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Für die Universität Gießen leitet Clemens Tangerding das Projekt. Links Jaqueline Nowack, studentische Mitarbeiterin aus Helpup. - © Knut Dinter
Für die Universität Gießen leitet Clemens Tangerding das Projekt. Links Jaqueline Nowack, studentische Mitarbeiterin aus Helpup. | © Knut Dinter

Oerlinghausen Wie die Nazis den Alltag gewandelt haben

Beim Projekt „Das Dritte Reich und wir“ wird die Zeit des Nationalsozialismus thematisiert.

Knut Dinter
26.06.2022 , 08:11 Uhr

Oerlinghausen. Das Projekt „Das Dritte Reich und wir“ stieß in Oerlinghausen bereits zum Start auf großes Interesse der Bürgerinnen und Bürger. Jetzt wird es konkret: Beim zweiten Workshop wurden fünf Themen festgelegt, die eingehend beleuchtet werden sollen. Es handelt sich um ein bundesweites Vorhaben der Justus-Liebig-Universität Gießen, Partner in der Bergstadt ist die Freiwillige Feuerwehr.

„Wir waren positiv überrascht“, sagte der wissenschaftliche Projektmitarbeiter Clemens Tangerding. „Die Auftaktveranstaltung im November war die am besten besuchte unter den insgesamt 20 Projekten in Deutschland.“ Jetzt erschienen nur 15 Personen im Bürgerhaus, die jedoch ein deutliches Interesse bekundeten, mehr über die Zeit des Nationalsozialismus auf örtlicher Ebene zu erfahren.

„Oerlinghausen hat außerdem den Vorteil, dass es nicht nur viele inhaltliche Ansatzpunkte gibt, sondern auch schon zahlreiche Veröffentlichungen vorliegen“, sagte Tangerding. Ferner sei im vergangenen halben Jahr „eine unglaubliche Vielzahl“ von Sachzeugnissen eingereicht worden. Die Materialien reichten von Tagebüchern bis zu Haushaltsgegenständen mit Bezug zur NS-Zeit.

Projektleiter Christian Stüber sowie die beiden studentischen Mitarbeiter des Projektes, Jaqueline Nowack und Niklas Döner aus Helpup, haben dazu auch mehrere Bürgerinnen und Bürger zu Hause besucht. Nach den Zielen des Projektes sollen die gesammelten Materialien und persönlichen Erinnerungen den Anstoß für eine längere persönliche Beschäftigung mit der Vergangenheit dienen. So soll deutlich werden, wie sich Veränderungen im Alltag vollzogen. Plötzlich durften Amtspersonen nur noch mit „Heil Hitler“ gegrüßt werden. Und in der sozialdemokratischen Hochburg Oerlinghausen wollten die Kinder plötzlich liebend gern zu den „Pimpfen“ gehören.

Die Anwesenden verständigten sich darauf, vor allem solche Bereiche aufzuarbeiten, die noch nicht im Mittelpunkt des Interesses standen. So soll geforscht werden, bei welchen Bauernhöfen und Betrieben die Zwangsarbeiter eingesetzt waren und unter welchen Bedingungen sie lebten und arbeiteten. Ferner soll die militärische Bedeutung des Oerlinghauser Segelflugplatzes untersucht werden. Für die Zeit um Ostern 1945 liegen einige persönliche Aufzeichnungen vor, der Einmarsch der Amerikaner wurde jedoch noch nicht systematisch dargestellt. Und schließlich soll die Bedeutung von Ehren- und Kriegermalen für die nationalsozialistische Ideologie untersucht werden.

In den nächsten Monaten wird das wissenschaftliche Projektteam zu den genannten Themen recherchieren. Möglicherweise wird auch gemeinsam mit weiteren Interessenten ein Archiv besucht. Am 14. September folgt der nächste Workshop, bei dem die Ergebnisse präsentiert werden. In welcher Form die Erkenntnisse veröffentlicht werden, blieb noch offen. Christian Stüber: „Es kann eine Ausstellung oder eine Darstellung im Internet geben. Auf jeden Fall wird es nicht bei einer kleinen Erinnerungstafel bleiben.“

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