Bad Oeynhausen Der Rolandsbruder aus der Schweiz

Zimmermann auf der Walz: Matthias Müller macht für acht Wochen Station bei Holzbau Grübbel in Eidinghausen

Heidi Froreich

Bad Oeynhausen. Der schmale blaue Schlips ist sein Erkennungsmerkmal und unterscheidet ihn von seinen Arbeitskollegen. „Den dürfen nur die Mitglieder des Rolandschachtes tragen", betont Matthias Müller. Der 22-jährige Schweizer ist Zimmermann, hat sich die Zugehörigkeit zur Bruderschaft von Bauhandwerkern erwandert – und ist weiter auf der Walz. Derzeit macht er Station bei Holzbau Grübbel in Eidinghausen. „Ich will die Welt kennenlernen", hat er sich schon als Jugendlicher vorgenommen, nicht zuletzt weil ihm ein Freund des Vaters von seinem Leben als wandernder Gesell vorgeschwärmt hatte. Früh entdeckte Müller Liebe und Talent zur Holzbearbeitung, da fiel die Berufswahl leicht. Er absolvierte in seinem Heimatdorf Oberstammheim eine Zimmermannslehre. Durch den Besuch einer Berufsmittelschule verschaffte er sich noch zusätzliche Fremdsprachenkenntnisse. Obwohl die Rolandsbrüder auf eine Jahrhunderte alte Tradition zurückblicken, stehen sie den modernen Errungenschaften durchaus offen gegenüber. Und so bekommt Müller im Internet nicht nur viele weitere Informationen, sondern findet dort auch Kontakt zu Max. Der ist ebenfalls Zimmermann, seit über einem Jahr schon unterwegs und bereit, den jungen Kollegen mitzunehmen. Die Vorgaben des Rolandschachtes sind hart: Die Wanderer müssen drei Jahre und einen Tag zu ihrem Heimatort mindestens 60 Kilometer Abstand halten, sie dürfen kein Geld ausgeben – weder für Transportmittel, noch zum Telefonieren oder zum Essen. Müller: „Wir dürfen nur mit fünf Euro starten." Da ist es gut, wenn man auf die Hilfe eines erfahrenen „Tippelbruders" bauen kann. Als Tramper erreichen die beiden Südtirol und müssen dort erst einmal eine echte Durststrecke überwinden. Zwei Wochen suchen sie vergeblich nach Arbeit, kommen nur dank der Unterstützung eines weiteren Rolandbruders über die Runden. Und behalten die Südtiroler Gastfreundschaft in bester Erinnerung. Schlapphut, Stock, Beutel und blauer Schlips erregen erst die Neugier eines Ehepaares und bescheren dann beiden eine natürlich kostenlose Übernachtung. Deutlich leichter ist es in Flensburg. Die Stadt im äußersten Norden Deutschlands erreicht Müller allein: Max darf sich ja seinem Heimatort nicht nähern, hat aber im Elternhaus für seinen jungen Schützling Unterkunft sichergestellt. „Roland-Brüder halten zusammen", lobt der Schweizer nicht nur die Unterstützung durch den Vater von Max. Auch jetzt hier im Weserbergland hat er – genauso wie Max – Quartier bei einem Mitglied der Bruderschaft gefunden. „Die Arbeitssuche war schwieriger, der Winter ist keine gute Zeit", berichtet Müller. In sechs Holzbetrieben in der Umgebung Vennebecks hat er vergeblich vorgesprochen, bis er dann von Gernot Grübbel eine Zusage erhielt. Der Inhaber des Holzbaubetriebs in Eidinghausen ist selbst zwar kein Roland-Bruder, hat aber bereits vor einigen Jahren mit „Karl, dem Käfer", einem anderen wandernden Gesellen gute Erfahrungen gemacht – und macht ganz klar, was abgesehen von Zeugnissen den Ausschlag gegeben hat: „Das formvollendet vorgetragene Vorstellungsgedicht". Der gute erste Eindruck hat nicht getrogen, vier Wochen nach dem ersten Arbeitstag ist Grübbel mit seinem Schweizer Mitarbeiter weiter zufrieden, stellt ihm jetzt sogar einen Firmenwagen zur Verfügung, damit er leichter zur Arbeit kommen kann. „Ich fühle mich hier wohl", lobt der Schweizer und ist jetzt schon sicher, dass er von seinem Aufenthalt in Bad Oeynhausen auch beruflich profitiert: „Ich habe hier die Arbeit mit computergesteuerten vollautomatischen Holzzuschnittmaschinen gelernt." Dafür hat nicht zuletzt Tobias Beyer gesorgt. Der Zimmermannmeister stellt sich selbst als „ein echtes Grübbel-Kind" vor. Sein Vater arbeitet in der Firma, er selbst hat im Betrieb seine Ausbildung und Gesellenzeit verlebt und war nie auf der Walz. „Ich bin bodenständig", beschreibt er sich selbst, räumt aber auch ein, mit Rücksicht auf seine Frau auf eine Wanderschaft verzichtet zu haben. Matthias Müller hat eine andere Entscheidung getroffen und auch die bislang nicht bereut. „Vielleicht hält unsere Beziehung das aus; meine Freundin wusste jedenfalls, auf was sie sich einlässt". Zum Beispiel, dass es Roland-Brüdern verboten ist, unterwegs ein eigenes Handy zu benutzen. Müller: „Wir können nur telefonieren, wenn uns jemand sein eigenes Telefon überlässt". Eine Regel, die aus Sicht Grübbels für viele junge Handwerker, auch im eigenen Betrieb, heute ein echter Hinderungsgrund ist: „Die können sich ein Leben ohne Handy gar nicht vorstellen". Da ist der junge Schweizer anders: „Gewöhnungsbedürftig, aber nicht unmöglich", findet er das. Und beteuert, gegen die Regel noch nie verstoßen zu haben. Ebenso wenig wie gegen die anderen Vorgaben: „Auf die Walz zu gehen, war mein freier Entschluss". Und deshalb sei die Einhaltung der Spielregeln einfach eine Frage der Ehre. Außerdem will er auch seine Ohrring behalten, den er neben dem Schlips als Erkennungsmerkmal trägt. Der würde ihm bei einem Regelverstoß abgerissen. Und wer will schon gerne Schlitzohr genannt werden. . .

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