Hannelore und Dietmar Thurisch sitzen in der Kleingartenanlage Oeynhausen in Berlin vor ihrer 24 Quadratmeter großen Gartenlaube. - © FOTO: JOHANNES WÖPKEMEIER
Hannelore und Dietmar Thurisch sitzen in der Kleingartenanlage Oeynhausen in Berlin vor ihrer 24 Quadratmeter großen Gartenlaube. | © FOTO: JOHANNES WÖPKEMEIER

Berlin/Bad Oeynhausen Oeynhausen droht die Zerstörung

Investor will Kleingartenanlage mit Namen der Kurstadt in Berlin bebauen

Berlin/Bad Oeynhausen. Rote Blumen, Zwiebeln, Kartoffeln und Bohnen, ein kleiner Gartenteich und eine 24 Quadratmeter große Laube. Die in Löhne-Mennighüffen geborene Hannelore Thurisch nennt zusammen mit ihrem Mann Dietmar ein wahres Naturparadies ihr eigen. Mehr als 300 Kilometer von der Kurstadt entfernt. Und trotzdem in Oeynhausen. Doch Bagger und Raupen könnten das Grundstück des Ehepaares schon bald zerstören. Von dem Investor wussten Hannelore und Dietmar Thurisch vor sieben Jahren noch nichts, als sich das Ehepaar in der Kleingartenkolonie Oeynhausen (siehe Info-Kasten) im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ein 350 Quadratmeter großes Grundstück mietete. Ein paar Straßen weiter hat die gebürtige Löhnerin mit ihrem Berliner Mann eine Wohnung. Im Alter möchten sie auch noch die Natur genießen. Also interessierten sie sich für die Parzelle in der Konie Oeynhausen. 2008 dann die Hiobsbotschaft: Die Lorac Investment Management kaufte den nördlichen Teil der Kleingartenkolonie von der Post. Auf dem Gelände liegt auch die Parzelle der Thurischs. Das 93.000 Quadratmeter große Grundstück liegt im Ortsteil Schmargendorf und umfasst 302 Parzellen. Lorac hatte für das Gelände rund 600.000 Euro bezahlt. Der Rest der Fläche, knapp 39.000 Quadratmeter mit 135 Parzellen, befinden sich in Landeseigentum. Hier soll nicht gebaut werden. Die Bewohner der Schrebergartenanlage mobilisierten alle Kräfte, um eine Bebauung zu verhindern. Plakate und Flyer druckte das Team, Demonstrationen wurden organisiert. Denn trotz Baunutzungsplan von 1958 wird Wohnbebauung als planerisch zulässige Nutzung ausgewiesen, der Flächennutzungsplan von 1994 weist jedoch Grünflächennutzung und Kleingärten für das Areal aus. Im September 2013 sammelte die Bürgerinitiative "Oeynhausen retten" 12.000 Unterschriften für einen Bürgerentscheid. Nur 7.000 hätten die Verantwortlichen gebraucht. "Mit diesem Ergebnis sind wir mehr als zufrieden", sagt Caroline Ehlers von der Bürgerinitiative. Dann der nächste Schritt: Durch die erreichte Stimmzahl beim Bürgerbegehren konnte am 25. Mai zur Europawahl ein Bürgerentscheid durchgeführt werden. 77 Prozent der Stimmberechtigten stimmten für den Erhalt und gegen die Bebauung der Kleingartenkolonie "Oeynhausen". Das sind 84.900 Stimmen. "Wir sind bis heute noch überwältigt", freut sich Caroline Ehlers. Doch die 50-Jährige und ihr Team geben nicht auf. "Jetzt geht es erst richtig los", sagt sie. Denn mit dem wahnsinnigen Ergebnis beim Bürgerentscheid kann den Politikern nur die Richtung des Volkes vorgegeben werden. "Entscheiden müssen die selber", sagt Frank Sommer. Das Vorstandsmitglied des Kleingartenvereins "Oeynhausen" hat seit 1976 eine Parzelle. "Eine tolle Region. Mitten in Berlin und doch in der Natur". Um diese Kleingartenidylle aufrecht zu erhalten, wird der 71-Jährige Donnerstag Abend auch bei der Bezirksverordnetenversammlung in Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf vorbei schauen. Dann stimmen 55 Politiker über den möglichen Bau auf dem Teilstück der Kleingartenanlage ab. Bildet sich eine Mehrheit für den Erhalt, wird eine Veränderungssperre von zwei Jahren mit Option für zwei weitere Jahre verhängt. "Dann wird definitiv nicht gebaut", sagt Dietmar Thurisch und blickt dabei auf seine Goldfische im Gartenteich. Die haben schon einmal eine Umsiedlung überlebt. Ein weiteres Mal möchte der 68-Jährige das seinen Fischen nicht antun. Und sich selbst auch nicht. "Wir fühlen uns hier pudelwohl".

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