Das große Kino im Kinocenter "Die Leiter" mit Plüschsesseln, Lampen und Tischablagen. ⋌Fotos (3): Privat - © FOTO: PRIVAT
Das große Kino im Kinocenter "Die Leiter" mit Plüschsesseln, Lampen und Tischablagen. ⋌Fotos (3): Privat | © FOTO: PRIVAT

Bad Oeynhausen Der Charme der alten Leiter

Betreiber-Ehepaar Christa und Jürgen Wefelmeier erinnert sich an das ehemalige Kino-Center, das zum Ärztehaus wird

Bad Oeynhausen. Mit dem Umbau der "Leiter" zu einem Ärztehaus verschwindet erneut ein Stück Bad Oeynhausener Geschichte. Derzeit wird das Kino-Gebäude an der Eidinghausener Straße entkernt – für viele Bad Oeynhausener birgt es Erinnerungen. Auch die ehemaligen Betreiber Christa und Jürgen Wefelmeier verbinden mit dem Kinocenter zahlreiche Geschichten. Zuhause haben sie ganze Ordner voller Zeitungsartikel, Dankeskarten und Fotos.

Die Kinolandschaft in Bad Oeynhausen hatte einst viel zu bieten. Mit den Kur-Lichtspielen öffnete 1912 eins der ersten Stummfilmkinos der Bundesrepublik seine Türen. Mit 500 Sitzplätzen, Stuckverzierungen, Deckenmalereien und einem Balkon bot es ein Ambiente, das heute seinesgleichen suchen würde. "Das war schon etwas ganz Besonderes", erinnern sich Christa und Jürgen Wefelmeier, die letzten Betreiber des Kinos an der Klosterstraße. 1984 öffnete sich dort allerdings zum letzten Mal der Vorhang vor der Leinwand. Weil ein Kino in der Größe nicht mehr rentabel war.

Parallel dazu hatten Wefelmeiers ihr zweites Kino "Die Leiter" an der Eidinghausener Straße zu einem Kino-Center umgebaut. Leiter, Lux und Linse hießen die drei Einheiten, die aus dem 750 Plätze zählenden Kino "Die Leiter" entstanden und Ostern 1984 wieder eröffnet wurden. "Gezeigt haben wir in der Linse den weißen Hai in 3D und in Lux Mr. Mom", erinnert sich Wefelmeier.

Und seine Frau ergänzt noch die Anekdote mit den Kino-Sesseln: "Es war zu teuer, die ausbauen und entsorgen zu lassen." Weshalb sie eine Anzeige schaltete, dass die Stühle verschenkt würden – mit Selbstausbau. "Gerechnet habe ich mit einigen wenigen Interessenten." Gekommen waren Hunderte. Nebst Zeitung und Fernsehen. "Die stehen noch in so mancher Kellerbar – und im Bielefelder Jazzclub", ergänzt ihr Ehemann.

Im Mai 1948 wurde für die "Leiter" der Grundstein gelegt, am 13. Dezember Eröffnung gefeiert: Gezeigt wurde "Der himmlische Walzer" mit Grete Weiser. Die sogar persönlich kam. Und bei Betreiberin Anneliese Schmidt (die Tante von Jürgen Wefelmeier) zuerst einen Schnaps gegen das Lampenfieber bekam. Aber auch Heinz Rühmann trat mit dem Theaterstück "Der Mustergatte" in der Kurstadt auf. Und Heidi Brühl reiste zur Immenhof-Premiere sogar mit der Ponykutsche an. Die Liste der Stars ließe sich fortsetzen: "Marika Röck, Peter Alexander, Katharina Valente oder Zara Leander waren auch hier", so Jürgen Wefelmeier, der die "Leiter" 1979 mit seiner Ehefrau von der Tante übernahm.

Als dann 1999 das Kinocenter am Werre-Park eröffnete, hielten Wefelmeiers noch anderthalb Jahre durch – dann war Schluss. Am 4. März 2001 flimmerte mit "Grasgeflüster" der letzte Film über die Leinwand an der Eidinghausener Straße.

Ein Ende, das dem Ehepaar schwer gefallen ist. "Das war schließlich das Lebenswerk der Vorfahren", sagt Christa Wefelmeier. Doch gemeinsam mit ihren Kindern hätten sie sich zu diesem Schritt entschlossen. "Wir haben das alles immer mit viel Herzblut und viel Liebe gemacht. Und wir haben viel Geld in die Kinos investiert." Aber der Lebensabschnitt sei vorbei, sagt das Ehepaar. Trotzdem haben sie einen Teil des alten Saals der Kurlichtspiele für die Nachfahren erhalten. "Der alte Saal der Kurlichtspiele war einfach was Besonderes", so Christa Wefelmeier. "Ich habe mir immer gewünscht, dass etwas Kulturelles dort einzieht – aber mittlerweile müsste man für die Sanierung viel Geld in die Hand nehmen." Denn dort, wo einst die Kurlichtspiele waren, verkauft heute Mäc Geiz seine Waren und hat den nach hinten liegenden Kinosaal einfach abgehängt.

Auch wenn die eigenen Kinos längst Geschichte sind: Noch immer lieben Wefelmeiers die Atmosphäre, wenn ein Film über die Leinwand flimmert. Doch in die UCI-Welt am Werre-Park gehen sie nicht. "In dem Kasten kann man keine Filme gucken", sagt Wefelmeier. "Wir fahren nach Salzuflen oder nach Herford. Aber auch Rinteln ist toll."

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