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OWL Die schwierigen Ermittlungen im Fall Arzu Özmen (18)

Weiter keine Spur von entführter Kurdin

VON HUBERTUS GÄRTNER UND SIGRUN MÜLLER-GERBES
09.11.2011 | Stand 08.11.2011, 20:18 Uhr
Die 18-jährige Arzu Özmen. - © FOTO: POLIZEI
Die 18-jährige Arzu Özmen. | © FOTO: POLIZEI

Bielefeld. Ihr Schicksal ist ungewiss. Es macht betroffen und beschäftigt viele Menschen in der Region. An Allerheiligen wurde die junge Kurdin Arzu Özmen (18) gewaltsam aus der Wohnung ihres deutschen Freundes in Detmold entführt. Seither fehlt von ihr jede Spur. Die mutmaßlichen Täter tragen zur Aufklärung nichts bei. Vier ältere Brüder und eine Schwester von Arzu sitzen wegen Geiselnahme in Untersuchungshaft und hüllen sich weitgehend in Schweigen.

"Wir ermitteln in einem kulturellen Bereich, den wir nicht kennen": In den Worten des Detmolder Oberstaatsanwalts Michael Kempkes spiegelt sich ein Anflug von Ratlosigkeit und großes Befremden. Kein Wunder: Dieser Fall ist mit gewöhnlichen Maßstäben nicht zu messen. Er folgt einer anderen Logik. Azur Özmen wurde allein deshalb von ihren Familienangehörigen entführt, weil sie eine Beziehung zu einem Andersgläubigen hatte. Für den Jesiden ist eine solche Verbindung aber tabu.

Die Jesiden sind eine kurdische Volksgruppe und Anhänger einer eigenständigen, monotheistischen Religion. Weltweit wird ihre Zahl auf etwa 800.000 geschätzt. "Jeside kann man nur durch Geburt werden", sagt Karl-Hein Voßhaus, Leiter des Amtes für Integration und Interkulturelle Angelegenheiten in Bielefeld. Für Jesiden, in deren archaischem Kastensystem die Scheichs eine maßgebliche Rolle spielen, ist eine Heirat mit Andersgläubigen gleichbedeutend mit dem Austritt aus der Religionsgemeinschaft. "Wer das tut, wird verstoßen", sagt Voßhaus. Nach seinen Angaben leben etwa 6.000 bis 7.000 Jesiden in OWL. Sie stammen aus dem Irak, der Türkei oder Syrien, allesamt Ländern, in denen sie zum Teil seit Jahrhunderten verfolgt und unterdrückt wurden.

Viele jesidische Frauen seien sehr selbstbewusst

Die häufig aufgestellte These, dass Jesiden zur Gewalttätigkeit neigten, sei nicht richtig, betont Voßhaus. Auch würden jesidische Frauen keineswegs generell unterdrückt. Viele seien sehr selbstbewusst, anerkannt und beispielsweise als Unternehmerinnen tätig. Gleichwohl gebe es unter Jesiden "Fälle von Selbstjustiz". "Das müssen wir ganz klar verurteilen", fordert Voßhaus. Nach seinen Worten resultieren bei Jesiden Konflikte oft daraus, dass "die jungen Menschen ihren eigenen Weg gehen" wollten. Insbesondere dann, wenn sie Beziehungen außerhalb der jesidischen Religionsgemeinschaft anstrebten, würden sie von den religiösen Oberhäuptern zurechtgewiesen.

Hessin Kocas, Vorsitzender des jesidischen Vereins Ostwestfalen-Lippe, will zum aktuellen Fall nichts sagen und bestätigt lediglich, dass "da, wo ich herkomme, Jesiden nur Jesiden heiraten dürfen", die Zeit von Zwangsverheiratungen aber "hinter uns" liege. Eine harte Verurteilung des Vorfalls kommt ihm aber nicht über die Lippen – lediglich ein vorsichtiges "Eine Entführung ist nicht richtig".
Überall dort, wo "verkrustete Traditionen" existieren, würden junge Frauen unter Druck gesetzt, sagt Birgit Hoffmann, Geschäftsführerin des Bielefelder Mädchenhauses. Dies sei aber kein spezielles Problem der Jesiden, sondern auch in anderen Religionen zu finden. Jedes Jahr würden sich etwa 200 junge Frauen in ihrer Online-Beratung "Schutz vor Zwangsheirat" melden, sagt Hoffmann.

Es sei "fatal, wenn man von der Ursprungsfamilie im Stich gelassen wird", sagt Melanie Rosendahl vom Bielefelder Frauennotruf. Arzu werde in großer Not sein, vermutet sie. "Wir gehen davon aus, dass wir sie lebend finden", sagt Oberstaatsanwalt Kempkes.

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