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Einmarsch der „germanischen“ Schauspieler bei der Eröffnung des ersten Freilichtmuseums im Jahre 1936. Das Heldenepos „Oerl-Bark“ wurde im neuen Museumsbauernhof aufgeführt. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv AFM
Einmarsch der „germanischen“ Schauspieler bei der Eröffnung des ersten Freilichtmuseums im Jahre 1936. Das Heldenepos „Oerl-Bark“ wurde im neuen Museumsbauernhof aufgeführt. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv AFM

Stadtgeschichte Oerlinghausen Als die Germanen wiederkehrten

Das Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen hatte bereits zwei Vorgänger. Das zweite Museumsgehöft von 1961 war immer noch stark braun gefärbt. Im Februar 1974 ging es in Flammen auf.

Horst Biere
17.09.2022 , 08:36 Uhr

Oerlinghausen. Es war im Mai 1936, als in Oerlinghausen eine riesige germanische Propagandaschau ablief. Das erste Freilichtmuseum wurde am Barkhauser Berg eröffnet – passend zur 900-Jahr-Feier der Bergstadt. Tausende von Menschen waren dabei, als nach dem Festumzug das völkische Schauspiel „Oerl Bark“ im neugebauten Germanengehöft aufgeführt wurde. Das langatmige Heldenepos mit vielen Laiendarstellern, fand in einem Museum statt, das vor allem auf die Initiative des Oerlinghauser Schulrektors Hermann Diekmann gründete.

Den NS-Führern passte das von Diekmann konstruierte Geschichtsbild perfekt in ihre damalige Ideologie. Und das Germanengehöft hatte großen Zulauf. „Es wurde sogar von der SS zur politischen Bildung genutzt“, sagte Karl Banghard, der Leiter des heutigen Freilichtmuseums in einem Vortrag vor dem Heimatverein Oerlinghausen im Jägerhaus. Nach dem Krieg war natürlich Schluss mit dem nationalsozialistischen Museumsbetrieb. Die Gebäude verwilderten, im Jahre 1946 riss man sie ab. Damals verkaufte die Stadt sie für 252 Reichsmark. Die Reetdächer erhielt ein Pferdeschlachter als Einstreu für die Ställe, die wertvollen Balken und Türen gingen an eine Schreinerei.

Der 100.000 Besucher des zweiten Germanengehöfts - ein Schüler aus dem damaligen Senne II – erhielt von Hermann Diekmann im Mai 1963 ein kleines Geschenk. Repros Horst Biere / Quelle: AFM - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv AFM
Der 100.000 Besucher des zweiten Germanengehöfts - ein Schüler aus dem damaligen Senne II – erhielt von Hermann Diekmann im Mai 1963 ein kleines Geschenk. Repros Horst Biere / Quelle: AFM | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv AFM

Bereits sechs Jahre später allerdings plante der mittlerweile entnazifizierte Hermann Diekmann den Aufbau eines neuen Museums. „Anfangs wollte er ein Germanengehöft am Pollmannskrug in Lipperreihe errichten“, erklärte Banghard. Wohl weil Diekmann schlechte Erinnerungen an sein früheres Museumsdorf hatte. Doch in Zusammenarbeit mit Hans Reinerth, dem Direktor des Pfahlbaumuseums in Unteruhldingen, trieb er schließlich die Planungen an alter Stelle am Barkhauser Berg voran. Reinerth besaß übrigens als früherer Leiter des „Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte“ ebenfalls eine lupenreine NS-Vergangenheit. „Die fünf neuen Häuser entsprachen exakt den Ausbauplänen aus der NS-Zeit“, sagte Banghard.

Museumsleiter Karl Banghard sprach vor den Mitgliedern des Heimatvereins über das zweite Germanengehöft, das im Jahre 1974 einem Brand zum Opfer fiel. - © Horst Biere
Museumsleiter Karl Banghard sprach vor den Mitgliedern des Heimatvereins über das zweite Germanengehöft, das im Jahre 1974 einem Brand zum Opfer fiel. | © Horst Biere

Mit viel Unterstützung aus der Bevölkerung startete Diekmann die Wiederherstellung der Anlage und den Bau der Reetdachhäuser. So gelang es ihm zum Beispiel, immer wieder Oerlinghauser Schüler für Erdarbeiten und Wegebefestigungen zu gewinnen. Nach der Schule griffen die Kinder mehr oder weniger freiwillig zu Schaufel und Hacke, um neue Wege zu den Holzbauten zu anzulegen.

Neues Konzept nach vernichtendem Brand

Ein paar Groschen Entlohnung lockte sie. Diekmann zeigt sich außerdem erkenntlich, indem er die Jugendlichen zu Limonade und Kuchen einlud – immer dann, wenn ein Bauabschnitt fertig war. Private Spenden und Bürgschaften sorgten schließlich dafür, dass das zweite Germanengehöft professionell gebaut und im Jahre 1961 eröffnet werden konnte – ein „cheruskischer Grenzbauernhof um die Zeitenwende“ mit fünf Gebäuden.

Die Besucherzahlen im ersten Jahr waren überwältigend. „Es konnten beinahe 60.000 Eintrittskarten verkauft werden,“ erläuterte Banghard. Auch die Nachkriegsbesucher erlebten bäuerlichen, germanischen Alltag in einem Haupthaus, in kleinen Stallungen, in einer Schmiede, einer Töpferei und in einem Nebengebäude. Die Resonanz in den Medien erwies sich ebenso als außerordentlich positiv. Immer wieder berichteten Zeitungen, Zeitschriften und sogar das noch junge Fernsehen über die Oerlinghauser Anlage. „Man gab sich betont, jung, modisch und niedrigschwellig“ erklärte Karl Banghard humorvoll.

Doch das alte Germanenbild saß immer noch in den Köpfen der Verantwortlichen. „Peinlichkeiten wie die Beschränkung auf blonde, blauäugige, jugendliche Besucherführerinnen führten immer wieder auch zu kritischen Medienberichten“, sagte er. „So sahen Zeitungen wie etwa die New York Times oder die Frankfurter Allgemeine nicht ganz zu Unrecht eine Renaissance des völkischen Germanenbildes.“ In den nächsten Jahren gingen die Zahlen der Gäste in diesem zweiten Museumsbetrieb allerdings deutlich zurück. Das völlige Aus kam jedoch überraschend. Im Februar 1974 bereitete ein Feuer, das durch spielende Kinder verursacht wurde, dem Freilichtmuseum Nummer Zwei ein plötzliches Ende.

Ein Neuanfang des Museums gelang im Jahr 1979. Durch den Einstieg des Landesverbandes und der Stadt Oerlinghausen entstand das Archäologische Freilichtmuseum in seiner heutigen Form. Banghard: „Die neuen Geldgeber bestanden auf einer konsequenten Hinwendung zu moderner Siedlungsarchäologie. Man nannte sich auch nicht mehr Germanengehöft, sondern Archäologisches Freilichtmuseum.“ Das wissenschaftlich fundierte Museumsdorf, das weithin bekannt ist, hat sich neben dem Segelflugplatz und dem heutigen Naturschutz-Projekt in der Senne zu einem Markenzeichen Oerlinghausens entwickelt. Karl Banghard fasst zusammen: „Gemeinsam mit dem Berliner Museumsdorf Düppel hat Oerlinghausen das Thema moderne Archäologie in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte wieder salonfähig gemacht.“

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