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Das Gros der Mitglieder des Handwerker-Stammtisches trifft sich mittlerweile regelmäßig im Oerlinghauser Kastanienkrug. Viele, die bei der Gründung vor drei Jahrzehnten dabei gewesen sind, sind heute im Ruhestand. - © Karin Prignitz
Das Gros der Mitglieder des Handwerker-Stammtisches trifft sich mittlerweile regelmäßig im Oerlinghauser Kastanienkrug. Viele, die bei der Gründung vor drei Jahrzehnten dabei gewesen sind, sind heute im Ruhestand. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Westlippische Handwerker arbeiten Hand in Hand

Gewerke stimmen sich seit Jahrzehnten ab. Vor 30 Jahren ist der Handwerker-Stammtisch ins Leben gerufen worden. Nachwuchsmangel ist schon damals Thema gewesen.

Karin Prignitz
03.02.2022 , 11:13 Uhr

Oerlinghausen/Leopoldshöhe. Zu viele Aufträge, zu wenig Material, zu wenige Mitarbeiter. So sieht sie aus, die aktuelle Situation im Handwerk. „Früher war es genau umgekehrt“, sagt Jannik Molck. Der 25-Jährige gehört zu denen, die sich dem Trend entgegenstellen. Im November hat der Bergstädter den seit mehr als sechs Jahrzehnten bestehenden Betrieb „Elektro Brinkmann“ in Asemissen übernommen und die Nachfolge von Detlef Brinkmann angetreten.

"Ein zweiter Azubi wäre schön"

Zwei Meister und acht Angestellte arbeiten dort. „Gerade haben wir einen Auszubildenden gewonnen“, erzählt Jannik Molck. Beginnen wird der im Sommer. „Ein zweiter Azubi wäre schön.“ Bewerbungen aber gibt es keine. „Das Interesse ist gering, deshalb muss man schon selber aktiv werden.“ Jüngere Menschen seien heutzutage vor allem über die sozialen Medien zu erreichen. Also müsse man versuchen, sie dort anzusprechen. Jannik Molck ist das jüngste Mitglied des Handwerker-Stammtisches. Vor 30 Jahren ist der gegründet worden. Malermeister Winfried Ober und Dachdeckermeister Rainer Quermann gehörten zu den Initiatoren.

„Angesichts des immer mehr sinkenden Interesses an den Handwerksberufen sollten wir etwas unternehmen, um dem entgegenzuwirken“, heißt es in einem Rundschreiben vom 15. Januar 1992. Die erste Versammlung fand am 1. Februar 1992 im Gasthaus Tönsberghöhe statt. Zehn Handwerker waren anwesend. Alle hatten einen Meistertitel.

Nachwuchswerbung stand schon immer auf der Tagesordnung

Die Nachwuchswerbung stand schon damals ganz oben auf der Tagesordnung. Gespräche mit den Schulen wurden gesucht, Informationsstände aufgebaut, Informationsmaterial verteilt, die Berufsberatung mit einbezogen. Werbung und die Erscheinungsbilder der Betriebe gehörten ebenfalls zu den Themen, die schon damals diskutiert wurden.

„Der Mangel an Nachwuchs ist heute noch schlimmer“, berichtet Installateur und Anlagentechniker André Bazalik. Die Hälfte der Mitglieder am Handwerker-Stammtisch seien mittlerweile Ruheständler. „Wir haben bisher immer Glück gehabt“, sagt Bazalik, der derzeit unter anderem einen Umschüler und einen Azubi beschäftigt. „In die Energiewende“, da ist sich der Meister sicher, „können wir nur mit Man-Power eingreifen“, daran hapere es derzeit aber.

„Man muss selber Initiative zeigen, sonst hat man keine Chance“

Julia Tintelnot gehört zu den Jüngeren in der Runde. Sicherlich sei die Situation schwierig, sagt sie, die den elterlichen Betrieb für Heizung, Sanitär und Elektrik gemeinsam mit ihrem Mann Ingmar Kramme führt. „Die Kreishandwerkerschaft bietet aber viele Projekte an.“ Unter anderem Online-Bewerbungsgespräche. Auch in den Schulen werde geworben. „Man muss selber Initiative zeigen“, das sagt auch sie, „sonst hat man keine Chance.“

Julia Tintelnot hat festgestellt, dass sich das Blatt allmählich wendet. „Das Bewusstsein für die Ausbildungsberufe kehrt allmählich zurück.“ Derzeit aber gelte es noch, mit weniger Personal auszukommen. Die Folge: „Im vergangenen Jahr haben wir keine Neukunden mehr aufnehmen können.“

Ganz ähnlich geht es den anderen Betrieben. Wenn Notfälle dazukommen, bedeutet das im Umkehrschluss längere Wartezeiten für andere Kunden. „Wir versuchen, alles möglich zu machen“, sagen die Handwerker. Als großen Vorteil heben sie das unkomplizierte Miteinander hervor. Auf Baustellen etwa seien die Absprachen leichter, wenn mehrere Gewerke, die sich untereinander kennen, dabei seien.

"Handwerksarbeit ist nicht nur mit Dreck verbunden"

Alle sind sich einig, dass es sicherlich genügend handwerklich begabten Nachwuchs gibt. Oftmals seien es aber auch die Eltern, die für ihre Kinder unbedingt ein Studium anstrebten. Für Julia Tintelnot ist es unumgänglich, Handwerk mit Akademikern zu verbinden und noch einmal deutlich aufzuzeigen, dass Handwerksarbeit nicht nur mit Dreck verbunden sei. „Es gibt auch die andere Seite.“ Sie plädiert dafür, Vergünstigungen für Auszubildende zu schaffen.

Das Thema Smarthome spiele der Entwicklung in die Karten, hofft Jannik Molck. Er selbst hat die Heinz-Sielmann-Schule besucht und sich bei Elektro-Brinkmann zum Energie- und Gebäudetechniker ausbilden lassen. Bauleiter war er in einer anderen Firma, machte seinen Meister und nahm schließlich das Übernahmeangebot von Detlef Brinkmann an.

Was Jannik Molck an seinem Beruf besonders schätzt? „Es gibt unglaublich viel Abwechslung.“ Etwas mit den eigenen Händen zu schaffen und das Ergebnis am Ende des Tages zu sehen, sei ein schönes Erlebnis. Ein schon lange existierender Spruch rückt angesichts des Nachwuchsmangels immer mehr in den Fokus. „Handwerk hat goldenen Boden.“ Fachkräfte und Auszubildende sind allen jederzeit herzlich willkommen.

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