Unterm Hammer: Dieses ansehnliche Wohnhaus in Porta Westfalica ist für 143.000 Euro vorm Amtsgericht Minden zwangsversteigert worden. Ein dubioser Verein von Reichsbürgern behauptet, einen gültigen Mietvertrag zu besitzen. - © NW
Unterm Hammer: Dieses ansehnliche Wohnhaus in Porta Westfalica ist für 143.000 Euro vorm Amtsgericht Minden zwangsversteigert worden. Ein dubioser Verein von Reichsbürgern behauptet, einen gültigen Mietvertrag zu besitzen. | © NW

Bad Oeynhausen Mit Wunderwasser in die Pleite

Ein Ingenieur aus Porta Westfalica hat mit Wasseraufbereitungsanlagen den Esoterik-Markt aufgemischt und ist in die rechtsextreme Reichsbürgerszene gerutscht

Ulf Hanke
28.01.2016 | Stand 28.01.2016, 19:40 Uhr

Minden/Porta Westfalica. Dem deutschen Ingenieur ist nichts zu schwer. Das dachte sich wohl auch Wolfgang S. aus Porta Westfalica und machte sich daran, gewöhnliches Leitungswasser mit Magnetfeldern energetisch aufzuladen, um weniger kalkendes Wasser zu bekommen. Der 55-Jährige hat eine solche Wasseraufbereitungsanlage erfunden, daran geglaubt, sie deutschlandweit vertrieben und sich damit im Esoterik-Markt und weit über den Kreis Minden-Lübbecke hinaus bekannt gemacht. Wirtschaftlich dagegen ging’s bergab. Gestern ist sein privates Wohnhaus zwangsversteigert worden. Auf der Hannovermesse wurde seine Firma im Jahr 2009 sogar als „Good-Practice-Beispiel“ ausgewählt und im Rahmen der Kampagne „Deutschland, Land der Ideen“ mit Fördergeld des Bundeswirtschaftsministeriums präsentiert. Das belegt Wolfgang S. auf seiner Internetseite mit einer entsprechenden Urkunde samt Bundesadler selbst. Mit der Bundesrepublik und ihrer freiheitlich demokratischen Grundordnung jedoch will der Ingenieur nicht mehr viel zu tun haben. Seine Firma „Weser-Union“ ist 2013 aus dem Handelsregister gelöscht worden. Während der Zwangsversteigerung berief er sich auf einen angeblichen „Rechtsstand von 1913“ und damit auf die gängige Ideologie der rechtsextremen Reichsbürger und Selbstverwalter. Sie lehnen die Bundesrepublik ab und wähnen sich in einer großen Verschwörung. Kurz vor Beginn der Versteigerung ernannte S. noch flugs den 55-jährigen Detlef S. aus Osnabrück zum „Rechtsbeistand“. Der bekannte Reichsbürger, einer der üblichen Youtube-Jura-Professoren der Szene, versuchte nach Kräften, die Versteigerung zu stören. Hilfe bekamen die beiden aus dem Publikum: Von etwa 50 Zuschauern gehörten offenbar 30 zur rechtsextremen Reichsbürger- und Selbstverwalterszene. Sie waren teilweise aus dem Ruhrgebiet und Hannover angereist und damit einem Aufruf von Wolfgang S. auf einschlägigen Internetseiten gefolgt. Noch während der laufenden Versteigerung legte Eigentümer Wolfgang S. angeblich gültige Miet- und Kaufverträge eines Vereins vor und verteilte Kopien davon im Saal. Demnach hat ein Verein namens „Wir sind die Freiheit Stiftung“ am 24. Februar 2013 das Wohnhaus gemietet. Mietzins: 60 Euro plus Nebenkosten. 2014 hat dieser Verein dann angeblich für 50.000 Reichsmark das Haus gekauft. Tatsächlich waren gestern in diesem Haus mehrere Menschen anzutreffen, die zu dem Verein und zur Reichsbürgerszene zählen (siehe Kasten). Ingenieur Wolfgang S. wohnt augenscheinlich nicht mehr in seiner alter Immobilie. Der Rechtspfleger des Amtsgerichts Minden ließ sich durch die Störmanöver der Reichsbürger nicht beirren. Bei diesem zweiten Termin waren die 5/10- und 7/10-Wertgrenzen aufgehoben. Ein Bielefelder Bieter erwarb nach kurzem Wettstreit mit einem jungen Portaner die Immobilie für 143.000 Euro. Laut Gutachten ist das Haus 220.000 Euro wert. Die Stadtsparkasse Porta Westfalica als betreibende Gläubigerin war mit dem Gebot einverstanden. Nächste Woche Donnerstag wird der Zuschlag verkündet. Zwei der Reichsbürger boten sogar mit, allerdings in der falschen Währung. Ihre Gebote wurden deshalb nicht zugelassen. Einer wollte 30.000 Mark für das Wohnhaus zahlen. Und ein weiterer Bieter, es handelte sich dabei um den Initiator der „aktivierten Gemeinde Neuhaus“, legte 35 große Geldscheine auf den Tisch. Diese Bargeldzahlung wurde vom Gericht nicht akzeptiert: Es handelte sich um 35.000 Reichsmark.

realisiert durch evolver group