Den Vortragsabend im Rathaus gestalteten: Christian Hohmann (v. l. ), Marcella Ranft, Fritz Rüßler, Regina Spöttl, Andreas Huneke, Anke Günther, Klaus Mueller-Zahlmann, Bärbel Meyer und Reinhard Fink. - © Foto: Anja Brandt
Den Vortragsabend im Rathaus gestalteten: Christian Hohmann (v. l. ), Marcella Ranft, Fritz Rüßler, Regina Spöttl, Andreas Huneke, Anke Günther, Klaus Mueller-Zahlmann, Bärbel Meyer und Reinhard Fink. | © Foto: Anja Brandt

Bad Oeynhausen So sieht Sklaverei heute aus

Referentinnen rütteln durch ihre Vorträge im Rathaus auf

Anja Brandt

Bad Oeynhausen. Rund 50 Interessierte kamen zu der Vortragsveranstaltung "Chic, billig, aber für welchen Preis?!" ins Rathaus und zeigten sich erschüttert über die Berichte von Regina Spöttl von Amnesty International über die Lage der Arbeitsmigranten in Katar und Anke Günther von FEMNET über Zwangsarbeit in Textilindustrie. Der evangelische Kirchenkreis Vlotho, die Kreative Kirche und die Stadt Bad Oeynhausen hatten zu der Veranstaltung im Rahmen des Chormusical "Amazing Grace" eingeladen. Trotz des Verbots durch internationale Menschenrechtsgesetze leiden auch heute noch weltweit fast 21 Millionen Menschen unter Zwangsarbeit oder anderen modernen Formen der Sklaverei. "Die heutigen Sklaven tragen keine Ketten mehr, aber frei sind sie immer noch nicht", erklärte Marcella Ranft von der Kreativen Kirche. Diese Einschätzung konnte Regina Spöttl von Amnesty International belegen. Bei den Bauarbeiten für die Fußball-WM 2022 werden Gastarbeiter, die vornehmlich aus Indien, Nepal, Bangladesch, Sri Lanka, Philippinen und Indonesien kommen, unter sklavenähnlichen Zuständen gehalten und systematisch ausgebeutet. "Die Arbeiter kommen über Vermittlungsagenturen nach Katar. Dort stellen sie fest, dass die Art der Tätigkeit, die Entlohnung, die Zahl der Arbeitsstunden und die Arbeitsbedingungen völlig anders aussehen, als ihnen zugesagt wurde. Viele Arbeitsmigranten erhalten ihren Lohn entweder verspätet oder gar nicht", berichtet die Katarexpertin, die mit ihrer Familie mehrere Jahre in der Golfregion gelebt hat. In Massenunterkünfte ohne Klimaanlage und unter sehr schlechten Hygienebedingungen könnten sich die Gastarbeiter nach einem kräftezehrenden 14-Stunden-Arbeitstag in feuchttropischer Hitze bei 50 Grad kaum erholen. Das sogenannte Sponsorengesetz "kafala", das ausländische Arbeiter dazu verpflichtet, die Genehmigung ihres Arbeitgebers einzuholen, wenn sie diesen wechseln oder Katar verlassen möchten, setzten viele Firmen als Druckmittel ein. Sie verwies auf die drei Amnesty-Berichte , in denen die Situation der Bauarbeiter und des Hauspersonals in Katar, dem zweitreichsten Land der Welt, dokumentiert wird und forderte auf, gerade im Vorfeld zur Fußballweltmeisterschaft nicht wegzusehen, sondern sich für den Schutz der Menschenrechte einzusetzen. Eine Sieben-Tage-Arbeitswoche, Hungerlöhne, kaum belüftete und überfüllte Nähstuben, primitivste Massenunterkünfte, so sehe der Alltag für die meist jugendlichen Näherinnen in Bangladesch aus, berichtete Anke Günther von der Frauenrechtsvereinigung FEMNET e.V. Doch nicht nur an menschenwürdigen Arbeitsbedingungen mangelte es, sondern auch an Mindeststandards im Arbeitsschutz. Von höheren Löhnen, besseren Arbeitszeiten und mehr Rechten sei man noch weit entfernt, aber das jetzige Arbeitsschutzabkommen der Bundesregierung sei ein erster Schritt in die richtige Richtung. Doch reiche es noch nicht weit genug, aber "wir Konsumenten haben die Kraft etwas zu verändern. Wir sollten weniger und bewusster unsere Kleidung kaufen", empfiehlt Anke Günther. Orientieren könnten sich Verbraucher an den verschiedenen Siegeln für fair produzierte Kleidung, wie etwa den "Fair-Trade-Siegel", "Bluesign" oder dem "GOT-Siegel". Ein teures Produkt gebe keine Auskunft über die Hintergründe von Qualität, über die Lohnstruktur und die Arbeitsbedingungen vor Ort. Das meiste Geld gehe in die Markenwerbung und die Ladenausstattung, die Näherinnen haben davon nichts. Der Anteil der Lohnkosten am Verkaufspreis betrüge nur rund ein bis drei Prozent. Wie eindrücklich die Schilderungen der beiden Referentinnen waren, konnte man an den vielen Fragen des Publikums ablesen. "Wir sind stolz, dass Bad Oeynhausen eine Fair Trade Town ist und fair gehandelte Produkte bekommt man mittlerweile in vielen Geschäften", so der Rat des Bürgermeisters, der sich gemeinsam mit dem Superintendenten Andreas Huneke und Pfarrer Dr. Christian Hohmann für mehr Menschenrechte und bessere Arbeitsbedingungen stark machte.

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