Am Mahnmal: Nach dem Gedenkgottesdienst für die Opfer der Gewalt wird hier am Sonntag ein Kranz niedergelegt. - © Anke Marholdt
Am Mahnmal: Nach dem Gedenkgottesdienst für die Opfer der Gewalt wird hier am Sonntag ein Kranz niedergelegt. | © Anke Marholdt

Bad Oeynhausen Gedenkgottesdienst für Opfer von Gewalt

Am kommenden Sonntag: Dierk Starnitzke, Vorstandssprecher des Wittekindshofes, wird auch an das Leid ehemaliger Bewohner während der NS-Zeit erinnern

Anke Marholdt
23.09.2017 | Stand 22.09.2017, 16:54 Uhr

Bad Oeynhausen-Volmerdingsen. Den Opfern der Gewalt ist der Gedenkgottesdienst gewidmet, der am Sonntag, 24. September, um 10 Uhr in der Erlöserkirche auf dem Wittekindshofer Gründungsgelände, Zur Kirche 8, beginnt. „Der Gedenkgottesdienst ist ein fester Bestandteil im Wittekindshofer Jahresablauf zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Mordaktion an kranken und behinderten Menschen, aber auch an alle anderen Personen, die im Wittekindshof Unrecht und Leid erfahren haben", erklärte Vorstandssprecher Pfarrer Dierk Starnitzke, der den Gottesdienst zusammen mit Kirchenmusikerin Conny Stern und dem Oberkurs der Diakonenschule als Gesamtgottesdienst der Kirchengemeinde Volmerdingsen-Wittekindshof vorbereitet hat und gestalten wird. Eingeladen sind alle Gemeindemitglieder und auch diejenigen, die sonst die Gottesdienste in der Dorfkirche besuchen, in der an diesem Sonntag kein Gottesdienst stattfinden wird. Im Anschluss an den Gottesdienst wird der Vorstandssprecher zusammen mit Gemeindemitgliedern einen Kranz am Wittekindshofer Mahnmal niederlegen, das die altjüdische Weisheit „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung" als Inschrift trägt. „Der Gedenkgottesdienst hat in diesem Jahr besondere Aktualität durch die Stiftung Anerkennung und Hilfe, die Anfang des Jahres ihre Arbeit aufgenommen hat" erklärt der Vorstandssprecher. Er verweist auf die ersten ehemaligen Heimkinder aus dem Wittekindshof, die durch die Stiftung jetzt Geld bekommen haben, weil sie im Wittekindshof und anderen Einrichtungen der Behindertenhilfe oder in der Psychiatrie Unrecht und Leid erfahren haben. „Durch die Stiftung werden schmerzvolle Erinnerungen geweckt. Trotzdem betonen die Menschen, dass es ihnen gut tue, endlich über alles sprechen zu können und zu spüren, dass ihnen geglaubt werde und sie dafür auch eine Anerkennung bekommen", berichtet Starnitzke, der sich persönlich für die Anerkennung und Hilfe eingesetzt hatte. Ehemalige Heimkinder aus der Behindertenhilfe und Psychiatrie waren aus dem zunächst eingerichteten Heimkinderfonds ausgeschlossen, obwohl sie in den gleichen Gewaltstrukturen leben mussten, wie junge Menschen in Einrichtungen der Fürsorgeerziehung. Der Gedenkgottesdienst in der Wittekindshofer Erlöserkirche findet jeweils im Herbst in Erinnerung an die nationalsozialistischen Abtransporte von über 950 Wittekindshofer Bewohnerinnen und Bewohnern statt. Bei der NS-Judenverfolgung mussten am 21. September 1940 sechs Bewohnerinnen und Bewohner den Wittekindshof verlassen. Sie wurden wenige Tage später in den Gaskammern des Zuchthauses Brandenburg an der Havel ermordet. Gut ein Jahr später, zwischen dem 28. Oktober und 10. November 1941, hat die nationalsozialistische Tarnorganisation GeKrat (Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft) insgesamt 958 Personen abtransportiert. Durch historische Forschungen konnte gezeigt werden, dass von diesen Personen 358 nachweislich bis Kriegsende starben oft auch in Einrichtungen, die als Tötungsanstalten bekannt waren. Das Schicksal von weiteren 205 Personen ist unklar. In ihrer umfangreichen Studie zur Wittekindshofer Geschichte gehen Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler davon aus, dass die meisten der bis zu 55 Personen, die weiter in den Osten verlegt wurden, auch gestorben seien. Bekannt ist, dass am 1. Mai 1945 noch 393 ehemalige Wittekindshofer Bewohnerinnen und Bewohner gelebt haben, von denen 112 Personen später in Wittekindshofer Wohnhäuser zurückgekehrt sind.

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