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Bad Oeynhausen Verein hilft Kindern auf die Beine

Kinder brauchen Hilfe: Gastfamilien in Bad Oeynhausen, Löhne und Hüllhorst nehmen Jungen und Mädchen aus Afghanistan auf, die in Deutschland medizinisch versorgt werden

Jörg Stuke
22.08.2017 | Stand 22.08.2017, 12:01 Uhr

Bad Oeynhausen/Löhne. Er kannte die Welt nur aus der Froschperspektive. „Abdullah konnte nur kriechen. Seine Beine konnten ihn nicht tragen, seine Knochen sind wie aus Glas", berichtet Gisela Bröenhorst. Die Löhnerin ist Mitglied des Vereins „Kinder brauchen uns" (KBU), der schwer kranke Kinder aus Afghanistan in Deutschland medizinisch behandeln lässt. Derzeit leben vier solcher Kinder bei Gastfamilien in Bad Oeynhausen und Löhne. Nach zwei Operationen im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld ist Abdullah schon ziemlich flott auf den Beinen. Mit seinen beiden Gehhilfen stakst er fröhlich durch Bröenhorsts Garten. Endlich laufen zu können, das sei „ein sehr schönes Gefühl", sagt der Neunjährige. Im März ist Abdullah nach Deutschland gekommen. Wenn er nicht im Krankenhaus liegt, lebt er bei seiner Gastfamilie Bekir und Emine Öztas. Am Anfang, so berichtet Gastmutter Emine Öztas aus Hüllhorst, sei das Heimweh groß gewesen. „Abdullah wollte sich in den ersten drei Wochen nicht von seiner schwarzen Lederjacke trennen, die ihm sein Bruder geschenkt hatte", sagt Emine Öztas. „Er hat sogar darin geschlafen." Wie Gisela Bröenhorst berichtet, arbeitet der Verein KBU eng mit einem Krankenhaus in Kabul zusammen. Die Ärzte dort und Vertreter des Vereins entscheiden gemeinsam vor Ort, wer nach Deutschland zur Behandlung darf. „Das ist immer eine ganz schwierige Sache", erklärt sie. Denn nur zwischen drei und fünf Kindern könne der Verein pro Transport mitnehmen, und das zwei Mal im Jahr. „Im Vorfeld muss geklärt sein, welche Klinik die Kinder behandeln kann", sagt Gisela Bröenhorst. Die Kliniken operieren die Kinder in der Regel kostenlos. „Es entstehen aber oft erhebliche Zusatzkosten für die Behandlung", so Bröenhorst. Weshalb der Verein nicht nur auf Helfer und Gasteltern, sondern auch auf Spender und Sponsoren angewiesen sei. Entscheidend für die Auswahl aber sei die Schwere der Erkrankung. „Bei Mansoor zum Beispiel war die hochgradige Entzündung in seinem linken Bein ausschlaggebend. Das war ein absoluter Notfall", berichtet Gisela Bröenhorst. Wie Abdullah, so steht auch dem achtjährigen Mansoor noch eine weitere Operation im Bielefelder Krankenhaus bevor. Fatema dagegen hat ihre Behandlung hinter sich. Auch sie kam mit einer starken Knochenentzündung als Notfall nach Deutschland, wurde im Bonifatius Hospital in Lingen vom aus Afghanistan stammenden Oberarzt erfolgreich behandelt. Davon erholt sich die Zwölfjährige nun bei ihrer Gastfamilie Ali und Aysel Kasap in Bad Oeynhausen. „Die Verständigung ist nicht ganz leicht", sagt Gastmutter Aysel Kasap. „Aber mit Händen, Füßen und dem Google-Übersetzer klappt es irgendwie." Wichtig ist für die Kinder hier vor allem eines: „Sie möchten hier in ihren Gastfamilien dieselbe Geborgenheit erfahren, die sie auch Zuhause haben. Wer das Herz mitbringt, gewinnt auch die Kinder", sagt sie. Für Talihe Belgeli, die mit ihrem Mann Nedim Mansoor bei sich aufgenommen hat, ist das Schönste: „Er sagt Mama und Papa zu uns. Das macht uns innerlich froh", sagt die Bad Oeynhausenerin. Bei aller liebevollen Aufnahme: Irgendwann müssen die Kinder wieder zurück in ihre Heimat nach Afghanistan. „Je älter die Kinder werden, desto lieber möchten sie in Deutschland bleiben", sagt Gisela Bröenhorst. Die betont: „Doch das geht nicht. Der Verein verpflichtet sich, die Kinder nach Abschluss ihrer Behandlungen auch wieder in ihr Heimatland zu bringen. Dort ist Hadia bereits wieder angekommen. Nach erfolgreicher Operation im Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen ist die 13-Jährige inzwischen wieder bei ihrer Mutter und ihren vier Geschwistern in Kabul. Per Telefon hält sie aber den Kontakt auch zu ihrer Gastfamilie, Mehmet und Kevsa Tuztas in Löhne. So wohl sich Mansoor bei seiner Gastfamilie auch fühlt, Heimweh hat er offenbar doch. „Wenn er am Himmel ein Flugzeug sieht, fragt er: Ob das wohl nach Afghanistan fliegt?" berichtet Talihe Belgeli.

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