Volles Haus: Gastgeber Peter Adler (v. l.), Autorin Carla Berling und Moderator Jörg Stuke freuen sich über die ausverkaufte Lesung in der Wandelhalle. - © Foto: Nicole Sielermann
Volles Haus: Gastgeber Peter Adler (v. l.), Autorin Carla Berling und Moderator Jörg Stuke freuen sich über die ausverkaufte Lesung in der Wandelhalle. | © Foto: Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen Vom irren Rehmer Kapellenkiller

Lesung: Die gebürtige Bad Oeynhausenerin Carla Berling zog 160 Zuhörer zur Lesung von „Mordkapelle“ in die Wandelhalle. NW-Redakteur Jörg Stuke entlockte ihr als Moderator die eine oder andere Anekdote

Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Es geht direkt nach Rehme. Mitten hinein in den Rehmer Markt. Und mitten hinein in einen Mordfall, der es in sich hat. „Na hoffentlich trauen sich die Rehmer im Saal gleich noch nach Hause", unkte Moderator Jörg Stuke. Der NW-Redakteur lieferte sich einen amüsanten Schlagabtausch mit Autorin Carla Berling, die mit ihrem Krimi „Mordkapelle" zur Premierenlesung in die Kurstadt gereist war. Sie ist die „nette Brünette mit den roten Schuhen". So zumindest beschreibt sich die gebürtige Bad Oeynhausenerin, die vielen als Peggy Wehmeier bekannt ist, selbst. Andere Markenzeichen? Da pustet die 56-Jährige und muss erst einmal überlegen. „Vielleicht überschwänglich und wenn ich mir was in den Kopf gesetzt habe, will ich das sofort." Das lässt Jörg Stuke nicht gelten: „Das ist stur", sagt er nur. Halt typisch ostwestfälisch. So wie die Krimis von Carla Berling, die alle im eigentlich beschaulichen Bad spielen. Wir Ostwestfalen sind schon so ein Völkchen: „Es ist eine intellektuelle Herausforderung, zu zeigen, wie OWL tickt", gibt Carla Berling zu. Der gekämmte Rasen, die Plastikstecknadeln in den Gardinen, die Kittelschürzen und fleischwurstfarbenen Strümpfe haben es ihr angetan. „In Köln haste das nicht. Da haben zudem alle Rollos. Deshalb will ich hinter genau diese Gardinen gucken", gesteht die 56-jährige Autorin schmunzelnd. Und trifft damit offenbar einen Nerv. „Die Gegend, die westfälische Lakonie, der Sound und der trockene Humor – das hat uns als Verlag überzeugt", erklärte Anke Göbel, Programmchefin beim Heyne-Verlag, die Gründe, warum sie Carla Berling unter Vertrag genommen hat. Letztere hat ihren Künstlernamen übrigens aus einem Kinderbuch: „Du hast den Vornamen wirklich bei Benjamin Blümchen geklaut?", fragte Stuke kritisch nach. Hat sie. Weil sie als freie Journalistin (auch für die NW) den Spitznamen Karla Kolumna hatte. „Peggy Wehmeier klang nun wirklich wie eine dichtende Erdkundelehrerin", winkt Berling ab. Nun sei Carla Berling quasi ihre Firma. „Ich hör’ aber auf alles. Auch auf Schatzi", gab sie Stuke mit auf den Weg, weil der nicht versprechen konnte, nicht durcheinander zu kommen. Für Gastgeber Peter Adler, Staatsbad-Geschäftsführer und damit Touristiker, sind die Krimis um Journalistin Ira Wittekind „ein Riesengeschenk", wie er betont. „Ich wollte diese Premierenlesung unbedingt in Bad Oeynhausen haben", sagt Adler. Mit einer ausverkauften Wandelhalle gab der Erfolg ihm Recht. Unter den Zuhörern waren viele alte Weggefährten, Familienangehörige und Freunde. Wie Heike Timmerberg. Vorlage für Taxifahrerin Coco. Beide verbindet eines: das Stricken. „Mit Vorliebe rote Schals", gibt Timmerberg lachend zu. Sie ist es auch, die ihrer Freundin Peggy früher immer erzählt hat, dass die Taxifahrer an den Puffs eine kleine Streichholzschachtel in die Hand gedrückt bekamen. „Da waren zehn Mark drin. Als Dank, dass wir einen Gast gebracht haben", plaudert Timmerberg. Details, die Carla Berling liebend gerne verarbeitet. Doch warum spielen die Krimis ausgerechnet in der Provinz? „Weil ich hier wech komme", sagt Berling. Schließlich solle man über das Schreiben, das man kenne. „Wenn Du drei Jahre nicht hier warst, kannst Du sicher sein, dass sich nichts verändert hat." Außerdem müsse sie die Stadt „aus der Scheiße holen" – nach der Darstellung in der Sendung „Kitchen impossible". Während es im Krimi „Mordkapelle" mit einem irren Kapellenkiller dramatisch zugeht, Ira Wittekind sogar auf eigene Faust ermittelt und in Lebensgefahr gerät, geht’s im wirklichen Leben eines Journalisten ungleich beschaulicher zu. „Das erlebe ich im Alltag selten", gestand Stuke, als Berling Auszüge aus ihrem Buch las. „Tja, deswegen gibt’s ja auch keinen Krimihelden Jörg Stuke", konterte die 56-Jährige lachend. Sie habe aber den langweiligen journalistischen Alltag romantisch verklärt. „Das will doch sonst keiner wissen", sagt sie. „Das will vor allem auch keiner erleben", ergänzt Stuke. Doch welche Unterschiede beim Schreiben gibt es eigentlich? Die Arbeit für die Zeitung müsse deutlich schneller erfolgen. „Dort habe ich auf den Punkt schreiben gelernt", sagt Berling. „Und dass das Wichtigste an den Anfang gehört und ein Text von hinten kürzbar sein muss", erinnert sie sich. „Das wär allerdings beim Krimi blöd", gab Stuke schmunzelnd zu bedenken. Derzeit hat Berling übrigens Band fünf in Arbeit. Dann vermutlich mit einem alten stillgelegten Sägewerk an der Hermann-Löns-Straße. 23 Jahre lang hat Carla Berling für ihren Traum des Schreibens gekämpft. Hat auf einer kaputten Schreibmaschine angefangen und ist nun bei einem großen Verlag unter Vertrag. „Da verdient man doch bestimmt super Kohle mit so einem großen Verlag im Rücken?" wollte Stuke wissen. Na klar, gab Berling zu. So viel, dass sie die alten Ikea-Möbel gleich durch neue Ikea-Möbel ersetzt habe.

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