0
Einschlag: Wie eine Rakete war der Kessel aus dem 500 Meter entfernten Hartsteinwerk in das Kalkwerk geflogen. - © Repros Horst Biere / Quelle: NW-Archiv
Einschlag: Wie eine Rakete war der Kessel aus dem 500 Meter entfernten Hartsteinwerk in das Kalkwerk geflogen. | © Repros Horst Biere / Quelle: NW-Archiv

Oerlinghausen Zwei Werke an einem Tag zerstört

Schlimmster Unfall im Oerlinghausen der Nachkriegszeit. Ein riesiger Härtekessel im Hartsteinwerk fliegt in die Luft – und landete 500 Meter entfernt im Kalkwerk. Ein Arbeiter stirbt

Horst Biere
08.11.2019 | Stand 08.11.2019, 18:07 Uhr

Oerlinghausen. Es war der 23. Januar 1973, der wohl als einer der tragischsten Tage in die Oerlinghauser Stadtgeschichte eingegangen ist. Ein ohrenbetäubender Knall zerriss um 13.45 Uhr die mittägliche Ruhe in der kürzlich gebauten Südstadt und war sogar noch auf der Nordseite des Tönsbergs laut hörbar. Eine gewaltige Explosion erschütterte das Hartsteinwerk und deckte das Dach ab. Wie von Geisterhand gelenkt, schoss einer der acht Härtekessel von 18 Metern Länge aus seiner Bodenverankerung und jagte wie eine Rakete durch die Luft. Er flog knapp am Schornstein des neuen Heizkraftwerkes vorbei, schlug eine breite Schneise durch die Fichten des Barkhauser Berges und donnerte mit voller Wucht in das Dach des Kalkwerks am Sportplatz. Hier zerstörte das Riesengeschoss einen großen Teil des Gebäudes und einige Bereiche der Abfüllanlagen. Im Kalkwerk wurde allerdings niemand verletzt. Ganz anders sah es jedoch am Explosionsort des Hartsteinwerkes aus. Der Arbeiter Heinz Böger, ein 35-jähriger Familienvater, kam bei dem Unfall ums Leben. Er wurde erst nach zwei Stunden von Suchtrupps unter einem Gewirr von verbogenen Eisenstangen und Kalksandsteinresten gefunden. Der sogleich herbei gerufene Oerlinghauser Arzt Dr. Horst Wollny konnte nur noch seinen Tod feststellen. Pförtner kriecht auf allen Vieren ins Freie Was war geschehen? Die Gewerbeaufsicht, die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft, die bereits kurz nach dem Unglück am Hartsteinwerk eintrafen, rekonstruierten den Fall. Danach hatte der Mitarbeiter Heinz Böger, der für die Beladung der Kalksandsteine zuständig war, einen der acht Hochdruck-Dampfkessel mit neuem Brenngut, also mit Steinen, beschicken wollen. In den Kesseln wurden die Kalksteine mit einem Druck von 16 Atü (Atmosphären-Überdruck) und über 200 Grad Hitze zu harten Ziegeln gebrannt. Die Arbeiter kamen dabei mit den Kesseln nicht in unmittelbare Berührung, denn die Beladung der großen Brennkammern erfolgte aus der Ferne. Mit Seilwinden wurden die mit Steinen beladenen Wagen in die Kessel hinein und auch wieder heraus gezogen. Als Heinz Böger den Kessel Nummer Drei öffnete, muss es durch technisches Versagen offenbar zu der katastrophalen Explosion gekommen sein. „Die stählernen Eingangstore der Brennkessel hatten sich wie Fahnentücher um die Hallenpfosten gewickelt“, beschreibt die Neue Westfälische die Situation am nächsten Tag. Der aus den übrigen Kesseln entweichende Dampf habe die Rettungskräfte von Feuerwehr und weiteren Bergungshelfern noch etwa zwei Stunden lang am Betreten des Unglücksortes gehindert. Von den insgesamt 31 Beschäftigten waren zur Unglückszeit 19 im Betrieb. Als die Wände zu wackeln begannen, verließen die Arbeiter fluchtartig die Halle. Der 60-jährige Pförtner Fredy Mahnke überlebte die Explosion in seinem Raum neben der Kesselhalle. Er erzählte später: „Neben mir sauste der eiserne Panzerschrank runter, alle Möbel flogen durcheinander und ich wurde auf den Boden geschleudert. Auf allen Vieren kroch ich durch den Dampf ins Freie.“ Gleich neben dem einstürzenden Pförtnerbüro flohen der damals 54-jährige Arbeiter Kurt Reinholz, sein 32-jähriger Kollege Franz Bartsch und der 33-jährige Kranfahrer Hans-Joachim König aus dem Gebäude. Sie wurden jedoch von umherfliegenden Teilen getroffen und kamen ins Krankenhaus. Wie es heißt, waren ihre Verletzungen nur leicht. Ein Lkw-Fahrer aus Lage, der gerade eine Ladung Steine abholen wollte, kam mit dem Schrecken davon. „Es ging so blitzschnell“, gab er später zu Protokoll, „wenn ich mit meinem Fahrzeug einige Minuten früher gekommen wäre, hätte der Kessel auch meinen Laster zerrissen.“ Die Ursache kann nicht geklärt werden Kurz nach den Rettungskräften trafen auch die damaligen Oerlinghauser Stadtverantwortlichen am Unglücksort ein. Bürgermeister Konrad Dreckshage und Stadtdirektor Werner Goldbeck sprachen später der Familie des Unfallopfers Heinz Böger ihr Beileid aus. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konnten aber offenbar kein menschliches Versagen feststellen, deshalb blieb zum Schluss wohl nur ein unerkannter technischer Defekt an der Produktionsanlage als Ursache für das Unglück. Das Oerlinghauser Werk, auf dessen Gelände heute die Stadtwerke ihre Energieproduktion weiter ausbauen, gehörte zum Firmenverbund der Bielefelder Hartsteinwerke und damit seinem Inhaber Ernst Haßler. Ein weiterer Produktionsstandort der Bielefelder Hartsteinwerke lag in einem Werk in Brackwede. Im Kalkwerk am Sportplatz, das auch durch die Explosion in Mitleidenschaft gezogen wurde, brannte man noch bis zum Ende der 1990er Jahre den Kalk, der aus dem Kalkstein des Barkhauser Berges gewonnen wurde. Die letzten Geräte und Anlagen baute man 2001 ab. Der NABU, der Naturschutzbund, hatte zehn Jahre zuvor das Gelände gekauft. Heute steht das Gelände am ehemaligen Kalkwerk unter Naturschutz. Viele seltene Tierarten haben sich seither dort wieder angesiedelt.

realisiert durch evolver group