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Auf Hegels Schreibtisch: An der Humboldt-Universität hat Romy Jaster jetzt für sechs Jahre einen Arbeitsplatz. Ihre wissenschaftlichen Forschungen erledigt sie allerdings nicht in so lockerer Haltung - © Foto: privat
Auf Hegels Schreibtisch: An der Humboldt-Universität hat Romy Jaster jetzt für sechs Jahre einen Arbeitsplatz. Ihre wissenschaftlichen Forschungen erledigt sie allerdings nicht in so lockerer Haltung | © Foto: privat

Bad Oeynhausen Karriere mit Liebe zur Weisheit

Ehemalige Kant-Gymnasiastin: Romy Jaster hat schon in der Schulzeit Philosophie studiert. Jetzt forscht sie an Humboldt-Universität in Berlin

Heidi Froreich
10.05.2017 | Stand 09.05.2017, 17:49 Uhr

Bad Oeynhausen. Mit „summa cum laude" hat Romy Jaster ihr Promotionsverfahren an der Berliner Humboldt-Universität abgeschlossen. „Der Grundstein wurde am Immanuel-Kant-Gymnasium gelegt", räumt die 31-Jährige ein. Weil dort nicht nur ihr Interesse an der Philosophie geweckt wurde. Als eine der ersten Schülerinnen hat sie 2003 zusätzlich zum Unterricht an der Uni Bielefeld studiert – natürlich im Fachbereich Philosophie. „Schüler an Hochschulen" hatte die damalige Landesregierung das Programm genannt, mit dem sie begabten Oberstufenschülern frühzeitige Orientierungshilfe für ihr späteres Studium geben wollte. Zusammen mit Daniel Oberländer, Chen-Fei Zhou und Benjamin Rajko hatte die damals 18-Jährige ab Herbst 2003 die Gelegenheit genutzt. Bis zum Abitur fuhr sie zweimal wöchentlich nach Bielefeld – auf eigene Kosten und zum größten Teil in der Freizeit, schließlich hatte Schulleiterin Hannelore Ziegler-Bruns damals großen Wert darauf gelegt, dass der normale Unterricht kaum beeinträchtigt wird. „Mein Deutschlehrer ist schuld", erinnert sich Romy Jaster an an Anstoß für ihre Liebe zur Philosophie. Michael Conrads empfahl ihr Gottlob Freges Abhandlung „Funktion und Begriff", einen Klassiker der Sprachphilosophie. Jaster: „Da hat es Klick gemacht". Nach dem Abitur schreibt sie sich als „richtige" Studentin an der Uni Bielefeld ein, erhält dort nicht zuletzt aufgrund ihrer guten Leistungen während des Schüler-Studiums ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes und beendet das Studium 2009 als Bachelor. Im gleichen Jahr verlässt sie die ostwestfälische Heimat und wechselt zur Humboldt-Universität nach Berlin. Dort erwirbt sie 2012 den Master-Abschluss und beginnt das Promotionsverfahren. Das nun mit dem bestmöglichen Abschluss beendet wurde. „Wir Philosophen leben nicht im Elfenbeinturm", tritt sie einer weit verbreiteten Einschätzung entgegen. Die Philosophie, also die „Liebe zur Weisheit" sei nicht darauf beschränkt, nur abstrakte Zusammenhänge ohne Bezug zur Lebenswirklichkeit zu erforschen. Beispielhaft nennt sie nicht nur die „praktische Philosophie" Immanuel Kants, sondern eben auch die Sprachphilosophie Freges oder die junge, interdisziplinär angelegte und an die Neurowissenschaften angrenzende Philosophie des Bewusstseins. Ihr eigenes wissenschaftliches Interesse gilt derzeit der Frage, wie unbewusste Vorurteile menschliches Handeln beeinflussen. „Wie weit sind wir für unser Verhalten verantwortlich, wenn uns Fehleinschätzungen gar nicht bewusst sind", umschreibt sie die Problemstellung. Als besten Beweis für die Alltagsnähe von Philosophen sieht sie ihre eigene Nebentätigkeit: „Ich arbeite als Argumentationstrainerin". Politiker, aber auch Mitarbeiter von Stiftungen und Denkfabriken wollen wissen, wie sie mit der wachsenden Popularität rechter Gedankenträger umgehen sollen. „In der Sache unnachgiebig, aber im persönlichen Umgang respektvoll", fasst sie ihre Empfehlung zur „konstruktiven Kommunikation auch mit der AfD" zusammen. Philosophie – die brotlose Kunst? Romy Jaster beantwortet die Frage mit einem klaren Nein. Nicht nur wegen der Nebentätigkeit: Für sechs Jahre hat sie jetzt eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität. Das könnte anderen Schülern des Kant-Gymnasiums Mut machen – sich auch schon vor dem Abitur an der Uni einzuschreiben. Und das nicht nur in Jura oder Mathe. . .

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