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Das Landerhaus am Steinbült (links unten) war in Besitz der Stadt Oerlinghausen. Im Jahre 2006 wurde es abgerissen. - © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Werner Höltke
Das Landerhaus am Steinbült (links unten) war in Besitz der Stadt Oerlinghausen. Im Jahre 2006 wurde es abgerissen. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Werner Höltke

Stadtgeschichte Oerlingh Wo Oerlinghauser früher Schnecken züchteten

Der Landerweg ist ein alter Kirchpfad in die Senne. Hier gab es gutes Quellwasser, eine Brauerei und einen hübschen Park. Im Jahre 2006 wurde das Landerhaus abgerissen.

Horst Biere
29.05.2022 , 10:18 Uhr

Oerlinghausen. Eine eher unscheinbare Wohnstraße ist der Landerweg heutzutage. Doch spielte sich in der gepflegten Gegend am Steinbült ein beträchtlicher Teil der Oerlinghauser Stadtgeschichte ab, in deren Mittelpunkt das Landerhaus stand. Im Jahr 2006 verschwand die letzte Erinnerung an frühere Zeiten, denn Bagger rissen das große Fachwerkhaus komplett ab, um hier neue Wohnbebauung zu schaffen.

Entlang des Landerhauses führte seit vielen Jahrhunderten der alte Kirchweg, der seinerzeit die Bewohner der Sennegemeinden mit der Oerlinghauser Kirche verband. Der Name Lander deutet auf den Ursprung des Weges hin. Er stammt vom Begriff Landwehr, einem aufgeschütteten Erdwall, durch den sich die Bewohner hier bereits im 14. Jahrhundert vor feindlichen Angriffen schützten.

Weinbergschnecken als Spezialität für den lippischen Grafen Friedrich Adolf

Um 1700 gehörten die Ländereien am Landerweg zur Vogtei Oerlinghausen. Vogt Hermann Adolf Bracht, ein weitsichtiger Ortsvorsteher, unter dem sich Oerlinghausen gut entwickelte, nutzte das Gebiet mit einem kleinen Kotten zur Züchtung von Weinbergschnecken. Die Spezialität servierte er nämlich dem lippischen Grafen Friedrich Adolf, wenn der wieder einmal in Oerlinghausen zu Besuch war und eine üppige Bewirtung verlangte.

Leider fiel Bracht im Jahre 1712 bei seinem verschwenderischen Landesherrn in Ungnade, beschreibt der Ortschronist August Reuter. Er wurde inhaftiert und sein Besitz wurde eingezogen. Viele Jahre später versteigerte der lippische Hof die Grundstücke des Vogts am Landerweg.

Der begüterte Oerlinghauser Leinenhändler Carl Berkemeier erwarb ein größeres Stück Land und den Kotten. Er begann, um 1830 ein stattliches Haus zu errichten. Das Baumaterial dazu stammte übrigens aus dem alten Pfarrhaus an der Kirche, das er sich bei dessen Abriss von der Kirchengemeinde gesichert hatte. Das neue Landerhaus besaß respektable Ausmaße und sogar einen Kellerraum, in dem ein Brunnen lag. Die Kellerwände und Grundmauern bestanden aus Kalksteinen des Menkhauser Berges.

Tratsch am Landerhaus. Drei Nachbarinnen treffen sich vor dem alten Fachwerkhaus im Jahre 1929. Schulrektor Hermann Diekmann fotografierte diese Szene. - © Repro: Horst Biere / Quelle: AFM
Tratsch am Landerhaus. Drei Nachbarinnen treffen sich vor dem alten Fachwerkhaus im Jahre 1929. Schulrektor Hermann Diekmann fotografierte diese Szene. | © Repro: Horst Biere / Quelle: AFM

Doch kurz nach der Fertigstellung des Landerhauses verstarb Berkemeier. „Sein Sohn, Karl Berkemeier, erbte die Stätte“, berichtet Heimatforscher Werner Höltke. „Er setzte an das Fachwerkgebäude noch einen Anbau, in dem sich unter anderem Pferdeställe und eine Wagenremise befanden.“. Denn Karl Berkemeier lebte gern auf großem Fuß. Er konnte es sich leisten, zwei Kutschwagen und einen großen Pferdeschlitten zu unterhalten. Das ganze neue Anwesen verströmte Wohlstand. Im Jahre 1840 investierte er ein weiteres Mal am Landerweg. Er errichtete eine Brauerei etwas weiter unten im Tal, wo eine Quelle frisches Wasser lieferte. Doch sein Braugeschäft währte nur kurz. Da in jener Zeit in Oerlinghausen weitere größere Brauereien entstanden, geriet Karl Berkemeiers Absatz offenbar ins Stocken. Nach nur 25 Jahren gab er die Brauerei wieder auf.

Jahrelang über die Verhältnisse gelebt

Insgesamt galt Berkemeier als leichtsinniger Mensch, der wohl jahrelang über seine Verhältnisse gelebt hatte. „So war es für ihn ein Glücksfall, dass sein Bruder Fritz aus Amerika zurückkehrte und ihn mit viel Geld vor dem Konkurs bewahrte“, berichtet Werner Höltke. Auch Fritz Berkemeier klotzte gewaltig. Dort, wo heute die Wohnhäuser des Landerweges stehen, ließ er einen Park anlegen, in dem er Obstbäume anpflanzte. Drei Lindenbäume setzte er direkt ans Landerhaus. Und er baute neben das Landerhaus ein weiteres kleines Haus, das er an den Hausweber Christoph Seppe vermietete.

Im Jahre 1881 zogen Fritz und Karl Berkemeier mit ihren Familien allerdings in die Oerlinghauser Dorfmitte und vermieteten das ganze Anwesen. Zu den Mietern gehörte Ende des 19. Jahrhunderts auch der Kaufmann Wilhelm Drexhage, der im Landerhaus ein kleines Kolonialwarengeschäft betrieb. Doch sein Absatzgebiet am Steinbült war zu klein, um von dem Geschäft leben zu können. „So musste er sich durch Zigarrenmachen Geld hinzuverdienen“, schreibt Werner Höltke.

Im Jahre 1921 kaufte die Dorfgemeinde Oerlinghausen das Fachwerkhaus am Landerweg und vermietete es ihrerseits. Zuletzt, kurz vor dem Abriss 2006, lebten im Landerhaus und dem kleinen Nebengebäude einkommensschwächere Bürger.

Die Quelle am Landerweg erwies sich als Segen für die Bevölkerung

Die Quelle am unteren Landerweg übrigens erwies sich als Segen für die Oerlinghauser Bevölkerung. Sie bildete die einzige offene Wasserstelle in harten Winterzeiten. Als beispielsweise im Winter 1929 viele Wasserleitungen der Stadt zugefroren waren, kamen die Anwohner mit Eimern und Wannen zum Landerweg, um dort ihr Trinkwasser zu holen.

Die Quelle am Landerweg lieferte noch Wasser, als im harten Winter 1929 die meisten Wasserleitungen zugefroren waren. - © Repro: Horst Biere / Quelle: AFM
Die Quelle am Landerweg lieferte noch Wasser, als im harten Winter 1929 die meisten Wasserleitungen zugefroren waren. | © Repro: Horst Biere / Quelle: AFM

Das Brauereigebäude dagegen fand ein unrühmliches Ende. Noch bis in die 1960er Jahre verfüllte man die Ruinen mit dem Müll aus Oerlinghauser Haushalten. Erst mit der späteren Renaturierung des Abfallentsorgungsgeländes entwickelte sich das ganze Areal am Rande des Schopketals zu einem hübschen Waldgebiet.

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