2.400 Euro, ältere 2.700 Euro) würden höchstens Berufsanfänger gelockt. In diesen sogenannten mittleren Dienst werden zum Beispiel Brandmeister, Krankenschwestern oder Polizeimeister eingestuft. In A9 (2.700 Euro, bzw 3.100 Euro), also die Summe, mit der zum Beispiel Leitstellen locken, wäre dann der Hauptbrandmeister oder die Oberschwester ebenbürtig. Sehenden Auges schlitterte die Stadt offenbar in die Personalnot. Mitte des Jahres hatte jeder der verbliebenen Feuerwehrmänner im Schnitt 300 Überstunden auf dem Konto. Die wurden ausbezahlt (rund 15 Euro pro Stunde). Doch in den letzten drei Monaten seien schon wieder an die 150 für jeden hinzugekommen, heißt es aus Feuerwehrkreisen. Derzeit wird der Brandschutz sichergestellt, heißt es. Aber dafür reichen dann die Kräfte im Rettungsdienst nicht. Stefan Tödtmann, künftiger Beigeordneter für Bürgerdienste, zeigte sich zuversichtlich, dass Problem in den Griff zu bekommen. So sollen zum Beispiel neue Azubis die Wache ab Sommer 2018 verstärken. Die Feuerwehrmänner sehen sich unverstanden. „Bis die Kollegen einsatzbereit sind, sind wir im Jahr 2020. Dann ist von uns keiner mehr da", prophezeihen sie. Hoher Krankenstand und weitere Kündigungen Schon jetzt sei es eine Horrorspirale. Keine Leute, mehr Arbeit, keine Genehmigung von Freiwünschen, dadurch hoher Krankenstand und noch mehr Arbeit für den Rest. Die Folge: Unzufriedenheit und weitere Kündigungen. „Das System kollabiert irgendwann", sagen sie. Vor allem im Südbereich gibt es schon jetzt Probleme, das Erreichen des Schutzzieles und die Tagesverfügbarkeit sicherzustellen. Im Bereich der Freiwilligen Feuerwehren Lohe und Altstadt ist ebenfalls nicht genug Personal vor Ort. Was also tun, wenn es brennt? Innenangriff ohne Sicherheitstrupp? Vor der Haustür warten, bis die Freiwilligen da sind und brennen lassen? „Aber es sind ja die Rauchmelder, die Leben retten. Nicht die Feuerwehr", sagen die Feuerwehrleute sarkastisch. Olaf Winkelmann, SPD und Sprecher des Fünfer-Bündnisses im Rat, sieht es als notwendig an, sich mit dem Thema intensiv zu beschäftigen: „Bad Oeynhausen mit 50.000 Einwohnern braucht eine leistungsfähige Feuerwehr. Daher wird sich der Ältestenrat in seiner nächsten Sitzung auf Anregung des Bürgermeisters mit dem Thema intensiv beschäftigen", erklärt Winkelmann. „Wir konkurrieren mit größeren Städten, die eine breitere Wehr mit attraktiveren Aufstiegsmöglichkeiten vorhalten. Doch wir geben auch Millionenbeträge für unsere Feuerwehr aus. Wenn Personal fehlt, müssen wir nachsteuern, sicher auch über den Stellenplan." Auch darüber werde sich der Ältestenrat unterhalten. Ebenso über die Herstellung der Schutzzielerreichung, der Tagesverfügbarkeit und weiterer Aspekte des Brandschutzbedarfsplans. Die Verwaltung will schauen, welche Anreize sie bieten kann. Wie zum Beispiel, den internen Beförderungsstopp aufzuheben und den ein oder anderen Mitarbeiter zu befördern, um Neuen einen besseren finanziellen Anreiz zu bieten. Von den 58 Planstellen im Feuerwehrbereich sind zurzeit 49 besetzt. Im Rettungsdienst arbeiten 25 Kräfte. Dort fehlen laut neuem Rettungsdienstbedarfsplan fünf Personen. Mit dem Haushalt im Dezember soll der neue Stellenplan wie berichtet verabschiedet werden. Dann könnte – zumindest in der Theorie – im Januar eingestellt werden.

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