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1942 warten russische Fremdarbeiterinnen auf ihren Transport nach Deutschland. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Bundesarchiv
1942 warten russische Fremdarbeiterinnen auf ihren Transport nach Deutschland. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Bundesarchiv

Oerlinghausen Stadtgeschichte Oerlinghausen: Die Tragik der Zwangsarbeit

Kontakte zu den fremden Arbeitskräften waren im letzten Weltkrieg streng verboten. Doch immer wieder kommt es in Oerlinghausen auch durch Jugendliche zu menschlichen Begegnungen.

Horst Biere
20.08.2022 | Stand 29.08.2022, 15:22 Uhr

Oerlinghausen. Zwangsarbeit bildete im letzten Weltkrieg ein gängiges Mittel, um die Arbeitskraft fehlenden Männer, die an der Front standen, zu ersetzen. Millionen von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Häftlinge schufteten unter teils schlimmsten Bedingungen im Deutschen Reich und hielten die Landwirtschaft, die Industrie und vor allem die Rüstungsproduktion am Laufen. Auch in Oerlinghausen lebten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Eigentlich waren Kontakte zu ihnen streng verboten, doch es gab immer wieder Begegnungen, die das Alltagsleben ein wenig menschlicher und erträglicher machten.

„Fremde Arbeiterinnen aus Polen wohnten seit 1941 in dem Haus in der Wistinghauser Schlucht, das später das Malerhaus genannt wurde“, erinnert sich Werner Höltke, „sie arbeiteten auf dem Gut Wistinghausen. Sie wurden dort im Haushalt, in der Molkerei und bei verschiedenen landwirtschaftlichen Tätigkeiten eingesetzt.“ Der damals 12jährige Höltke stromerte oft mit seinen Freunden durch den Wald am Tönsberg, man unternahm Geländespiele, kletterte auf Bäume, baute kleine Buden. „Wir haben oft die vier Arbeiterinnen, die in dem Sandsteingebäude wohnten, singen gehört. Polnische Lieder, man verstand den Text natürlich nicht“, denkt er zurück. Er erinnerte sich an vorsichtige Kontakte zu den Bewohnerinnen. „Es war im Jahre 1943 als ich mit meinem Freund Erich Montag wieder einmal vor dem Haus gestanden habe. Wir wussten von einer kurzen Begegnung vorher, dass sie dringend Nähutensilien brauchten, vor allem Nähnadeln.“ Die beiden Jugendlichen hatten diesmal von ihren Müttern Nadeln, auch Häkelnadeln, Garn und Wolle erbettelt und alles gleich mitgebracht.

„Wir tauschten die Nähsachen gegen etwas ganz Besonderes – Briefmarken aus Polen mit dem Aufdruck ‚Generalgouvernement‘.“ Für die jungen Briefmarkensammler bildeten die Marken mit einem Sonderaufdruck, die von den Angehörigen der Arbeiterinnen aus dem besetzten Polen geschickt worden waren, begehrte Raritäten. „Drei Mal waren wir sonntags an ihrer Unterkunft und haben kleine Tauschgeschäfte mit ihnen gemacht“, erzählt Werner Höltke. Sie wurden immer freundlich von den polnischen Landarbeiterinnen begrüßt, erinnert er sich.

Heimliche Treffen

Die meisten ausländischen Arbeitskräfte beschäftigte die Weberei. Das größte Unternehmen, das sonst hochwertige Textilien wie Bettwäsche oder Tischdecken herstellte, musste seine Produktion auch kriegsbedingt umstellen. Wehrmachtsuniformen, Fallschirme und Gasmasken lieferte die Fabrik nunmehr für das deutsche Militär.

Auf dem Gut Wistinghausen – hier eine Ansichtkarte aus den 1930er Jahren – waren, wie überall in der Landwirtschaft, ausländische Landarbeiterinnen beschäftigt. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv
Auf dem Gut Wistinghausen – hier eine Ansichtkarte aus den 1930er Jahren – waren, wie überall in der Landwirtschaft, ausländische Landarbeiterinnen beschäftigt. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv

In den großen Produktionshallen an der damaligen Bahnhofstraße – heute die Fa. Oetker – arbeiteten in den Kriegsjahren vor allem viele Oerlinghauser Frauen, denn die männlichen Mitarbeiter waren zumeist als Soldaten eingezogen worden. Als weitere Arbeitskräfte wurden der Weberei etwa 50 Zwangsarbeiter von den Behörden zugeteilt: französische Kriegsgefangenen und russischen Fremdarbeiterinnen. Nur mit ihrer Hilfe ließen sich die verlangten Produktionszahlen erfüllen. Die Franzosen lebten in einer ehemaligen Brauereiniederlassung an der heutigen Rathausstraße, die Russinnen bewohnten einen größeren Schlafsaal in der Weberei.

Die Weberei beschäftigt im letzten Weltkrieg die meisten ausländischen Arbeitskräfte: Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. - © Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke
Die Weberei beschäftigt im letzten Weltkrieg die meisten ausländischen Arbeitskräfte: Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. | © Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke

Heimliche Treffen waren an der Tagesordnung – zwischen Russinnen und Franzosen aber auch zwischen französischen Gefangenen und deutschen Mitarbeiterinnen. Als Treffplatz und Nachrichtenpunkt diente ein Versteck hinter den Fahrradständern im Eingangsbereich der Firma. Doch wer erwischt wurde, der wurde drakonisch bestraft. Den Fall der erst 15jährigen Hilde S., die als Näherei-Lehrling in der Weberei arbeitete, beschreibt Werner Höltke. Hilde S. wurde dabei beobachtet, dass sie sich heimlich mit einem französischen Kriegsgefangenen auf dem Firmengelände getroffen hatte. „Hilde kam für ein Jahr in ein Erziehungslager, eine sehr schlimme Strafe“, berichtet Höltke. Der junge Franzose wurde lediglich auf eine andere Arbeitsstelle außerhalb der Oerlinghauser Weberei versetzt.

In dem Sandsteingebäude in der Wistinghauser Schlucht leben im Zweiten Weltkrieg polnische Landarbeiterinnen. Später baut der Maler Herbert Ebersbach das Gebäude zu einem Atelier um. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke
In dem Sandsteingebäude in der Wistinghauser Schlucht leben im Zweiten Weltkrieg polnische Landarbeiterinnen. Später baut der Maler Herbert Ebersbach das Gebäude zu einem Atelier um. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Höltke

Als noch dramatischer erwies sich das Schicksal der Ukrainerin Daria Fiodorowna, die als „Zivilarbeiterin für den Einsatz in der Landwirtschaft“ im Juli 1942 nach Deutschland gebracht wurde und auf einem Hof in Asemissen arbeitete. „Im September 1944 stand sie gemeinsam mit einer polnischen Landarbeiterin im Verdacht im Hause Kleinigkeiten entwendet zu haben“, beschreibt der Historiker Jürgen Hartmann den Fall. Sie wurde vom damaligen kommissarischen NSDAP-Ortsgruppenleiter Richard Kassen verhört, der bekannt war für eine Reihe von Übergriffen auf französische Kriegsgefangene sowie polnische und russische Landarbeiter. „Vermutlich eingeschüchtert und aus Furcht vor einer Überstellung an die Gestapo und in ein Konzentrationslager, verübte Daria Fiodorowna Selbstmord“, berichtet Hartmann. Am 18. September 1944 wurde sie ertrunken im Teich auf dem Hof aufgefunden. Sie wurde auf dem Oerlinghauser Friedhof beigesetzt. Heute erinnert ein Steinkreuz in der Nähe der Friedhofskapelle an die Ukrainerin.

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