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Für kurze Zeit durften sie den neuen Wetterhahn tragen, der auf die Spitze der Alexanderkirche gesetzt wurde. Links, das Friseurgeschäft Drewes, im Hintergrund der Simonsplatz. Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv AFM - © Horst Biere
Für kurze Zeit durften sie den neuen Wetterhahn tragen, der auf die Spitze der Alexanderkirche gesetzt wurde. Links, das Friseurgeschäft Drewes, im Hintergrund der Simonsplatz. Repros: Horst Biere / Quelle: Archiv AFM | © Horst Biere

Oerlinghausen Stadtgeschichte: Die Straßenkinder der 30er Jahre

Spiele mit Murmeln und Tonnbändern, mit Budenbauen und Reiterkämpfen. Horst Heißenberg beschreibt die frühesten Jugendjahre an der Robert-Koch-Straße.

Horst Biere
24.11.2019 | Stand 22.11.2019, 17:55 Uhr

Oerlinghausen. Autostraßen als Kinderspielplätze? Vor 80 Jahren war das kein Problem. „Die Motorisierten bildeten in den 30er Jahren die absolute Ausnahme, so dass wir Kinder auf der Straße Fußballspielen konnten“, schreibt Horst Heißenberg in seinen Lebenserinnerungen. „Die Robert-Koch-Straße, in der ich aufgewachsen bin, war zusammen mit dem Steinbült eine geschotterte Sackgasse, auf der sich meist nur Pferdefuhrwerke begegneten.“ Im Jahre 2007 verstarb der 1929 geborene Heißenberg. Seine Aufzeichnungen über die Bergstadt allerdings geben einen amüsanten Einblick, wie unabhängig Kinder damals in Oerlinghausen aufwuchsen. „Ab dem dritten Lebensjahr gingen wir Kinder von der Robert-Koch-Straße gemeinsam zu Tante Änne in den Kindergarten unterhalb der Kirche“. Es war kein weiter Weg, doch die Kleinen waren stolz darauf, dass sie so selbstständig ohne Begleitung von Erwachsenen dorthin rennen konnten. „Wir waren glücklich, heiter und zufrieden in der dörflichen Atmosphäre Oerlinghausens“, erinnerte sich Heißenberg. Eisenreifen wurden mit Stöckchen über die Straße getrieben Später, in der Schulzeit, trafen sich alle Klassenkameraden nachmittags auf der Straße. „Es gab ja noch keine PCs“, erzählte er, „wer Glück hatte, dessen Eltern besaßen im Wohnzimmer ein Radio, einen sogenannten Volksempfänger.“ Gemeinsam spielten sie auf dem „Trottoir“ (Bürgersteig), der an der Robert-Koch-Straße nur aus festgetretenem Lehm bestand. Sie liebten kleine Wettkämpfe: „Unser Favorit war das Spiel Deutschland gegen England, das wir mit unseren Taschenmessern ausführen konnten.“ Die Kinder spielten oft mit Murmeln, also kleinen gefärbten Glas- oder Tonkugeln, die man in ein Loch auf dem Gehweg befördern musste. Mitten auf der Straße ließen sie die Tonnbänder sausen. Das waren Eisenreifen von alten Holzfässern, die man mit einem Holzstock über die Straße trieb. Das Material, also die Holzstöcke, holten sich die Kinder einfach vom nahegelegenen Menkhauser Berg. Der bewaldete „Menkhauser“ bildete ohnehin einen riesengroßen Abenteuerspielplatz. Man streifte durchs Unterholz, grub tiefe Löcher in den Waldboden und baute so seine „Bude“. Schön abgedeckt und getarnt mit Grasbüscheln und Reisig, damit eine gegnerische „Bande“ sie nicht gleich fand und eindringen konnte. Es gab immer wieder kleine Kämpfe oder Reiterspiele. Mal waren es Indianer gegen Cowboys, mal die Gendarme („Schanditz“) gegen die Räuber. Die Kinder rauften miteinander, verdrehten sich Arme und Beine, warfen sich gegenseitig auf den Boden und fesselten sich. „Die neue Weltanschauung kapierten wir nicht“ Es gab mal kleine Schrammen und eine blutige Stirn, doch nach dem Spiel versuchte man alle Blessuren geschickt zu verbergen. Denn wenn jemand so verdreckt und blutig nach Hause kam, setzte es manchmal noch kräftige Ohrfeigen der Eltern. „Viel Zeit haben wir investiert in den Bau von Sandburgen“, berichtete Horst Heißenberg. Am Menkhauser Berg gegenüber des Kastanienkruges lag eine weithin sichtbare Sandkuhle. Oftmals grub man sich wie ein Maulwurf tief in den Sand hinein, ließ sich von den Spielkameraden bis zum Hals zuschütten und versuchte aus eigener Kraft wieder heraus zu gelangen. Früh lernten die Oerlinghauser Kinder das Schwimmen im eiskalten Wasser des Schopkebades. Dann 1936 eröffnete das Freibad am Kalkofen. „Bei der Einweihung konnte ich meine Kraulschwimmkünste zeigen“, schrieb Heißenberg, „und erhielt dafür meinen Spitznamen ‚Haifisch‘.“ Mit viereinhalb gab's das erste Rädchen Einer der glücklichsten Tage der Jugendzeit kam für ihn, als ihm sein Vater ein wunderschönes Kinderfahrrad schenkte. „Ich war damals erst viereinhalb Jahre alt, doch ich habe schnell gelernt, wie man damit fährt.“ Natürlich waren alle Spielkameraden neidisch, doch es galt offenbar als selbstverständlich, dass auch die Nachbarskinder mitten auf der Robert-Koch-Straße darauf Radfahren lernten. Nun aber konnte der kleine Knirps seinen Horizont gewaltig erweitern. „Jetzt durfte ich – mit einem Rucksack behängt, in dem Geld und ein Einkaufszettel lag – alleine in die Holter Straße zum Einkaufen fahren.“ Die Mutter schickte den Kleinen zum Geschäft von Frau Daube oder zu Lücking, die ihren typischen Tante-Emma-Laden im Erdgeschoss des Kastanienkrugs besaßen. Das frische Brot gab’s in der Bäckerei Dickmann an der Ecke Holter-/Friedrichstraße. Manchmal sogar führten die Einkaufstouren ihn zu Schlachter Pucker (heute Fleischerei Nier) am Ende der Hauptstraße oder zu Bäcker Wedepohl gleich im Nebenhaus. Zehn Jahre lang habe er mit seinen Eltern und seinem Bruder Ernst-August („Flandern“), seinen Schwestern Ruth („Deiwi“) und Bärbel („Rabba“) an der Robert-Koch-Straße gelebt, erinnerte sich Horst Heißenberg, „Dann, 1939, kündigte sich mein Bruder Jochen an. Die größere Familie brauchte mehr Platz. „Daraufhin haben meine Eltern das Haus an der Detmolder Straße Nr. 48 gekauft.“ Für den kleinen Horst bedeutete der Umzug gleichzeitig den Wechsel von der Volksschule (heute Rathaus) zur Rektorschule (am Kirchplatz). Doch nach nur kurzer Zeit waren auch die Freundschaften im damaligen 3.000-Seelen-Ort Oerlinghausen neu geregelt. „Nach wie vor streiften wir durch die Wälder“, schrieb Horst Heißenberg, „nur jetzt in Uniform der Hitlerjugend. Aber die neue Weltanschauung kapierten wir nicht“.

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