0
Ukrainische Geflüchtete und Gastgeber legen ihre Hände aufeinander und symbolisieren damit Dankbarkeit und herzliches Willkommen. - © Karin Prignitz
Ukrainische Geflüchtete und Gastgeber legen ihre Hände aufeinander und symbolisieren damit Dankbarkeit und herzliches Willkommen. | © Karin Prignitz

Leopoldshöhe/Oerlinghausen Wie die Situation für Geflüchtete aus der Ukraine in Westlippe ist

Eine Familie aus der Ukraine hat bei Oerlinghausern eine Unterkunft auf Zeit gefunden. Die Juristin, ihre Kinder und die Mutter erzählen von Angst, Dankbarkeit und Hoffnungen.

Birgit Guhlke
24.04.2022 , 08:13 Uhr
Karin Prignitz

Oerlinghausen/Leopoldshöhe. „Als wir die furchtbaren Bilder im Fernsehen verfolgt haben, war uns sofort klar, dass wir helfen müssen“, sagt die Oerlinghauserin Antje Bauer Bernardi. Im Haus, in dem sie mit ihrem Mann Renato, mit Tochter und Sohn lebt, steht eine separate Wohneinheit zur Verfügung. Dort leben seit dem 15. März Iryna, ihre Tochter Polina (14), Sohn Rostyslav (6) und ihre Mutter Larisa. Die Rechtsanwältin und ihre Familie stammen aus der ukrainischen Stadt Chmelnizky südwestlich von Kiew.

Derzeit leben knapp 190 Ukrainer in Oerlinghausen. Untergebracht sind sie überwiegend privat. Die Stadt hat außerdem in den vergangenen Wochen afghanische Ortskräfte aufgenommen. Ein ähnliches Bild gibt es in der Nachbargemeinde Leopoldshöhe. Hier haben, Stand Anfang April, 125 geflüchtete Menschen aus der Ukraine Zuflucht gefunden, davon 56 Kinder. Auch afghanische Ortskräfte leben bereits seit Wochen in der Gemeinde.

Untergebracht sind die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine privat, viele Familien, ehemalige Nachbarn, Bekannte und Freunde haben sie aufgenommen, sagt Jenny Czychun von der Gemeindeverwaltung. Aktuell gebe es in der Gemeinde noch keine Zuweisungen geflüchteter Menschen aus der Ukraine, vermutlich wird sich das nach den Osterferien ändern. Stellvertretend für die Geflüchteten erzählt die Ukrainerin Iryna ihrer Geschichte.

Zwei Wochen lang im Keller versteckt

„Am 24. Februar um fünf Uhr hat der Krieg begonnen“, sagt Iryna. „Ein tragisches Datum für unser Volk.“ Die zweifache Mutter erinnert sich an die Panik der Menschen, als die Luftangriffe begannen, an Raketen, die abgefeuert wurden. In der Nähe ihrer Heimatstadt liegt ein Flughafen. „Darauf haben die Russen zuerst geschlossen und auf Militärwerke.“ Mit unzähligen anderen Bewohnern eines neunstöckigen Gebäudes, in dem sie lebten, versteckten sie sich zwei Wochen im Keller. „Essen, Wasser und einen Eimer als Toilette haben wir mitgenommen“ und auch ihren kleinen Hund. Jeden Tag sind Tränen geflossen, war die Angst allgegenwärtig. „Das alles“, sagt Iryna, „war unerträglich.“

Als die ersten Nachrichten kamen, dass auch Kinder getötet und Frauen vergewaltigt werden, „haben wir beschlossen, dass ich mit Kindern und Mutter an einen sicheren Ort flüchte“. Ein Ukrainer, der in Bielefeld lebt und den sie als Anwältin vor einigen Jahren vertreten hatte, meldete sich, bot Hilfe an. Schwer sei es gewesen, alles aufzugeben, Mann und Bruder zurückzulassen, bestätigt Iryna. Viele ihrer russischen Freunde glaubten, was sie im staatlichen Fernsehen hören, berichtet die Ukrainerin. „Die Propaganda funktioniert gut.“ Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung denke anders, vor allem Jüngere, „aber sie haben alle Angst, sich zu äußern“, denn dann drohen ihnen langjährige Haftstrafen.

Flugzeuge am Himmel über Oerlinghausen

Antje und Renato Bauer Bernardi versuchen, ihren ukrainischen Gästen ein Stück Alltag zu vermitteln und die Gedanken an den Krieg ein wenig zu vertreiben. Das ist nicht immer einfach, denn vor allem Rostyslav hat mit vielen Ängsten zu kämpfen. „Als er die Flugzeuge am Himmel in Oerlinghausen gesehen hat, hat er Angst bekommen“, erzählt seine Mutter. „Auch vor den Sirenen der Krankenwagen fürchtet er sich.“ Iryna und ihre Familie haben mittlerweile eine kleine Wohnung gefunden, in der sie demnächst ein eigenständiges Leben führen können. Auch arbeiten darf Iryna, und das würde sie nur allzu gerne.

Saskia Frei-Klages vom Fachbereich Ordnung und Soziales in Oerlinghausen nennt die aktuellen Flüchtlingszahlen. Zuweisungen vom Land hat es noch nicht gegeben. Verteilt wird nach dem Königsteiner Schlüssel. Oerlinghausen hat danach eine Aufnahmeverpflichtung von 154 Menschen aus der Ukraine (Stand 1. April) und das Soll bereits übererfüllt. „Aktuell leben insgesamt 226 Flüchtlinge in der Stadt“, informiert Saskia Frei-Klages. Die Stadt muss zusätzlich bis zu 78 afghanische Ortskräfte aufnehmen. „Da sind wir im Soll“, sagt Frei-Klages. „264 müssen wir, derzeit sind es 186.“ Die ersten 18 sind bereits eingetroffen und werden vorübergehend im Waldhof untergebracht. Der ist damit voll belegt.

Bei den afghanischen Ortskräften, die langfristig bleiben werden, ist die Stadt nicht verpflichtet, Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Anders ist es bei den Geflüchteten aus der Ukraine. „Wir sind dabei, weitere Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen“, sagt Bürgermeister Dirk Becker, der bereits etliche Gespräche geführt hat. Ziel sei es, die Belegung von Turnhallen so lange wie möglich zu vermeiden. „Helfen würde, wenn Eigentümer leerstehende Wohnungen zur Verfügung stellen würden“, sagt Dirk Becker. Eine lange Liste mit gemeldeten Zimmern gebe es bereits, die würden derzeit aber nicht benötigt, sondern Wohnungen. Saskia Frei-Klages verweist auf das Hilfsportal unterkunft-ukraine.de oder germany4ukraine.de, auf denen Wohnungen angeboten werden können.

Im März standen die Flure voll

Insgesamt sei die Hilfsbereitschaft der Bürger großartig, lobt Saskia Frei-Klages. „Von den derzeit knapp 190 Personen aus der Ukraine sind nur 23 kommunal im Waldhof untergebracht. „Wir bemühen uns, jedem zu helfen und zu vermitteln.“ Allerdings müsse das alles mit nur zwei Sachbearbeiterinnen gestemmt werden. Arne Fischer, zuständig für Sozialarbeit und Flüchtlingsbetreuung, hat eine längere Fortbildung absolviert und war seit dem 11. April wieder im Rathaus. „Ab der zweiten Märzwoche standen die Flure voll, seit Ende März ist es ruhiger geworden“, sagt Frei-Klages. Nachgedacht worden ist über einen runden Tisch.

Einige ukrainische Kinder sind bereits an der Südstadtschule, der Heinz-Sielmann-Schule und dem Gymnasium. Schulpflicht bestehe erst, wenn die Aufenthaltserlaubnis erteilt ist. Es gibt aber ein freiwilliges Angebot. Teilweise werden die Kinder weiter von der Ukraine aus beschult. In den Kitas sind noch keine Kinder aus der Ukraine. Die Stadt hat Kontakt mit dem Kreisjugendamt aufgenommen. „Daran wird gearbeitet“, sagt Saskia Frei-Klages. Die ersten Anmeldungen werden erwartet.

Spontaner Deutschkursus in der Kirche

An der Grundschule Nord in Leopoldshöhe waren vor den Osterferien bereits fünf ukrainische Kinder im Unterricht, ein sechstes angemeldet. Deutschunterricht ist auch für die Erwachsenen ein Thema. In Leopoldshöhe bietet eine ehrenamtliche Helferin des Runden Tisches Asyl bereits einen Kursus an, hilft, erste Verständigungsprobleme zu lösen. Der Kursus findet donnerstags von 9 bis 11 Uhr im Gemeindesaal der evangelisch-reformierten Kirche statt, sagt Jenny Czychun. Gut erreichbar per (für Ukrainer kostenlos nutzbarem) Busanschluss. Auf dem Marktplatz steht eine Teststation für Coronaschnelltests, für diejenigen, die noch nicht geimpft sind.

Mehr zum Thema

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken