Maite Kelly spielt die hartherzige Frau Rossi, Gattin des Kaminkehrermeisters Battista Rossi (gespielt von Thorsten Tinney), die gerade Giorgio (Jasper Klein) am Kragen packt. Missmutig und eifersüchtig sitzt Anselmo (Andreas Röder) am Tisch. - © FOTO: NIELS STAPPENBECK
Maite Kelly spielt die hartherzige Frau Rossi, Gattin des Kaminkehrermeisters Battista Rossi (gespielt von Thorsten Tinney), die gerade Giorgio (Jasper Klein) am Kragen packt. Missmutig und eifersüchtig sitzt Anselmo (Andreas Röder) am Tisch. | © FOTO: NIELS STAPPENBECK

Bad Oeynhausen Mit emotionaler Tiefe

Deutsche Erstaufführung des Musicals "Die Schwarzen Brüder" im Schlosspark Bückeburg

Von Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen/Bückeburg. Bis vor einer Woche residierte Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe noch in seinen Gemächern. Jetzt hat er das Feld geräumt. Platz gemacht für das Volk. Das erobert derzeit seinen ganz privaten Schlosspark in Bückeburg. Der Hausherr persönlich war genauso Gast bei der deutschen Erstaufführung des Musicals "Die Schwarzen Brüder", wie zahlreiche Prominente. Und weil Produzent Moritz A. Sachs auch als Klaus Beimer aus der ARD-Serie Lindenstraße bekannt ist, durfte natürlich seine Fernsehfamilie nicht fehlen.

Den roten Teppich hatten die Organisatoren zwar nicht ausgerollt, aber zumindest eine rote Absperrung aufgebaut, hinter der die Promis posierten. Marie-Luise Marjan, Joachim Hermann Luger, Georg Uecker, Julia Stark, Philipp Neubauer oder Dominique Kusche – die Lindenstraßen-Familie gab sich in Bückeburg ein Stelldichein. Nur wenige Minuten vor Beginn der Premiere erschien auch der Hausherr. "Ich habe extra meinen Urlaub unterbrochen", erzählte Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe, der hofft, dass das Musical Startschuss für große Kulturveranstaltungen in Bückeburg ist. "So etwas wie heute Abend, hat diese Wiese noch nie gesehen", freute sich der Fürst, als er die nahezu ausverkaufte 1.200 Personen fassende Tribüne sah. Denn Alexander zu Schaumburg-Lippe hatte für das Großprojekt einen Teil seines privaten Schlossgartens abgetreten – den sonst wohl kaum jemand zu Gesicht bekommt.

"Schloss Bückeburg ist ein traumhaft schönes Wasserschloss und als Kulisse und Spielort ideal", sagte der bekannte Schauspieler Moritz A. Sachs, der als Produzent das Musical nach Deutschland holte. Das Schloss dient zum ersten Mal als Spielstätte für ein Musical unter freiem Himmel. Auf die Idee kam der künstlerische Leiter Mirco Vogelsang, der aus der Nähe von Bückeburg stammt und unter anderem in Hannover studiert hat. Für Sachs ist das Musical eine Herzensangelegenheit: "Ich habe das Stück 2007 kennengelernt und mich in den Stoff und die Musiken verliebt."

"Die Schwarzen Brüder" ist ein Werk über arme Bauernkindern aus dem Tessin, die als Kaminfegerjungen im 19. Jahrhundert nach Mailand verkauft wurden. Die "Spazzacamini" genannten Jungen wurden als "lebende Besen" in die engen, heißen Kamine geschickt, um diese zu reinigen. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1941. Die Musik komponierte Georgij Modestov. Uraufführung hatte das Musical vor einigen Jahren in der Schweiz. Dort sahen es mehr als 80.000 Besucher.

Es ist ein durchaus ernstes Stück, das die Verantwortlichen auf die Schlosspark-Bühne bringen. Ein Thema, das vielleicht nicht jeden Zuschauer sofort überzeugte. Wer farbenfrohe Bühnenbilder, lustiges Trallafitti, also lediglich Unterhaltung von einem Musical erwartet, ist bei den Brüdern sicherlich falsch. Mirco Vogelsang hat ein Werk geschaffen, das sich dank emotionaler Tiefe und überzeugender Regiearbeit vom derzeit gängigen Musicalstoff abhebt: "Immerhin waren Kinderarbeit und Ausbeutung mitten in Europa früher genauso traurige Realität, wie sie es für viele Kinder in der ganzen Welt noch immer sind", sagt er.

Die 8 bis 14 Jahre jungen, aus der Region stammenden "Schwarzen Brüder" begeisterten das Publikum mit ihrem ausdrucksstarken Spiel und Gesang. Auch Maite Kelly, bekannt aus der Kelly-Family, bekam als hartherzige Frau Rossi immer wieder Szenenapplaus. Doch der eigentlich Star des Abends war Jasper Klein. Er glänzte – wenn auch mit stimmlichen Unsicherheiten – in der Rolle des zwölfjährigen Giorgio, Anführer der Brüder. Und so wurden Giorgios Arie wie die rasante, atemraubende Flucht aus Mailand einer der vielen Höhepunkte des zweiten Aktes.

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