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Das „Kaiserliche Postamt“ auf einer kolorierten Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das denkmalgeschützte Gebäude trägt heute noch das kaiserliche Wappen im Turm. - © Horst Biere
Das „Kaiserliche Postamt“ auf einer kolorierten Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das denkmalgeschützte Gebäude trägt heute noch das kaiserliche Wappen im Turm. | © Horst Biere

In der Stadtgeschichte geht es um die Beförderung von Briefen und Paketen Da ging die Post ab

Das Kaiserliche Postamt wurde 1906 eröffnet, das aufblühende Gewerbe brauchte ein Zentrum für den Brief- und Paketversand. Doch die Postbeförderung hat im Bergdorf eine viel längere Tradition.

Horst Biere
26.11.2022 , 08:33 Uhr

Oerlinghausen. Da ging die Post ab in Oerlinghausen – im doppelten Wortsinn. Recht zügig und in kurzer Bauzeit entstand Anfang des 20. Jahrhunderts ein neues Postamt an der damaligen Bielefelder Straße. Bauunternehmer Stücke hatte von der preußischen Postverwaltung den Auftrag erhalten, ein Gebäude zur Brief- und Gepäckbeförderung zu bauen. Im April 1906 wurde der rotbraune Backsteinbau mit dem damals modernen spitzen Seitenturm eingeweiht. In großen Lettern stand an der Frontseite „Kaiserliches Postamt“, am Eingangsturm prangte das Wappen des Kaisers.

Der Schriftzug wurde nach dem Ersten Weltkrieg in „Postamt“ geändert, doch das kaiserliche Wappen blieb bis heute erhalten. Die Post beendete ihren Betrieb in dem Gebäude an der heutigen Rathausstraße am 28. Februar 2002 und stellte auf Postagenturen um. In dem markanten Klinkerbau ist jetzt ein Firmenverbund aus Bestattungsunternehmen und Bekleidungsmanufaktur angesiedelt.

Die Melmsche Apotheke um 1900. Ein halbes Jahrhundert zuvor verteilte Apotheker Friedrich Melm von der Treppe aus die Post. - © Horst Biere
Die Melmsche Apotheke um 1900. Ein halbes Jahrhundert zuvor verteilte Apotheker Friedrich Melm von der Treppe aus die Post. | © Horst Biere

Doch die Postbeförderung hat in Oerlinghausen eine sehr lange Tradition. Schon weit vor anderen Dörfern und Städten rollten in früheren Jahren die Postkutschen durch die kleine Gemeinde am Tönsberg. Nachdem der lippische Graf Simon Heinrich im Jahre 1693 durch Heirat an die niederländischen Besitzungen Vianen, Ameiden und Utrecht gekommen war, entwickelte sich von Detmold aus ein reger Lieferverkehr nach Holland und zurück. Oerlinghausen lag unmittelbar an der Strecke.

Im Jahre 1913 erhielt Helpup seine erste Poststelle an der Gaststätte Waldhecker. Auf unserem Bild von 1920 ist in der Mitte Lina Waldhecker zu sehen. - © Horst Biere
Im Jahre 1913 erhielt Helpup seine erste Poststelle an der Gaststätte Waldhecker. Auf unserem Bild von 1920 ist in der Mitte Lina Waldhecker zu sehen. | © Horst Biere

Einen regelmäßigen Pendelverkehr zwischen Detmold und Bielefeld begann die „Königlich Preußische Post“ im Jahre 1774. Um die Postkutschen stets mit frischen Pferden zu versorgen, richtete man auf halber Strecke in Oerlinghausen eine Posthalterei ein. Betrieben wurde sie von den Fuhrleuten Becker und Gröppel. „Schon vor der Einführung einer Posthalterei“, schreibt Werner Höltke über das frühere Postwesen, „unterhielt der Oerlinghauser August Kramer – Postjüsken genannt – eine Verbindung nach Detmold.“ Sein Transportmittel war ein Esel mit zwei Tragetaschen. Je nach Bedarf lief er mit ihm die Strecke ab.

Nach der Kirche zur Post in die Apotheke

Eine geordnete Postverteilung in und um Oerlinghausen war jedoch durch die Postkutschenlinie noch lange nicht gesichert. Eine Postanstalt, eine Art Verteilstelle, wurde dringend gebraucht. Diese Aufgabe übernahm Mitte Juni 1840 der Apotheker Friedrich Melm an der Hauptstraße 1. Zumeist Sonntagmorgens nach der Kirche kamen nun viele Bewohner aus dem Umland zur Apotheke, um dort ihre Briefe und Päckchen abzuholen oder aufzugeben. „In jener Zeit war die Kirche besonders gut besucht“, berichtet Höltke. Für Apotheker Melm wurde es mit der zunehmenden Postmenge immer schwieriger, die Flut der Briefe und Pakete zu verteilen. Er hatte schließlich auch noch sein eigenes Apothekengeschäft und die Herstellung von Arzneien zu erledigen. Er baute sogar ein Gebäude an sein Haus an und stellte einen weiteren Mitarbeiter ein. Aber erst nach Friedrich Melms Tod im Jahre 1865 fand ein großer Wechsel statt: das ganze Oerlinghauser Postgeschäft wurde an den externen „Expeditor“ Martheus, der aus Rischenau kam, übertragen. Er verlegte die Posthalterei an die Detmolder Chaussee Nr. 6. Für viele Jahrzehnte lieferten nun die Postkutschen ihre gesamte Oerlinghauser Post dort ab.

Ein Problem bildete die Zustellung im Amt Oerlinghausen. Die drei angestellten Landbriefträger schafften es kaum, zu Fuß die großen Bezirke im Dorf und im Umland abzugehen. Oftmals kamen die Postboten erst am späten Abend nach Hause zurück. Erst viele Jahre später erhielten die einzelnen Bezirke ihre eigenen Poststellen. Zum Beispiel Leopoldshöhe im Jahre 1881, Kachtenhausen im Mai 1894 und Helpup im Juli 1913.

Die Eröffnung der Eisenbahnstrecke Lage-Oerlinghausen am 1. Oktober 1903 und der Strecke Oerlinghausen-Bielefeld im Jahr 1904 läutete das Ende der Postkutschen ein. Nun beförderte die Eisenbahn fast alle Postgüter, der Transport mit der Kutsche vom Bahnhof in Asemissen nach Oerlinghausen verringerte sich auf drei Kilometer. Vorbei war die Zeit der Postillione, die den Oerlinghausern mit Trara ihre Ankunft angekündigt hatten. Auch die Schwierigkeiten an harten Wintertagen hörten damit auf, denn oftmals schafften es zuvor die schweren Postkutschen nicht, die verschneiten Wege hinauf ins Bergdorf zu fahren.

Die Anfänge der Telekommunikation im westlichen Lippe liefen übrigens auch über Oerlinghausen. Im März 1868 schloss man das Bergdorf an den Telegrafenverkehr für Telegramm-Nachrichten an. Erste Telefonanschlüsse gab es 1901. Das Amt Oerlinghausen vermittelte seinerzeit auch Gespräche mit Leopoldshöhe, der Dalbker Papierfabrik oder der Holter Eisenhütte.

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